© Stephan Polzer

Gesellschaft
05/07/2020

Elisabeth Kulman: "Ich vertraue meiner inneren Stimme"

Die weltweit gefeierte österreichische Opernsängerin Elisabeth Kulman erlebte dramatische Höhen und Tiefen. Ein Gespräch über Krisen, Corona und das, was im Leben wirklich zählt.

von Edith Meinhart

Vielen wird es das Herz brechen. Für ihre treuesten Fans aber kommt es nicht völlig überraschend, dass Elisabeth Kulman das Ende ihrer Karriere als Sängerin plant. Vor einigen Jahren verabschiedete sich die Mezzosopranistin, die als Carmen, Fricka und Orlofsky in den großen Häusern von Wien bis Tokio, von Paris bis New York und natürlich bei den Salzburger Festspielen auf der Bühne stand, von der szenischen Oper. Seither war Kulman bei konzertanten Aufführungen und Liederabenden zu hören - und mit ihrem aus Wagner, Verdi, Weill und Beatles zusammengefügten, technisch höchst anspruchsvollen Soloprogramm "La femme, c'est moi". Die 1973 im burgenländischen Oberpullendorf geborene Sängerin begann als Sopranistin und Mozart-Interpretin, ehe sie 2004 das Fach wechselte und als Mezzosopranistin zum Weltstar aufstieg. Als sie im Herbst 2018 mit der Tschechischen Philharmonie in der Carnegie Hall in New York zu Gast war (Semyon Bychkov dirigierte Mahlers 2. Sinfonie), schrieb der Kritiker der renommierten Kulturzeitschrift "The New Criterion":"Sie inszenierte sich nicht, sie sang, als ob sie in ihrem Schlafzimmer stünde. Sie wirkte völlig ohne Anstrengung, mühelos. Das machte die einzigartige Schönheit ihrer Kunst aus."

Dass sie nicht ewig singen würde, ließ Kulman immer wieder durchblicken. Die Corona-Krise beschleunigt nun das Ende ihrer Karriere. Es wäre der Sängerin zugestanden, auch abseits der glanzvollen Rollen, die sie auf der Bühne verkörperte, die Diva zu spielen. Stattdessen stand sie 2013 gegen Ausbeutung im Kulturbetrieb auf und legte sich mit dem damaligen Salzburger Festspiel-Intendanten Alexander Pereira an. Diesen Mut hatte niemand vor ihr gehabt. Als Künstler die Initiative "art but fair" ins Leben riefen, wurde sie deren Sprachrohr. 2014 kam das Burnout. Kulman zog sich zurück, löste ihren Haushalt auf, trampte durch Thailand, verschenkte ihr Hab und Gut. Sie müsse sich erst selbst retten, bevor sie die Welt retten könne, ließ sie ihre Anhänger wissen, zu denen sie bis heute über YouTube und Facebook Kontakt hält.

Im Februar 2018 veröffentlichte der Tiroler Publizist Markus Wilhelm auf dietiwag.org - zunächst anonyme - Vorwürfe gegen Gustav Kuhn, den inzwischen zurückgetretenen Leiter der Tiroler Festspiele Erl. Einige Medien, allen voran profil, begannen zu recherchieren. Elisabeth Kulman stellte sich hinter die Sängerinnen, die Kuhn im Sommer 2018 öffentlich Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe vorwarfen - und wurde zu einer zentralen Simme der heimischen #metoo-Bewegung. Kulman gründete die Initiative "Voice it!", die sich für "Würde und Gerechtigkeit" in der Kultur einsetzt, und betreibt den YouTube-Kanal "What's Opera Doc", der inzwischen zu einer Plattform für Künstlerinnen und Künstler wurde, die von der Corona-Krise existenziell betroffen sind.

profil: Sie können derzeit weder als Sängerin auftreten noch weit weg flüchten, um Ihre Kreativität aufzuladen. Wie geht es Ihnen? Kulman: Ich bin ein freiheitsliebender Mensch und wie viele jetzt eingesperrt, doch für mich ist das kein Problem. Ich habe in meinem Leben schon einige Tiefpunkte überwunden. Das hilft mir, die Möglichkeiten zu sehen, die sich nun eröffnen.

profil: Sie selbst charakterisieren sich in den sozialen Medien als "Singer" und "Traveller". Kulman: Das sind nur Begriffe, um mich einzuordnen. Ich habe mich außerdem entschieden, mein Sängerdasein mit Ende 2021 zu beenden, sofern wir bis dahin überhaupt auftreten dürfen.

profil: Vor einigen Jahren haben Sie sich aus der Oper verabschiedet. Heißt das nun, Sie werden nie wieder als Sängerin auftreten? Kulman: Mir sagt eine innere Stimme schon länger, dass diese Phase bald abgeschlossen ist. Sie hat mir aber Zeit gelassen, mich auf das vorzubereiten, was kommt. Noch fehlen mir die Worte. In der Vergangenheit habe ich sehr radikale Schritte gesetzt und andere vor den Kopf gestoßen. Dieses Mal wage ich mich ohne fertige Antworten nach außen. Es ist in Lebenskrisen nicht ungewöhnlich, dass man klare Impulse hat, aber keine Ahnung, wohin sie führen. Dann darf man sich auch Zeit lassen. Ich habe gelernt, meiner inneren Stimme zu vertrauen. Damit helfe ich vielleicht anderen, denen es jetzt genauso geht.

profil: Sie haben dramatische Höhen und Tiefen erlebt. Was können Sie Menschen mit weniger Krisenerfahrung mit auf den Weg geben? Kulman: Die aktuelle Krise zeigt deutlicher als alle zuvor, wie sehr wir alle zusammenhängen. Das ist die kollektive Lernkurve und gleichzeitig die schönste Botschaft. Umgekehrt: Wenn wir nicht zusammenhelfen, kann das ganz schön schiefgehen.

profil: Sind Sie optimistisch, dass da, wo Gefahr ist, auch das Rettende wächst? Kulman: Es gibt Quertreiber, aber ich glaube, dass es eine kritische Masse an achtsamen und rücksichtsvollen Menschen gibt, die auf eine gute Zukunft hinarbeiten. Ja, wir können sterben -und wenn wir am Leben bleiben, müssen wir mit Verlusten zurechtkommen. Aber wir sind dabei, eine neue Welt zu gestalten. Und weil wir alle in einem Boot sitzen, können wir einander helfen. Psychologen spielen jetzt eine wichtige Rolle, aber auch Künstler, weil wir darin geübt sind, Ideen zu entwickeln und andere anzustecken.

profil: Vor einigen Wochen hätten Sie in Wagners "Walküre" noch einmal die Fricka singen wollen. Kulman: Es wäre eine einmalige Rückkehr an die Staatsoper und ein Dankeschön an das Publikum gewesen. Als ich mich 2014 Hals über Kopf zurückgezogen habe, hatte niemand die Chance, sich würdig zu verabschieden. Dass ich das nun nicht mehr nachholen kann, betrachte ich als Zeichen, dass Entscheidungen manchmal eben langsamer und manchmal schneller gehen. Beides ist in Ordnung.

profil: Was genau ist vor sechs Jahren passiert? Sie waren ein gefeierter Weltstar, künstlerisch auf dem Zenit - und auf einmal weg. Kulman: Mir wurde klar, dass ich im Begriff war, meinen Körper zu zerstören, und ordentlich bezahlen würde, wenn ich damit nicht aufhörte. Wirklich kapiert habe ich das erst, als es an meine Stimme gegangen ist. Zwar fiel bei meinen letzten Auftritten niemandem etwas auf, weil ich eine gute Technik habe und mit Erfahrung viel kaschieren konnte. Aber hinter der Bühne hatte ich das Gefühl zu ersticken. Da habe ich verstanden: Der Atem ist das Leben. Wenn ich den nicht mehr für mich habe, geht es ums Ganze. So wie ich damals einen Reset-Punkt gesetzt habe, gibt es diese Möglichkeit auch jetzt. Dieses Virus stellt vieles auf den Kopf, aber die Mortalitätsrate beträgt nicht 100 Prozent. Das ist unsere Chance, den Blick auf das zu richten, was wirklich zählt.

profil: Haben Sie rückblickend eine Antwort, warum Sie sich selbst ausbeuteten? Kulman: Ich wollte zeigen, was ich draufhabe. Ich dachte, ganz oben würde sich Erfüllung einstellen. Das war aber nicht so. Ich bin Terminen hintergehechelt und habe mich leer gefühlt. Natürlich war ich darin trainiert, es allen recht zu machen. Vielleicht ist das typisch für eine Generation, die in der Kindheit erzogen wurde, möglichst stumm und brav zu sein und zu funktionieren. Ich habe erst spät gelernt, meine Bedürfnisse wahrzunehmen und zu artikulieren. Deshalb konnte ich überhaupt erst in diese extremen Situationen kommen.

profil: Wie schafften Sie es, große Opernauftritte platzen zu lassen? Kulman: Im Sommer 2014 wollte ich drei Monate Pause machen und danach sanft wieder einsteigen. Im Herbst war eine Premiere an der Wiener zusammengebrochen. Der Dirigent, der Regisseur, alle redeten auf mich ein, damit ich singe. Ich habe Staatsoper mit mir geplant. Ich bin mit schlotternden Knien in die erste Probe gegangen und heulend damals begriffen, dass niemand auf mich schaut, wenn ich es nicht mache. Das war, auf einen Punkt gebracht, die große Lernkurve.

profil: Opernstars wirken mitunter auch im richtigen Leben wie Bühnenfiguren. Sie sprachen in einem Video über Ihren Zusammenbruch, über Essen, Schlafen, die Natur, und waren plötzlich sehr nahbar. Fiel Ihnen das schwer? Kulman: Es hat mich Mut gekostet, gleichzeitig war es eine Befreiung. Meine größte Sehnsucht war, der Mensch zu sein, der ich wirklich bin. Es gibt Diven wie Anna Netrebko, die in ihrer Rolle völlig aufgehen. Zu mir hat die Oper nie ganz gepasst.

profil: Sie waren zunächst Sopranistin, wechselten 2004 aber ins Mezzofach. Es erschien wie das Ende Ihrer Laufbahn, tatsächlich aber begann danach Ihre Weltkarriere. Kulman: Durch meinen starken Willen konnte ich gesangstechnisch viel erreichen. Irgendwann musste ich aber einsehen, dass meine Stimme einfach nicht für die ganz hohen Töne gemacht ist. Mein Körper ließ mir nur die Wahl zwischen Aufhören oder Fachwechsel. In der Branche hieß es: Die Kulman singt doch gut - was hat sie schon wieder? Die Phase der Umstellung war mit vielen Tränen und Demütigungen verbunden, auch weil ich als Sopran ein Repertoire aufgebaut hatte, das nichts mehr wert war. Ich musste mich von null auf wieder hochstudieren.

profil: Nun kündigen Sie an, nicht mehr singen zu wollen. Warum haben Sie damals weitergemacht? Kulman: Ich spürte den Drang, der Welt etwas mitzuteilen, was man mit Worten nicht ausdrücke kann. Außerdem wollte ich beweisen, dass ich es kann. Das hat mich an die Spitze getrieben. Aber um weiter zu singen, müsste ich wie Plácido Domingo oder Edita Gruberová sein, die es selbst im hohen Alter noch auf die Bühne treibt. Natürlich habe ich für die Oper gebrannt, aber mein psychologisches Bedürfnis war wohl größer. Das sind schonungslose Einsichten, die ich jetzt preisgebe. Heute bin ich in einer anderen Position. Was mit meiner Gesangsstimme zu sagen war, habe ich gesagt. Alles Weitere wäre Wiederholung.

profil: Empfinden Sie Wehmut, wenn Sie an Ihre glanzvollen Momente als Fricka oder Carmen denken? Kulman: Ich liebe es, meine Stimme zu benutzen. Die Momente, in denen ich ganz mit meiner Musik bin, etwa bei Proben, werden nicht verschwinden. Aber das große Publikum, der Applaus, das Drama rundherum war nie meins.

profil: Sie suchten eigene künstlerische Wege im Musical oder auch im Jazz und gestalteten das Soloprogramm "La femme, c'est moi". Steckte darin die echte Elisabeth Kulman? Kulman: Ja, als Sängerinnen und Schauspielerinnen verkörpern wir Stücke von anderen. Ich wollte mein ganz ureigenes Ding erfinden. Das macht verwundbar, aber weit. Einen vergleichbaren Abend einer Opernsängerin gab es vorher nicht. Für mich ist dieses Programm die Krönung meiner Karriere.

profil: Verlustängste und Unsicherheit erleben derzeit viele. Sie haben beträchtliche Übung im Loslassen. Ihre beiden Wohnungen sind vermietet. Sie besitzen ein paar Abendkleider, Noten und einen Koffer. Warum diese radikale Reduktion? Kulman: Das Erste, was ich 2014 umgestellt habe, war die Ernährung. Der Prozess ging weiter über die Kleidung bis hin zu anderen materiellen Dingen und sogar Beziehungen. Was bleibt, weil es guttut? Wer beflügelt mich? Was schleppe ich nur mit? Wer zieht mich hinunter? Wer feine Antennen hat, tendiert dazu, Gefühle und Probleme von anderen zu übernehmen. Da wird schnell alles zu viel. In Zeiten des Umbruchs können Menschen, die viel spüren, vielleicht gerade deshalb etwas beitragen.

profil: Es gibt wenige Menschen, die so viel weggegeben haben wie Sie. Was bedeutet Verzicht? Gab es Momente der Reue? Kulman: Das Weggeben ist eine Gratwanderung. Wenn man etwas nicht auslassen kann, ist vielleicht die Geschichte nicht abgeschlossen, die damit verbunden ist. Mich belastet es, viele Dinge um mich zu haben. Heute kaufe ich eine neue Hose nur noch, wenn meine alte auseinanderfällt. Es kostet mich jedes Mal Überwindung, ein Ding dazuzunehmen. Ich habe keinerlei Bedürfnis nach Besitz.

profil: Laut einem YouTube-Video geht alles, was Sie zum Leben brauchen, in einen Koffer, der 18 Kilo wiegt. Kulman: Inzwischen sind es 16,5 Kilo. Wenn noch Abendkleider und Noten wegkommen, wird es wieder weniger. Manchmal denke ich, dass ich immer noch zu viel herumschleppe.

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