Zankapfel Rettungsreform: Rot Kreuz-Pläne sorgen intern für Ärger
Krisengipfel, Lobbying und Shitstorm: Was derzeit im Rettungswesen abläuft, erinnert ein wenig an den Haas-Krimi „Komm süßer Tod“, in dem sich Wiener Rettungsdienste um Krankentransporte streiten. Nur ist die Realität noch komplizierter.
Die Regierung will das Sanitätergesetz reformieren, in dem unter anderem geregelt ist, wie gut Sanitäter ausgebildet sein müssen und welche Befugnisse sie haben. Das wollten auch schon Vorgänger-Regierungen, doch sie scheiterten. Denn nicht nur Parteien, Länder und Rettungsdienste verfolgen unterschiedliche Interessen. Alle Seiten lobbyieren derzeit auf Hochtouren, es gab Abstimmungstreffen zwischen den Organisationen und eifrig werden Infos über die jeweils anderen versendet.
Selbst innerhalb der einzelnen Rettungsorganisationen herrscht keine Einigkeit, wie das „Sanitätergesetz Neu“ eigentlich aussehen sollte. Vor allem beim Roten Kreuz, dem größten Dienst, brodelt es derzeit.
Bundesrettungskommandant Gerry Foitik bewirbt derzeit eine Petition für die Vorstellungen des Roten Kreuzes: Unter anderem spricht er sich für ein neues Ausbildungssystem für Sanitäter aus. Sein Vorschlag beinhaltet Berufseinstiegsmöglichkeit mit nur 16 Jahren und nach kurzer Ausbildung. Das sorgt selbst unter langjährigen Rotkreuzlern für Kritik, die ihren Unmut in den sozialen Medien äußern.
Einer davon ist Lucas Kuster. Der Vorarlberger Notfallsanitäter ist überrascht: „Gefühlt entspricht der Vorschlag nicht der allgemeinen Meinung im Roten Kreuz. Das kommt vom Roten Kreuz im Bund, intern wurde das nicht kommuniziert“, kritisiert er. Wie viele andere auch, rief er öffentlich dazu auf, die Petition der eigenen Organisation nicht zu unterstützen. Gar als „unverantwortlich“ bezeichnet er den Vorschlag des Roten Kreuzes, schon 16-Jährige im Rettungsdienst zu beschäftigen.
Der Hintergrund: Derzeit gibt es für Sanitäter fünf Ausbildungsstufen – mehr als 80 Prozent sind auf der niedrigsten Qualifikationsstufe mit rund 260 Ausbildungsstunden. Das Eintrittsalter liegt derzeit bei 18 Jahren. Die höchste Stufe als Notfallsanitäter erreicht man nach rund einem Jahr.
In den meisten Ländern dauert das länger: In Deutschland oder Frankreich drei Jahre. In Slowenien und Tschechien braucht es sogar eine akademische Ausbildung.
Organisationen wie der Bundesverband Rettungsdienst (BVRD), der Samariterbund und die Johanniter sind für eine längere Ausbildung auch in Österreich. Uneinigkeit herrscht unter ihnen vor allem bei der Frage, ob die letzte Ausbildungsstufe akademisch sein soll.
Zu viele Fahrten enden im Spital
Die längere Ausbildung würde Investitionen von rund 19 Millionen pro Jahr erfordern, rechnen der BVRD, Samariterbund und die Arbeiterkammer vor. Aber, so ihr Hauptargument: Gleichzeitig könnten dadurch rund 20 Prozent der stationären Aufnahmen in Spitälern vermieden werden, was jährlich 834 Millionen Euro einsparen würde. Denn besser ausgebildete Sanitäter könnten Patienten auch eher vor Ort behandeln oder entscheiden, dass ein Besuch beim Hausarzt oder im Primärversorgungszentrum ausreicht. 60 Prozent aller Patienten, die zu Spitälern gefahren werden, werden dort derzeit nicht stationär aufgenommen, rechnet man vor.
Die Fahrten steigen seit Jahren. Laut der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) wurden in den Jahren 2025 und 2024 jeweils rund 4,5 Millionen Transporte abgerechnet. 2023 waren es rund 4,3 Millionen.
Das lässt die Kosten steigen: Die Transportkosten sind laut ÖGK von 190 Millionen Euro im Jahr 2018 auf 312 Millionen Euro im Jahr 2024 gestiegen, 2025 wurden rund 338 Millionen Euro abgerechnet. Die ÖGK versucht, die Fahrten – beziehungsweise die Kosten dafür – zu reduzieren: Seit Juli 2025 hebt man bei planbaren Krankentransporten ohne SanitäterInnen die Rezeptgebühr von 7,55 Euro ein. Für Fahrten mit Sanitätern fallen 15,10 Euro an.
Das Rote Kreuz stimmt der Diagnose grundsätzlich zu: Die nicht unbedingt notwendigen Fahrten ins Spital steigen. „Es muss die Möglichkeit geschaffen werden, Patientinnen und Patienten gezielter dorthin zu steuern, wo sie medizinisch passend versorgt werden, und nicht automatisch in die Klinik – ohne straf- oder haftungsrechtliche Risiken für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, sagt Gerry Foitik. Beim Roten Kreuz glaubt man aber, dass sich dieses Problem mit telemedizinischer Unterstützung lösen lässt. Für reine Transportleistungen - die Mehrzahl aller Fahrten - brauche es keine mehrjährige Ausbildung.
Das Rote Kreuz tritt für ein vierstufiges Ausbildungsmodell ein. Für die unterste Stufe wären nur 60 Stunden Ausbildung plus Praxis nötig, der Einstieg wäre bereits mit 16 Jahren möglich. Die höchste Stufe soll man nach 2130 Stunden erreichen. Gegen eine Akademisierung spricht sich das Rote Kreuz klar aus.
Für Notfallsanitäter Kuster würde das allerdings bedeuten: „Alles so zu lassen, wie es ist, plus noch eine niedrigere Ausbildungsstufe einzuführen.“ Das werde den Anforderungen in der heutigen Zeit nicht gerecht, sagt er. Man müsse Medikamente verabreichen, es komme sogar vor, dass man chirurgische Eingriffe auf der Straße vornehmen müsse. Auch die psychischen Belastungen würden steigen.
Vorbild Acute Community Nurses
Als Vorbild nennt er etwa die Acute Community Nurses in Niederösterreich – Pflegekräfte mit Notfallsanitäterausbildung. „Bei allem Respekt für die Ehrenamtlichen, die sich neben dem Hauptberuf weiterbilden – dem können sie nicht gerecht werden“, sagt Kuster und spricht damit den wunden Punkt des Roten Kreuzes an. Die Organisation setzt stark auf Ehrenamtliche – und befürchtet, dass viele eine mehrjährige Ausbildung nicht mitmachen würden.
Zustimmung kommt von der ÖVP: „Das Ehrenamt ist für uns als Volkspartei von zentraler Bedeutung und ein wesentlicher Bestandteil des österreichischen Rettungswesens“, teilt Gesundheitssprecherin Juliane Bogner-Strauß mit. Man müsse Qualität und Professionalität stärken, gleichzeitig aber den niederschwelligen Zugang beibehalten. Gesundheitsministerium und Gesundheitsstaatssekretariat (beide SPÖ-geführt) versuchen nun, bis zum Sommer einen gemeinsamen Vorschlag vorzulegen. Inhaltlich will man sich noch nicht äußern.
Ob die Reform diesmal gelingt, ist offen. Für Notfallsanitäter Kuster wäre sie überfällig: „Die ganze Welt arbeitet anders, nur Österreich setzt auf Ehrenamt und geringe Ausbildung bei gleichzeitig steigenden Herausforderungen.“