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Österreich gewinnt den Song Contest – und JJ verliert den Faden

Elf Jahre nach Conchita Wurst gewinnt Österreich wieder den Song Contest. Der Gewinner verliert sich nachher leider im Debattennebel.

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Die Aufnahme war ein bisschen unscharf, die Botschaft verworren argumentiert, aber am Ende eben doch leider sehr eindeutig. In einem Video-Interview mit der spanischen Tageszeitung „ABC“ erklärte der junge Wiener Johannes Pietsch, der mit seiner dramatischen Diskanthymne „Wasted Love“ kurz zuvor – und vor immerhin 160 Millionen TV-Zusehern in aller Welt – sensationell den Eurovison Song Contest gewonnen hatte: „Ich bin sehr enttäuscht, dass sie Russland ausgeschlossen und Israel im Spiel gelassen haben. Beide sind Aggressoren.“ Auch gegenüber „El Pais“ hatte sich Pietsch, der als Opernsänger ausgebildet wurde und sich als Pop-Künstler JJ nennt, ähnlich geäußert und für einen Ausschluss Israels von dem Wettbewerb plädiert.

Im Finale des diesjährigen Song Contests hatte Pietsch übrigens die israelische Sängerin Yuval Raphael mit deutlichem Punkteabstand auf Platz zwei verwiesen. Die 25-jährige Israelin hatte die Terroranschläge des 7. Oktober 2023 und das Massaker am Nova-Musikfestival im Süden Israels selbst erlebt – und nur überlebt, weil sie sich unter den Leichen getöteter Freunde vor den Hamas-Terroristen verstecken konnte.

Nicht nur vor diesem Hintergrund fehlte es JJs Debattenbeitrag ganz klar an Gespür und Bewusstsein. Allerdings kann man ihm nicht ankreiden, dass der Contest in den vergangenen Jahren einen Kontext bekommen hat, der ihm nicht guttut. Die Showbühne, auf der sich Pietschs Triumph – und Malheur – anbahnten, stand übrigens in Basel, also auf ausgesprochen neutralem Boden, aber nicht einmal das reichte aus, um wenigstens symbolisch ein bisschen Frieden zu schaffen.

„Back to forgetting“ 

Nun ist ein Schlagerwettbewerb kaum die richtige Bühne für die Debatte über einen völkerrechtlich und diplomatisch kaum in den Griff zu bekommenden Konflikt. Andererseits war die Blödheit des Banalen auch schon in der Vergangenheit immer wieder einmal politisch schattiert. Die Friedensbewegung der frühen 1980er-Jahre hinterließ ihre Spuren in der Eurovision („Ein bisschen Frieden“) genauso wie die Spaßkultur der 1990er, die mit ultra-ironischem Programm (Guildo Horn) gegen die Verkrampfung der Verhältnisse anschoss. Allerdings dürfte sich die Verkrampfung letztlich doch durchgesetzt haben, zumindest legen das die Reaktionen auf JJs diplomatischen Eklat nahe. Unter anderem äußerten sich der ehemalige Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka, der amtierende Bundespräsident Alexander Van der Bellen und der nicht amtsführende Wiener Stadtrat Dominik Nepp mit mahnenden Mienen zu Wort, Niederösterreichs Landeshauptfrau Mikl-Leitner erklärte ihrerseits ganz unumwunden: „In Niederösterreich wird es jedenfalls keinen ESC ohne Israel geben.“

Der nächstjährige Song Contest wird, wie die European Broadcasting Union (EBU) Anfang Dezember bekannt gab, im Mai 2026 tatsächlich mit israelischer Beteiligung – allerdings in Wien – stattfinden. Spanien, Irland, Slowenien und die Niederlande haben auf diese Nachricht mit demonstrativen Absagen reagiert, der Veranstalter – in der Person von ORF-Generalintendant Roland Weißmann – ist trotzdem optimistisch: „Die Show wird keinesfalls darunter leiden“. JJ selber will sich nach seinem Statement im Mai „zu dem Thema nicht mehr äußern“, veröffentlichte aber im September zumindest eine thematisch passende neue Single: „Back to Forgetting“.

Sebastian Hofer

Sebastian Hofer

schreibt seit 2002 im profil über Gesellschaft und Popkultur. Ist seit 2020 Textchef und seit 2025 stellvertretender Chefredakteur dieses Magazins.