Miriam Davoudvandi
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Aufwachsen in Armut: „Arbeit und Existenzängste schwirren immer im Hinterkopf mit“

In ihrem viel diskutierten Buch „Das können wir uns nicht leisten“ erzählt die deutsche Journalistin Miriam Davoudvandi von ihrem Aufwachsen in Armut und widerlegt gängige Klischees. profil hat sie interviewt.

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„Dieses Buch ist für alle, die sich immer für ihre soziale Herkunft geschämt haben – und sich heute für die Scham schämen“, schreibt die deutsche Journalistin und Autorin Miriam Davoudvandi in ihrem Buch „Das können wir uns nicht leisten“. Bekannt wurde die 34-Jährige, Tochter einer rumänischen Reinigungskraft und eines iranischen Malers und Anstreichers, durch Interviews mit Rapgrößen und Prominenten wie Haftbefehl oder Sido, die sie furcht- und tabulos mit Fragen konfrontierte.

In ihrem zurzeit stark diskutierten Erstling geht es allerdings nicht um wilde Musiklegenden, sondern um Davoudvandis Heranwachsen in finanziell benachteiligten Verhältnissen. Davoudvandi kam mit ihrer Mutter aus Bukarest nach Deutschland, als sie sechs Jahre alt war. Sie beschreibt jene Momente, in denen sie das Gefühl der Ausgrenzung besonders intensiv erfuhr – als sie immer nur die alte Kleidung ihrer Brüder auftragen musste oder neben ihrem Studium zwei Jobs gleichzeitig machen musste, um die Miete für ihr WG-Zimmer zu stemmen. Einen großen Platz nimmt der ständige Begleiter, das Schamgefühl, ein. Zum Beispiel schämte sie sich oft, die Berufe ihrer Eltern preiszugeben. Schwer wiegt aber auch Schuld – Schuld gegenüber den Eltern, denen ihr heutiges Leben nicht vergönnt war.

Miriam Davoudvandi macht in ihrem Buch deutlich, dass Armut mehr ist als das Fehlen von materiellen Dingen. Selbst dann, wenn man längst sozial aufgestiegen ist, klebt sie in der eigenen Psyche fest. Der schonungslose Bericht trifft in Krisenzeiten einen Nerv. Bereits eine Woche nach dem offiziellen Erscheinungsdatum schaffte es ihr Buch auf die „Spiegel“-Bestsellerliste und sorgt dafür, dass Armut ein Gesicht und eine dazugehörige Geschichte bekommt.

Als ich verstanden habe, welche systematischen Hintergründe hinter meinem individuellen Leid stecken, war mir klar: Okay, wenn ich mich für einen Zustand, für den ich nichts kann, schäme, bringt mir das nichts. 

Miriam Davoudvandi, Autorin und Journalistin,

über ihr Aufwachsen in Armut

Sie schreiben, dass Sie sich früher dafür geschämt haben, arm zu sein. Was gab den Ausschlag, dieses Gefühl zu einem Buch zu machen?

Miriam Davoudvandi

Es war ein Prozess. Ich habe über die Jahre gemerkt, dass dieses ständige Verstecken und das Schamgefühl nicht produktiv sind. Eine politische Wut hilft mir, meine Scham zu verdrängen. Als ich verstanden habe, welche systematischen Hintergründe hinter meinem individuellen Leid stecken, war mir klar: Okay, wenn ich mich für einen Zustand, für den ich nichts kann, schäme, bringt mir das nichts.

Wann haben Sie das erste Mal verstanden, dass Sie arm sind?

Davoudvandi

Als Kind, auch wenn ich noch zu klein war, um das in der Tiefe zu verstehen. Ich glaube schon, dass ein Kind sehr feinfühlig ist und mitbekommt, wie die eigenen Eltern die Geldscheine und die Münzen ein drittes Mal umdrehen und die Preise noch einmal extra lang angucken. Auch wenn Eltern versuchen, das zu verbergen. Internalisiert habe ich es dann in der Schule, weil ich gemerkt habe, dass ich anders aussehe oder andere Schulutensilien habe als meine Mitschülerinnen und Mitschüler.

Miriam Davoudvandi als Kind
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„Ich glaube schon, dass ein Kind sehr feinfühlig ist und mitbekommt, wie die eigenen Eltern die Geldscheine und die Münzen ein drittes Mal umdrehen und die Preise noch einmal extra lang angucken.“

Miriam Davoudvandi, Journalistin und Autorin

Natalia Anders

Natalia Anders

ist seit Juni 2023 Teil des Online-Ressorts und für Social Media zuständig.