Neun Jahre saß er für die ÖVP in der Bundesregierung, von 2008 bis 2011 sogar als Parteichef und Vizekanzler. Es war der logische Höhepunkt einer lange geplanten Karriere: Pröll ist nicht nur der Vater des Staatssekretärs Alexander Pröll, sondern vor allem der Neffe des ehemaligen niederösterreichischen Landeshauptmanns, er stammt aus einer Politikdynastie, wie es sie in Österreich nur selten gibt. Nicht umsonst hat die „Kronen Zeitung“ die Prölls erst dieser Tage als „die Kennedys aus Radlbrunn“ beschrieben, was aus vielen Gründen böser ist, als es im ersten Augenblick klingt: Der Stammvater war halt doch ein ziemlicher Frauenheld, Sepp wäre als Neffe auf einer Stufe mit dem aktuellen US-Gesundheitsminister Robert Kennedy Jr., und der ist ein anerkannt verwirrter Verschwörungstheoretiker, und außerdem: Sterben die Kennedys nicht seit Generationen immer viel zu früh?
Sepp, der Mittlere, zog sich jedenfalls 2011 aus der Politik zurück. Er war damit der erste ÖVP-Chef der Geschichte, der nie Spitzenkandidat war (was gar nicht so schlecht ist, weil man eine Wahl, zu der man nicht antritt, auch nicht verlieren kann). Seit 2011 ist er nun Manager im Raiffeisenkonzern, und er ist damit ganz zufrieden: „Die Lebensqualität nimmt zu, je mehr die Öffentlichkeit abnimmt.“ Wobei: So wenig Öffentlichkeit hat er gar nicht.
Seit etwas mehr als einem halben Jahr ist Pröll nämlich Aufsichtsratsvorsitzender des Österreichischen Fußballbundes, ÖFB-Chef also, und das ist aktuell ein Job mit guter Publicity. Im Sommer nimmt Österreich an der WM teil, zum ersten Mal seit der WM 1998 in Frankreich, und anders als damals, als das Team vor allem aus kulinarischen Gründen in den Flieger stieg, hat die Mannschaft dieses Mal auch sportliche Ambitionen. „Über die Vorrunde sollten wir eigentlich hinauskommen“, sagt Pröll: „Das Achtelfinale wäre ein sehr tolles Ergebnis.“
Ist es also Zufall, dass wir jetzt ausgerechnet in einem französischen Lokal sitzen? Und noch dazu im „Salzgries“? Das Lokal war nämlich nicht immer ein Franzose, sondern in grauer Vorzeit ein Wiener Beisl – und so etwas wie das Stehbuffet und die Tränke der profil-Redaktion, die gleich daneben in der Marc-Aurel-Straße ihre Büros hatte. Hunderte Besprechungen haben hier stattgefunden, Redaktionssitzungen genauso wie Palastrevolten, die allermeisten dauerten bis weit nach der Sperrstunde und verliefen dementsprechend im Sand. Aus bestens informierten Quellen ist außerdem zu hören, dass Teile der profil-WM-Berichterstattung 1998 live aus dem „Salzgries“ passierten. Die Geschichten hat das aber nicht schlechter gemacht.
Als Pröll den ÖFB übernahm, war der Verband ein zerstrittener Haufen. Die Landesverbände zofften, die sportliche Führung rund um Teamchef Ralf Rangnick hatte ebenfalls ein Eigenleben entwickelt. Es ging um Macht und Einfluss und vor allem um die Frage, wie das Geld, von dem der ÖFB sehr viel hat, zwischen Breitensport und Nationalteam aufgeteilt werden sollte. Pröll hat den Laden einigermaßen befriedet. „Wahrscheinlich war es gut, dass ich von außen kam und keinem Lager angehörte“, sagt Pröll dazu: „Im ÖFB hatte sich vieles über die Jahre angestaut und aufgeschaukelt, aber ich muss ehrlich sagen: Die Zustände sind besser als gedacht.“
Ganz offenbar war das ein Auftrag für einen Politiker der alten Schule. „Am Ende geht’s auch in meiner Position darum, Leute zusammenzubringen und zu verbinden“, sagt er. Pröll ist niemand, der auf den Tisch haut, sondern jemand, der Kontakte knüpft und mit fast allen gut kann. Das war in der Politik schon so, und so ist es offenbar auch im Sport. Pröll, der selbst nie gekickt hat, nicht einmal in der Jugendmannschaft seines Heimatvereins SV Ziersdorf, ist ein geborener Verhandler, gerne auch in Hinterzimmern anzutreffen, vielleicht kennt er auch deswegen so viele Restaurants. Die Liste seiner Vorschläge, wo wir essen könnten, war jedenfalls lang. Fast täglich hat er Mittagstermine, sagt er, hier im „Le Salzgries“, in der „Osteria Mangia e Ridi“ oder auch im „Appiano“, alles Lokale, die fußläufig vom Raiffeisengebäude am Donaukanal entfernt sind. Er trifft dabei Menschen aus unterschiedlichsten Bereichen und aus allen Lagern, genau das sei ihm wichtig.
Wir sind mit dem Essen fertig. Nein, Josef Pröll nimmt kein Dessert und auch keinen Kaffee. Ich frage ihn noch schnell, was der Unterschied zwischen seiner Politikergeneration und der seines Sohnes ist. Pröll denkt lange nach. Eigentlich möchte er ja nichts zu politischen Fragen sagen, sagt er, aber eines sei ihm wichtig: „Kompromisse sind heute nicht mehr sehr beliebt, aber das ist eigentlich ein Fehler. Herbert Kickl und die Politiker der europäischen Rechten haben es geschafft, dass Kompromisse als uncool gelten, auch bei den Wählern. Aber das halte ich für falsch. Ich glaube, dass unsere Demokratie vom Kompromiss lebt. Das ist vielleicht eine philosophische Frage, aber Kompromisse haben unser Land aufgebaut.“
Sie sind aber offenbar nicht mehr zeitgemäß.
Schade eigentlich. Genauso wie übrigens ums alte „Salzgries“. Aber das kommt wahrscheinlich auch nicht mehr wieder.