Ingrid Brodnig
Ingrid Brodnig

© Alexandra Unger

#brodnig
06/08/2022

#brodnig: Datenschleuder Schule

Die Pandemie machte Lern-Apps zur Normalität – jetzt ist es wichtig, auch über Datenschutz und Geschäftsmodelle zu sprechen.

von Ingrid Brodnig

Die Pandemie hat Schüler:innen enorm betroffen. Anfang März 2020 erlebten mehr als 1,5 Milliarden Kinder, Jugendliche und Studierende Schließungen von Schulen und Hochschulen weltweit, wie die UNESCO berechnete. Viele Länder führten digitalen Unterricht ein: Man tauschte sich nicht mehr im Klassenzimmer aus, sondern über Videomeetings, E-Mail oder eigene Lern-Apps.Ist dabei genügend auf die Privatsphäre von Kindern und Jugendlichen geachtet worden?

Ein neuer Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch wirft Zweifel auf: Konkret hat die Organisation 164 Apps und Websites untersucht, die in 49 Ländern weltweit im Schulbetrieb zum Einsatz kamen – Österreich ist nicht unter den erfassten Staaten, aber es wurden auch die deutschen Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg ausgewertet. Im Bericht fiel beispielsweise auf, dass sich gut die Hälfte der untersuchten Apps die Möglichkeit einräumte, die Werbe-IDs seiner Benutzer:innen zu sammeln.

Mit solchen Werbe-Identifikationsnummern können die Nutzer:innen eines Geräts über verschiedene Apps hinweg getrackt werden – um ihnen dann zielgerichtete Werbung einzublenden. Der Vorwurf steht also im Raum, dass ausgerechnet Schul-Software dazu beiträgt, dass Daten über Kinder und Jugendliche zu Werbezwecken erfasst werden. In jedem der untersuchten Länder – mit Ausnahme von Marokko – kam mindestens eine Software zum Einsatz, die Human Rights Watch kritisiert.

Man kann natürlich einwenden, dass dieses Datensammeln kein neues Phänomen ist: Wenn Kinder in ihrer Freizeit durchs Web stöbern, muss man ebenfalls damit rechnen, dass viele ihrer Datenspuren von Werbe-Netzwerken erfasst werden. Trotzdem zeigt der Bericht namens „How Dare They Peep into My Private Life?“ ein wichtiges Thema auf: Schulen und speziell Ministerien haben eine besondere Verantwortung, welche Software sie großflächig für Schüler:innen einführen.

Es ist nachvollziehbar, dass Staaten zu Beginn der Pandemie rasch und unerwartet auf digitalen Unterricht umstellen mussten. Jetzt, mehr als zwei Jahre später, sollten wir aber evaluieren, ob manche dieser Tools zu locker oder gar problematisch beim Datensammeln vorgehen. Denn auch wenn in den meisten Ländern die Schulen wieder geöffnet sind, wird der Trend hin zum digitalen Lernen bleiben.