Seit neun Jahren führt Rollig das Belvedere, das aktuelle ist ihr letztes in dieser Funktion, sie wird nämlich heuer 67 Jahre alt und hat deswegen schon vor einiger Zeit klargemacht, dass sie sich um keine Verlängerung ihres Vertrags bewerben wird. Was zu den angenehmsten Dingen am Job einer Belvedere-Chefin gehört? „Ich wurde hier nie mit einer Diskussion über Besucherzahlen belastet“, sagt sie. Ganz anders als bei ihrem Job davor – zwölf Jahre lang war sie künstlerische Direktorin des Linzer Kunstmuseums Lentos – konnte sie hier „frei programmieren“, wie das im Museumsdirektorinnen-Jargon heißt, weil das Haus sowieso immer voll ist, egal, was man macht. Die Sammlung. Die Geschichte. Die Museumsgebäude, die in so ziemlich jedem Fremdenführer als „Must-see“ aufgelistet sind. Und dann natürlich noch der „Kuss“. Das Belvedere, sagt Rollig, ist im Grunde ein Selbstläufer, die Touristen kommen, weil Klimt einfach einer der bekanntesten Künstler der Geschichte ist. Nicht ohne Grund ist der Kühlschrankmagnet mit „Kuss“-Aufdruck der Bestseller im Museumsshop. Wobei das natürlich schon auch Fragen aufwirft. Zum Beispiel die, für wen man so ein Museum eigentlich macht.
Rollig lehnt sich auf ihrer Sitzbank zurück. Sie stochert in ihrem Rote-Rüben-Ziegenkäse-Salat (11,60 Euro, angeblich sehr gut) und denkt länger nach. „Wir tun alles, damit das Museum für alle zugänglich ist“, sagt sie dann. Man hat mit Feierabendtickets experimentiert und mit sogenannten 15-Minuten-Führungen, damit auch Wiener und Wienerinnen häufiger im Belvedere vorbeischauen: „Wir wollten zeigen, dass wir keine seelenlose Tourismusmaschine sind.“ Aber klar: 80 Prozent der Belvedere-Gäste sind Touristen. Weil wann geht man ins Museum? Im Urlaub. Bei der Städtereise. Dann, wenn es einem der Reiseführer vorschlägt.
Stella Rollig ist eine interessante Gesprächspartnerin. Nachdenklich, klug, und manchmal formuliert sie mit sehr leiser Stimme Sätze, bei denen ich mehrmals nachfragen muss, um die ganze Tragweite zu kapieren. „Kunst ist kein Lebensmittel. Wenn jemand so etwas sagt, dann ist das natürlich Blödsinn“, sagt sie zum Beispiel. Oder auch, dass Kunst ein „Eliteprojekt“ ist. Eine unangenehme Erkenntnis wäre das, aber „es stimmt einfach nicht, dass man mit Kunst und Kultur jeden erreichen kann. Es ist ungemein lohnend, sich mit Kunst auseinanderzusetzen, aber das weiß nicht jeder. Man muss das lernen und die Erfahrung zulassen.“ Als ich Rolligs Sätze zusammenfasse und wiederhole, nur um sicherzugehen, dass ich alles richtig verstanden habe, erschrickt sie. Das klinge schon sehr hart und elitär, meint sie. Aber nichtsdestotrotz stimmt es wohl. Kunst, einen Museumsbesuch, das muss man sich leisten können, selbst dann, wenn der Eintritt frei ist. Falls ein Foodora-Fahrer zum 21er-Haus kommt, der Dependance des Belvedere für zeitgenössische Kunst, dann wohl eher, weil er Essen für die Mitarbeiter bringt – und er wird dann selten seinen Rucksack an der Garderobe abgeben und in seiner Mittagspause einen kleinen Rundgang machen. Einmal abgesehen davon, dass er gar keine Mittagspause hat.
Stella Rollig hat in den vergangenen Jahrzehnten eine weite Reise zurückgelegt. In den 1980er-Jahren hat sie für die ORF-„Musicbox“ gearbeitet, anschließend Kunstkritiken für den „Standard“ geschrieben. Der SPÖ-Kulturminister Rudolf Scholten hat sie dann zur Bundeskuratorin für bildende Kunst bestellt. Rollig hat sich in dieser Rolle auch um eine niederschwellige Kunstvermittlung bemüht. Sie war zum Beispiel eine der Initiatorinnen des sogenannten Museum in Progress, bei dem Kunst außerhalb von Museen einem möglichst großen Kreis gezeigt werden sollte (auch im profil erschienen zwei Jahre lang im Rahmen des Projekts kuratierte Kunststrecken – so lange, bis nach einem Herausgeberwechsel der Platz für Wichtigeres benötigt wurde, innenpolitische Wasserstandsmeldungen zum Beispiel).
Hat sie sich in den vergangenen Jahrzehnten geändert? Hat das Belvedere, dieser große Museumstanker, sie verändert? „Ich würde mich immer noch als überzeugte Linke bezeichnen“, sagt Rollig, schiebt dann aber gleich die Frage nach, was „links“ in einem Museumskontext überhaupt bedeutet: „Für mich bedeutet das gar nicht so sehr das, was man herzeigt. Sondern: Wie arbeitet man zusammen, wie geht man mit den Künstlern um. Welches Standing haben sie, wie respektvoll, ja, wie woke ist man? Wir haben im Belvedere eine Stimmung und eine Kultur, die ich als “links„ bezeichnen würde. Darauf bin ich stolz, das wird auch so bleiben, wenn ich aus dem Haus raus bin.“
Ihren Rote-Rüben-Salat hat sie längst aufgegessen, ich bin mit meiner Lachsforelle mit Belugalinsen (20,40 Euro, ja, sehr okay) auch fertig. Rollig erzählt mir, dass sie selten derartige Mittagstermine hat, sondern meistens „nur eine Käsesemmel am Schreibtisch“ isst und dass sie außerdem kein Freund von großen Auftritten sei: „Man kommt im Alter drauf, was man kann und was eher weniger – und Netzwerken ist nicht so meines.“
Ich kann mir das zwar nur schwer vorstellen, in meinem Kopf gehören Museumsdirektoren zum fixen Inventar der „Seitenblicke“, auch Rolligs Vorgängerin im Belvedere, Agnes Husslein, machte gefühlt aus allem ein Happening. Aber sie winkt ab: Die diversen Fundraising-Veranstaltungen seien „mehr Folkloreveranstaltungen, wirklich notwendig sind sie nicht. International mag das anders sein, da braucht man die Sponsoren für die Finanzierung der Museen tatsächlich. In Österreich sind wir aber verhältnismäßig gut ausgestattet, wir kommen auch ohne Mäzene aus.“ Große Spender gebe es bei uns nämlich ohnehin nicht: Die Bereitschaft, Museen als Privater finanziell zu unterstützen oder auch Bilder der Öffentlichkeit zu schenken, ist bei uns nicht so stark ausgeprägt. Das ist auch eine Mentalitätsfrage. Dementsprechend laufen alle der gleichen Handvoll Sponsoren nach.
Nach einer knappen Stunde haben wir auch den Kaffee ausgetrunken, und Rollig zieht weiter. Nicht mehr zurück ins Büro, sondern einfach die Straße runter ins MAK. Sie will sich die neu kuratierte Schausammlung von Markus Schinwald ansehen. Dort wird sie auf jeden Fall weniger Menschen treffen als in ihrem eigenen Haus. Aber dort hängt ja auch kein „Kuss“.