46-227373094
Bild anzeigen
Wählen Sie profil als bevorzugte Google-Quelle

Wie ein Flötist aus Albanien Teil des Blockbusters Odyssee wurde

Vendim Kapaj war Bauarbeiter, Fischverkäufer und schließlich Müllmann. Sein Leben lang spielte der Albaner auf einer alten Flöte. Plötzlich, ohne dass er davon wusste, ist seine Musik im neuen Hollywood-Blockbuster „Die Odyssee“ zu hören.

Drucken

Schriftgröße

Hören Sie sich diesen Artikel an

Wenn Vendim Kapaj über seine Flöte spricht, werden seine Augen feucht. Das Instrument sei mehr wert als alles, das er sonst noch besitze. Eine wahre Zauberflöte. Nur seine vier Kinder seien wertvoller, sagt er, aber Kinder und Flöten – das seien zwei völlig unterschiedliche Dinge. Wobei: Bei Kapaj liegt die Flöte in der Familie. Seit 300 Jahren wird sie von Generation zu Generation weitergegeben. Vom Vater zum Sohn, immer an denjenigen, der musikalisches Talent zeigt. Kapaj, geboren 1959 in einem kleinen Dorf in Südalbanien, spielt sein Instrument, seit er elf Jahre alt ist. Nie hat er es zurückgelassen oder gar verloren. Auch damals nicht, als er in den 1990er-Jahren als Migrant über die Grenze nach Griechenland floh, um Arbeit zu finden.

Leben konnte er von seiner Musik allerdings nie. Sie blieb für ihn ein Zuverdienst. Hier ein Geburtstagsfest, dort eine Hochzeit.

Porträt des Flötisten Vendim Kapaj
Bild anzeigen

Vendim Kapaj, Flötist

Kapaj, geboren 1959 in einem Dorf nahe der Hafenstadt Vlora in Südalbanien, spielt Flöte, seitdem er elf Jahre alt ist. Jetzt ist seine Musik im Soundtrack des neuen Blockbusters „Odyssee“ von Christopher Nolan zu hören. 

Ein uraltes Instrument 

Es ist unmöglich, den Namen von Kapajs Flöte ins Deutsche zu übersetzen. Auf Albanisch spricht man von einer „fyell“. Es handelt sich um eine uralte Flöte aus Holz oder Messing, die traditionell von Hirten in den Bergregionen Albaniens und des Balkans gespielt wird. Kapaj gilt als einer der besten, wenn nicht der beste Flötist Albaniens. Er ist auf Musikfestivals aufgetreten, mit Symphonieorchestern, im Fernsehen und auch bei Wettbewerben im Ausland. Rund 6000 CDs habe er schätzungsweise verkauft, sagt er. Leben konnte er von seiner Musik allerdings nie. Sie blieb für ihn ein Zuverdienst. Hier ein Geburtstagsfest, dort eine Hochzeit.

Als ihn im Juli 2025 ein befreundeter Sänger aus der Region anruft und sagt, dass ein Komponist aus Schweden in der Stadt sei und ihn spielen hören wolle, stellt Kapaj keine Nachfragen. 

Als ihn im Juli 2025 ein befreundeter Sänger aus der Region anruft und sagt, dass ein Komponist aus Schweden in der Stadt sei und ihn spielen hören wolle, stellt Kapaj keine Nachfragen. Er trifft sich mit dem Mann in einer Tekke, dem Gebetstempel eines Derwisch-Ordens. Die Tekke ist in etwa so alt wie Kapajs Flöte, erbaut im 17. Jahrhundert, und liegt auf einem Hügel mit Ausblick auf das Meer. Dort spielt er dem Schweden fünf Stunden lang auf der Flöte Lieder vor. Zu sagen, dass der ausländische Gast begeistert war, ist stark untertrieben. Kapaj sagt, der ihm nicht bekannte Komponist habe eine Gänsehaut bekommen und zu weinen begonnen. Dann sagte er: „Gott hat mich zum Meister geführt.“ So zumindest erzählt es Kapaj.

Franziska Tschinderle

Franziska Tschinderle

schreibt seit 2021 im Außenpolitik-Ressort. Studium Zeitgeschichte und Journalismus in Wien. Schwerpunkt Südosteuropa / Balkan.