Rapper Haftbefehl im weißen Jogginganzug auf der Bühne
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Kokain, Plattenbau, Trauma: Haftbefehl als Stimme der vielen Unsichtbaren

Eine Netflix-Dokumentation über den Frankfurter Rapper wird zum Hast-du-schon-gesehen-Hype des Jahres – und ihr Protagonist zu einem Sprachrohr für Millionen junger Männer.

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Aykut Anhan alias Haftbefehl ist der wahrscheinlich bekannteste aktive Deutschrapper, seine Texte sind obszön, politisch, provokant und wirken, als würde er seine Gedanken einfach ungefiltert zu Papier bringen. Haftbefehl rappt über Polizeigewalt, den Suizid seines Vaters, die Kriminalität junger Migranten, die vom Staat im Stich gelassen wurden. Und über Kokain, die Droge, die ihn fast umgebracht hat.

Hit in den Netflixcharts

Am 28. Oktober 2025 veröffentlichten die Filmemacher Juan Moreno und Sinan Sevinç auf Netflix ihren Film „Babo – die Haftbefehl-Story“, eine eineinhalbstündige biografische Dokumentation über den deutschen Rapper. Moreno und Sevinç begleiteten Aykut Anhan, seine Frau Nina, seine Brüder, seine Geschäftspartner und Kollegen von Anfang 2022 bis Ende 2024 mit der Kamera. Der Film landete mit 4,1 Millionen Streams in der ersten Woche direkt an der Spitze der Netflix-Charts und wurde in den deutschsprachigen Feuilletons schnell zum Vorzeige-Analyseobjekt. Kein Wunder eigentlich.

Aykut Anhan alias Haftbefehl, geboren am 16. Dezember 1985 in der hessischen Stadt Offenbach am Main als Sohn kurdischer Einwanderer, verbrachte seine Kindheit und Jugend im Mainpark, einer Plattenbausiedlung in Offenbach. „Es gab keinen, der nicht kriminell war“, erzählt Haftbefehls Bruder in „Babo“. Aykut Anhan war keine Ausnahme. Mit 13 Jahren konsumierte der Rapper zum ersten Mal Kokain. Als er 14 war, verhinderte er einen Suizidversuch seines Vaters Jelal Anhan, beim zweiten Versuch nahm sich Jelal das Leben. Er war spielsüchtig, bewegte sich in der kriminellen Szene Frankfurts.

Dämonisierung junger migrantischer Männer

Wie verarbeitet ein Jugendlicher ein solches Trauma? Im Fall von Haftbefehl mit Kriminalität, Drogen und Musik. Kurz nach dem Suizid seines Vaters brach Anhan die Schule ab, rutschte weiter in die Kriminalität ab. In dieser Zeit entstand auch sein Künstlername: Weil gegen ihn ein Haftbefehl wegen Drogenhandels beantragt wurde, flüchtete er in die Türkei und später in die Niederlande. Zu dieser Zeit fing er auch an, seine ersten Songtexte zu schreiben. Über seine kriminelle Laufbahn, über das Aufwachsen im Mainpark, über den Tod seines Vaters und über Kokain. Vor allem vom Kokain konnte er sich nicht lösen – und brachte sich damit beinahe um. Nach einem Streit mit seinem Bruder im Jahr 2023 überdosierte er – und wachte nach erfolgreicher Reanimation im Krankenhaus auf. Das Filmteam war mehr oder weniger live dabei. Immer wieder erkundigen sich die Filmemacher in „Babo“, ob sie diese oder jene Szene wirklich verwenden sollen. Anhan besteht darauf. Er will, dass die Menschen sehen, wie es ihm geht und wie es dazu gekommen ist.

Den Bullen juckt es nicht, wenn dein Bruder bei der Autopsie flennt. Willkommen in der dritten Welt.

Haftbefehl

in dem Song „An alle Bloxx“, 2012.

Haftbefehls Biografie mag absurd, dramatisch und wie ein Extremfall erscheinen, doch das ist sie nicht. Für Menschen wie Aykut Anhan gibt es in Deutschland und Österreich oft keinen Platz; sie werden in die Rollen der Täter, der Gefährder, die das „Stadtbild verschmutzen“, gedrängt. Ihnen dient Haftbefehl als Identifikationsfigur, seine Musik als Anker. Seine Texte sind so geradlinig, so brutal, so direkt, dass es keinen abgeschlossenen Master in Literaturwissenschaften braucht, um zu verstehen, wovon er spricht. Es geht um vererbtes Trauma, das nicht verarbeitet werden kann, um Armut, um Chancenlosigkeit.

Der Doku „Babo“ gelang es, reale, dramatische und trotzdem oft unsichtbare Geschichten wie jene von Aykut Anhan in die Mitte der Gesellschaft zu rücken. Auch Haushalte, die mit Plattenbauten, Kokainsucht und Kriminalität nichts zu tun haben, streamten die „Haftbefehl-Story“. Sie wurde für eine Gruppe der Gesellschaft, über die sonst nur negativ gesprochen wird, zum Sprachrohr. Mit diesem Film wurde klar, dass Aykut Anhan kein Einzelfall ist, sondern einer von vielen, die seit Jahrzehnten in unserer Gesellschaft leben und für die der Platz trotzdem immer kleiner zu werden scheint. Mit dem kleinen großen Unterschied, dass aus den allermeisten von ihnen kein erfolgreicher Rapper wird.

Natalia Anders

Natalia Anders

ist seit Juni 2023 Teil des Online-Ressorts und für Social Media zuständig.