Paschinjan steht hinter Putin, beide in Anzug, vor einer Europakarte.
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So versucht Russland Armeniens Wahlkampf zu manipulieren

profil vorliegende Dateien aus einem Kreml-Leak enthüllen, wie Moskau versucht die Wahlen in Armenien zu beeinflussen.

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„Bei Armenien hatten wir einen Erfolg“, schreibt Sofia Zakharova in den Büro-Chat. Sie ist eine hohe Mitarbeiterin des russischen Präsidialamts. Und dann schickt sie ein Dokument nach. Es ist eine Bilanz. Akribisch wird darin aufgelistet, wie viele Klicks eine von Moskau lancierte Falschmeldung generiert hat, wonach Armeniens liberaler Präsident Nikol Paschinjan in Marseille eine Villa um drei Millionen Euro an gestohlenen Hilfsgeldern gekauft hätte. Zehn Millionen Mal wurde die Fake-Story gelesen, auf Armenisch sogar zwei Millionen Mal. Astronomische Zahlen – immerhin sprechen weltweit nur sieben Millionen armenisch.

Es sind zwei Dokumente aus einer Fülle an rund 70 geleakten Screenshots, Tabellen und anderen Dateien, die profil vorliegen und im Zuge einer Recherchekooperation mit „Delfi Estonia“, dem Recherchenetzwerk OCCRP und anderen Medien ausgewertet wurden. Sie stammen aus der Feder der russischen Präsidialverwaltung und der Trollfabrik „Social Design Agency“.

Hier wurden Fake-News-Kampagnen geplant. Dieses Jahr sollte besonders Armenien ins Visier genommen werden, das geht aus den Leaks hervor. Es ist die größte Desinformationskampagne Russlands, seit dem Versuch die Wahlen in der Republik Moldau im September 2025 zu beeinflussen, sagen Experten.

Denn das kleine Kaukasusland wählt am 7. Juni ein neues Parlament. Eine Bewährungsprobe für den umstrittenen, prowestlichen Premier Nikol Paschinjan, der von den EU und den USA unterstützt wird – „Make Armenia Great Again“, schrieb US-Präsident Donald Trump auf „Truth Social“. Paschinjan will sein Land unabhängiger von Russland machen und aus einem Militärbündnis mit Moskau austreten.

„Ziel ist eine ablehnende Haltung gegenüber Premier Paschinjan zu wecken sowie eine positive Einstellung gegenüber jenen Vertretern der armenischen Politik zu fördern, die sich für eine möglichst enge Anbindung an Russland einsetzen“, heißt es zum Beispiel in einem Dokument aus dem Leak.

Fake it till you make it

Russlands bevorzugter Wahlsieger in Armenien steht bereits fest: Er heißt Samvel Karapetjan – ein russisch-armenischer Milliardär, der sein Reichtum in Moskau gemacht hat. Der Bau-Mogul soll laut dem in Lettland ansässigen, russischen Medium „The Insider“ im Jahr 1999 für den russischen Geheimdienst FSB gearbeitet haben. Karapetjan sitzt aktuell unter einer fadenscheinigen Anklage – wohl auf Druck Paschinjans – in Hausarrest.

Ein Teil der Anti-Paschinjan-Kampagne des Kremls ist die Webseite EREVAN.ONE, benannt nach der armenischen Hauptstadt Jerewan, wie der Leak enthüllt. Rund zweieinhalb Millionen Nutzer pro Monat soll die Seite erreichen. Die Negativkampagne gegen Paschinjan nimmt auf EREVAN.ONE teilweise skurrile Züge an: Hier finden sich Horoskope, die dem Premier den „Verlust der Gunst der Sterne“ und damit eine Wahlniederlage vorhersagen.

Die aktuelle Kreml-Kampagne reiht sich ein in eine Kakophonie aus Fake News und KI-Propaganda, die aktuell den Wahlkampf in Armenien prägt. Auch die Regierungspartei „Zivilvertrag“ von Premier Paschinjan mischt mit: Das armenische Medium CivilNet deckte auf, dass Taron Tschachojan, Paschinjans stellvertretender Kabinettschef, hinter einer Webseite steckt, die massenhaft regierungsfreundliche Social-Media-Posts von Fakeprofilen verbreitete.

KIs umfärben

Neu im Vergleich zum Leak von 2024 (profil berichtete) ist Russlands Versuch sogenannte „self-filling knowledge bases“ („selbstfüllende Wissensdatenbanken“) aufzubauen, die man sich wie Klone von Wikipedia vorstellen muss. Die Kalkulation, die dahintersteckt, ist besonders perfide: KIs wie ChatGPT, die darauf angewiesen sind, Daten aus dem Internet abzusaugen, um ihre KI-Modelle zu trainieren, sollen damit „umgepolt“ werden und sollen unwissenden KI-Nutzern plötzlich russische Desinformation präsentieren.

Im profil vorliegenden Datenleak wird darüber diskutiert, wie man damit am besten den armenischen „Zivilvertrag“-Politiker Arman Egojan diskreditieren könnte: Egojan soll ein erfundener Mord untergeschoben werden oder Finanzverbrechen angedichtet werden.

Was steht sonst noch in den geleakten Dateien? Und was haben abgetrennte Schweinsköpfe und ein skurriler Plan für ein neues Österreich-Ungarn damit zu tun? Das lesen sie jetzt auf profil.at.

Raphael  Bossniak

Raphael Bossniak

ist seit Juli 2025 im Außenpolitik-Ressort. Davor freier Journalist für APA, Kurier und die deutsche Nahostfachzeitschrift zenith. Schwerpunkt Nahost / Kaukasus / Osteuropa.