Hahaganda: Witze als Waffen gegen Europa
Moskau macht seine Gegner klein. Manchmal wortwörtlich: Russische Cartoons machen sich oft über die Körpergröße des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj lustig. Das hat System - und ist Teil eines größeren Plans: Russland flutet Europa mit Desinformation. Gut, da ist der Kreml nicht allein: Wenn die EU von schädlichen Falschinformationen spricht, nennt sie das „FIMI”: “Foreign Information Manipulation and Interference”, übersetzt: ausländische Informationsmanipulation und Einmischung.
Dabei geht es nicht um einzelne Trolle, die sich einen Spaß daraus machen, Blödsinn oder sogar verletzende bis strafbare Inhalte im Internet zu verbreiten. „FIMI” ist großflächig verbreitete strategische, koordinierte und absichtliche Manipulation.
2025 dokumentierte der Europäische Auswärtige Dienst (EEAS) 10.500 Social-Media-Kanäle, die Desinformation und Propaganda erstellten und verbreiteten. Rund 29 Prozent der Fälle wurden Russland zugeordnet, sechs Prozent China. Der Rest konnte nicht zugeordnet werden. Die Taten selbst sind meist nicht einmal illegal, aber sie bedrohen dennoch die demokratischen Strukturen und Prozesse in Europa. Und manchmal werden diese Angriffe als schlechte Witze getarnt. Dann schlägt die „Hahaganda” zu.
Hinter der Maske des Humors
„Hahaganda” ist ein Mischwort aus einem Lachen („Haha”) und Propaganda. Und genau darum geht es: Propaganda soll humoristisch verbreitet werden. „Indem komplexe Ereignisse in Memes und Gegner in Pointen verwandelt werden, wird Spannung abgebaut und gleichzeitig eine strategische Erzählung vermittelt”, schreibt die britische Denkfabrik „International Institute for Strategic Studies” in einem Bericht aus dem Juni vergangenen Jahres über die russische „Hahaganda”: „Diese Methode unterstützt die Bemühungen des Kremls, Zynismus und Ermüdung zu schüren, ohne dabei direkt in Verbindung gebracht zu werden, was sie zu einer flexiblen und abstreitbaren Form der Informationskriegsführung macht.”
Das Ziel sei nicht, das Publikum von der Wahrheit des Witzes zu überzeugen, schreibt die EU-Faktencheck-Seite „EUvsDisinfo”. Es gehe Russland vielmehr darum, „die Glaubwürdigkeit und Vertrauenswürdigkeit eines bestimmten Ziels durch ständige Verspottung und Demütigung zu untergraben”.
Mit Memes und Witzen werden also demokratische Institutionen abgewertet und verspottet. Die Propaganda ist unauffälliger, weil sie sich hinter Humor versteckt – und bleibt gleichzeitig besser in Erinnerung.
Meist ist der Humor sehr platt: Ein russischer Cartoon zeigt etwa den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, der sich aufgrund seiner kleinen Körpergröße auf ein Stockerl stellen muss, um „auf Augenhöhe” zu verhandeln. Die Präsidentin von Moldau, Maia Sandu, wird in einem leeren Saal des Europäischen Parlaments gezeigt, die Botschaft: Ihr hört eh niemand zu. Sogar Morde werden ins Lächerliche gezogen. Nach dem Mordanschlag auf Sergey Skripal 2018 in London erklärte die damalige britische Premierministerin, es sei „highly likely”, dass Russland hinter dem Attentat stecke. Der Hashtag „#HighlyLikely” wurde dann von russischen Desinformationskampagnen genutzt, um sich über Großbritannien lustig zu machen.
Neues Schutzschild
Bei den großen, professionellen Desinformationskampagnen wird die russische „Hahaganda” auf mehreren Ebenen verbreitet. Zum Beispiel werden im Rahmen der russischen „Operation Overload” KI-Bilder erstellt, die auf den ersten Blick Graffitis in Europa zeigen: Ein Bild zeigt den dreiäugigen Fisch „Blinky” aus der Fernsehserie „Die Simpsons”, der in der Pariser Seine badet und ruft: „Die Seine ist ganz sauber!” Die Botschaft: Frankreich schafft es nicht einmal, seine Flüsse sauber zu halten. Eine Wiederholung des klassischen, russischen Narrativs eines angeblichen Verfalls Europas. Die gefakten Graffitis werden dann von Fake-Profilen auf Social-Media verbreitet, teilweise erscheinen Artikel darüber auch auf gefakten Nachrichtenseiten.
Was also tun gegen die „Hahaganda”? Im Europäischen Parlament arbeitet ein eigener Ausschuss an einem „Demokratieschild”, das Europa vor ausländischer Einflussnahme schützen soll. Die EU-Kommission könnte auch stärker gegen Social-Media-Riesen vorgehen, wenn sie Desinformation derart stark verbreiten. Warum sie das noch nicht tut und welche weiteren Vorschläge im Kampf gegen Desinformation vorliegen, darüber spreche ich in unserem EU-Podcast „Schlacht um Europa”.
Wir Konsumentinnen und Konsumenten im Internet können jedenfalls vor allem zwei Dinge tun: Nachdenken und überprüfen, bevor wir reposten. Selbst wenn der Witz noch so lustig ist.