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Titelgeschichte
07/02/2022

Kontaktabbruch: „Mama, wenn du mich liebst, schreibst du mir nicht mehr“

Wenn erwachsene Kinder den Kontakt mit ihren Eltern verweigern, stürzt das viele in Verzweiflung, es ist aber auch eine Chance, sich mit den Familienwunden auseinanderzusetzen. Betroffene erzählen, Experten betreiben Ursachenforschung und zeigen Lösungsmodelle.[E-Paper]

von Angelika Hager

Der Kirschkuchen als Symbolträger für ein schreckliches Kindheitserlebnis: Kürzlich schilderte die Wiener Schriftstellerin Selma Heaney auf Facebook das dazugehörige Trauma. Ihre Großmutter, bei der sie aufgewachsen ist, habe ihr zum Geburtstag jährlich einen so wundervollen Kirschkuchen gebacken, dass nie auch nur ein anderes Exemplar annähernd an den Geschmack heranreichen konnte. An ihrem elften Geburtstag kam es zu einem Streit, der damit endete, dass der Kuchen im Mist landete und die Oma dem fassungslosen Mädchen den Satz sagte: „Das war der letzte Kirschkuchen, den ich für dich gebacken habe, du widerliches Balg.“ So sollte es auch bleiben. Das Rezept ist unwiederbringlich verloren, die Beziehung zur Großmutter, mit der sie über Jahre und bis zu deren Tod keinen Kontakt mehr haben sollte, auch.

Mit solchen emotionalen Phantomschmerzen, die ein Kontaktabbruch zwischen Kindern und im Regelfall den Eltern als den nächsten Bezugspersonen zur Folge hat, kämpfen weit mehr Menschen, als man glauben möchte. Doch die wenigsten reden auch darüber, denn solche Brüche sind vor allem für die verlassenen Eltern von Scham, Verdrängung, Schuldgefühlen und Verzweiflung begleitet. Dass erwachsene Kinder vermehrt die Bindung zerschneiden, ist auch damit zu erklären, dass die Bedeutung der Herkunftsfamilie zugunsten von Wahlverwandtschaften wie Freundescliquen stark abgenommen hat. Junge Menschen sind auch in einer psychologisierten Gesellschaft großgeworden.

In Medien und Portalen, die sich mit den privaten Niederungen und Fehlermeldungen von Hollywoodgrößen beschäftigen, gehören radikale Entfremdungen berühmter Kinder von ihren Eltern längst zum gängigen Katastrophenrepertoire wie Scheidungen und Drogenabstürze: Die Popsängerin Adele, die mit ihrem alkoholkranken Vater nichts mehr zu tun haben möchte und in einer Dankesrede an ihren Manager bei der Grammy-Verleihung 2017 sagte: „Dich liebe ich wie einen Vater, den ich übrigens nicht liebe.“ Die an Essstörungen und Drogenproblemen laborierende Tallulah Willis, die drei Jahre mit ihrer ebenfalls suchtkranken Mutter Demi Moore kein Wort sprach. Der ehemalige Kinderstar Drew Barrymore, die sich vor einem Gericht mit 15 Jahren für volljährig erklären ließ, weil ihre Eltern „sie nicht schützten“ und die Mutter zum „härtesten Thema meines Lebens wurde“, wie sie in einem Interview mit dem „Guardian“ erzählte: „Ich war einfach nie nur böse auf sie. Ich fühlte immer auch Schuld und Mitgefühl. Aber wir können nicht Teil des Lebens der jeweils anderen sein.“

Entwicklung sei immer möglich, ist die deutsche Psychotherapeutin und Spezialistin für das Thema Claudia Haarmann (siehe Interview) überzeugt, allerdings müssten Eltern ertragen, dass der Zeitfaktor nicht von ihnen bestimmt wird und sie auch gefordert sind, sich mit „den Familienwunden“ auseinanderzusetzen. Wenn in einer Eltern-Kind-Bindung wiederholt emotionaler Missbrauch und Gewalt ohne Schuldeinsicht aufgetreten sind, ist eine Wiedervereinigung zum „Wohl des Kindes“, wie es juristisch heißt, manchmal gar nicht erstrebenswert. „Da kann der Kontakt auch durchaus schädigend sein“, so Haarmann. Narzisstische Eltern, die oft die Eltern-Kind-Rolle umdrehen und sich in ihrem Verhalten so störrisch, beleidigend und kränkend wie ein trotziges Kind zeigen, können für junge Erwachsene ein zerstörerisches Stresslevel erzeugen. Interviewpartner, die die Funkstille als Befreiungsschlag empfinden, sagten im Gespräch mit profil Sätze wie „Ich habe für mich beschlossen, dem setze ich mich nicht mehr aus“, „Nie konnte ich es ihm/ihr recht machen“ oder „Meine Mutter war extrem manipulativ, das habe ich erst jetzt durchschaut.“ Auf der Eltern-Seite fallen Worte wie „Ich wollte doch nur das Beste für mein Kind“ oder „Ich weiß bis heute nicht, was ich falsch gemacht habe“, „Meinem Kind hat es doch an nichts gefehlt.“

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Die ganze Cover-Geschichte finden Sie in der profil-Ausgabe 27/2022 - hier als E-Paper.

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