Zwei Gänge mit … Irene Fuhrmann
Schriftgröße
Österreichs erfolgreichste Fußballtrainerin kommt mit dem Fahrrad zum Termin, und es ist noch nicht mal ein besonderes Bike: kein Rennrad, kein fancy Stadtrad, das auch als Einrichtungsgegenstand im Designerladen durchgehen würde; und natürlich nichts mit Motor. Es ist ein wirklich ganz normales Rad, von dem Irene Fuhrmann gerade absteigt, ein Mountainbike, das auch schon ein bisschen in die Jahre gekommen ist. Ich lerne, noch bevor ich das erste Wort gewechselt habe: Frauenfußball ist wirklich anders.
„Linko’s Bachstüberl“ in Purkersdorf – Irene Fuhrmann hat das Lokal vorgeschlagen, weil sie nur ein paar Radminuten entfernt, in Gablitz, wohnt. Und dass man sie hier kennt, wäre doch eher unwahrscheinlich, selbst wenn sie so etwas wie das Gesicht des österreichischen Frauenfußballs ist. Sie hat nicht nur selbst gekickt und als erste österreichische Frau die UEFA-Pro-Lizenz erhalten (womit sie, frei nach Herbert Prohaska, sogar Barcelona trainieren könnte).
Sie war vor allem bis vor Kurzem die Teamchefin der ÖFB-Frauennationalmannschaft, als Halb- und Viertelfinalistinnen der vergangenen beiden Europameisterschaften das erfolgreichste Erwachsenen-ÖFB-Team der jüngeren Zeit. Aber ja: Frauenfußball ist eine andere Welt. Und selten wird das so deutlich wie jetzt.
Es gibt viele Menschen, die sagen, Frauenfußball sei der schönere Fußball.
Irene Fuhrmann
Fußball-Trainerin
Seit Donnerstag läuft die 23. Fußball-Weltmeisterschaft, das größte Spektakel, das die Fußball-Welt jemals erlebt hat. Absurde 48 Mannschaften nehmen teil, so viele wie noch nie, die Sache dauert deswegen auch sechs Wochen. Die Ticketpreise sind astronomisch hoch, dafür soll aber auch eine Show geboten werden, die man so noch nicht kennt. Gar nicht so sehr am Rasen, sondern daneben – und in den Pausen. Die Kommerzialisierung des Fußballs erlebt in diesen Tagen einen neuen Höhepunkt.
Es ist ein Montag Anfang Juni, die Sonne zeigt, was sie kann, und das „Bachstüberl“ ist sehr gut gefüllt. Die Spezialität des Hauses sind die Menüs, sagt Fuhrmann. Um vergleichsweise kleines Geld (13,90 Euro) kann man sich bei Linko aus vier Suppen und vier Hauptspeisen seinen persönlichen Deal zusammenstellen. Und das scheint zu funktionieren. Im Gastgarten ist jeder Tisch besetzt, offenbar gibt es in Purkersdorf sehr viel mehr Büros, als man denken würde – oder auch der Montag ist mittlerweile schon zum Homeoffice-Tag geworden.
„Es gibt viele Menschen, die sagen, Frauenfußball sei der schönere Fußball“, sagt Irene Fuhrmann: „Die Technik ist die gleiche, die Taktik auch, physisch wird es aber immer einen Unterschied geben.“ Genau das mache aber auch die Faszination ihres Sports aus: „Viele halten Frauenfußball für fairer und ehrlicher.“ Wir haben unsere Frittatensuppe bereits gegessen, vor uns steht ein Erdäpfelgulasch, das optisch genauso interessant ist wie geschmacklich und ganz offenbar an die Zielgruppe „rüstige Rentner mit Tagesfreizeit“ angepasst ist.
Fußball in der Welt von Irene Fuhrmann ist in erster Linie Spaß und definitiv kein Megabusiness, was vielleicht auch daran liegt, dass sie in ihrer aktiven Zeit nie vom Fußball leben konnte, sondern maximal eine Aufwandsentschädigung bekam.
Tatsächlich ist es sehr interessant, mit Irene Fuhrmann über Fußball zu reden, und je länger wir sprechen, desto deutlicher wird, dass sie dieser Sport de facto ihr ganzes Leben lang begleitet hat. Sie erzählt mir von ihren Anfängen, dass sie eigentlich schon immer gekickt hat, aber eigentlich nie im Verein und immer mit Buben.
„Ein paar Schultaschen auf einer Wiese“ haben als Tore gereicht, sagt sie, oder in der Schule eine zerdrückte Cola-Dose. Fußball in der Welt von Irene Fuhrmann ist in erster Linie Spaß und definitiv kein Megabusiness, was vielleicht auch daran liegt, dass sie in ihrer aktiven Zeit nie vom Fußball leben konnte, sondern maximal eine Aufwandsentschädigung bekam. Und selbst als Trainerin, sagt Fuhrmann, war Geld kein bestimmendes Thema. Weder für sie noch für ihre Spielerinnen.
Doch mittlerweile dürfte sich das ändern, und das liegt offenbar daran, dass sich der Frauenfußball immer weiter professionalisiert. „Es ist sehr viel mehr Know-how drinnen, mehr Personal und auch bessere Bedingungen“, sagt Fuhrmann. Soll heißen: Geld.
„Natürlich wollen Spielerinnen auch ins Ausland – und von dort dann je nachdem in eine bessere Liga. In England zum Beispiel, da verdient man schon ganz ordentlich. Natürlich nicht in ähnlichen Dimensionen wie die Männer, aber gutes Geld.“ Dementsprechend ändert sich auch die Chemie in den Teams. Die Spielerinnen wollen nicht mehr zwingend das Beste für die Mannschaft, sie wollen in erster Linie selbst spielen.
Geändert hat sich das seit den Erfolgen des Frauenteams, meint sie: „Seit damals gibt es Sponsoren. Als Spielerin bist du auf einmal auch ein Testimonial. Du hast eine Chance, dich zu vermarkten. Dich – und nicht das Team.“
Wenn sie darüber spricht, merkt man, dass sie noch nicht genau einschätzen kann, was sie davon halten soll. Ist das jetzt gut, dass sich der Frauenfußball professionalisiert? Dass die Spielerinnen für ihr Hobby echtes Geld bekommen und damit eine Karriere aufbauen können, ohne daneben weiterhin zumindest ein paar Stunden arbeiten zu müssen, um die Miete bezahlen zu können? Oder verliert der Sport damit nicht nur seine Unschuld, wie man dann immer so schwülstig sagt, sondern auch ein bisschen seinen Charme?
In Österreich wurde gerade Austria Wien Meister, nächstes Jahr spielen auch die Rapid-Frauen in der Bundesliga. Ein Wiener Derby hat natürlich für Fans und auch Sponsoren eine andere Wirkung als Bergheim gegen Südburgenland.
Irene Fuhrmann
Fuhrmann ist mit ihrem Gulasch fertig, die dazugehörige Semmel hat sie nicht angerührt, was eine kluge Entscheidung war, ich habe sie nämlich probiert. „Frauenfußball kam durch einzelne Personen, die viel Geld und Zeit und Energie reingesteckt haben, so weit, aber jetzt geht sich das nicht mehr aus“, sagt sie dann ziemlich nachdenklich.
Der USV Neulengbach, viele Jahre einer der besten Klubs im Land, hat gerade Konkurs angemeldet, der ehemalige Meister USC Landhaus, bei dem Fuhrmann selbst einige Jahre gespielt hat, grundelt mittlerweile in der zweiten Liga herum, genauso wie in Deutschland der ehemalige Serien-Champions-League-Sieger Turbine Potsdam.
„Reine Frauenfußballvereine haben es schwer“, sagt Fuhrmann, stattdessen übernehmen die Damenteams der klassischen Vereine das Kommando. „In Österreich wurde gerade Austria Wien Meister, nächstes Jahr spielen auch die Rapid-Frauen in der Bundesliga. Ein Wiener Derby hat natürlich für Fans und auch Sponsoren eine andere Wirkung als Bergheim gegen Südburgenland“.
Ist das gut? Oder eher schlecht?
Fuhrmann beugt sich vor. Sie will das gar nicht werten, meint sie, aber erst vor Kurzem sei sie beim Finale des Frauen-Fußball-Cups zwischen Austria Wien und Red Bull Salzburg gewesen. 4600 Zuseher haben sich das laut offizieller Zählung am Sportclub-Platz angesehen. „So viele Fans hat es bei einem Cupfinale der Frauen in Österreich überhaupt noch nie gegeben“, sagt Fuhrmann, „Mit diesen Namen hat man natürlich einen großen Vorteil: Man spricht die Fans der Vereine an.“
Der Nachteil ist freilich genau der gleiche: dass man die Fans dieser Vereine anspricht. Was das bedeuten kann, war spätestens in dem Moment klar, als aus dem Austria-Sektor Beschimpfungen der Salzburger Spielerinnen zu hören waren, die man sonst nur hört, wenn Demonstranten auf maskierte Polizei-Spezialeinheiten treffen. „Das hat es im Frauenfußball so noch nie gegeben“, sagt Fuhrmann: „Da wurden Gegnerinnen bisher nicht verhöhnt, es wurde noch nicht einmal das gegnerische Team ausgepfiffen.“
Aber ja, es ist offenbar etwas anderes, wenn 4000 Menschen bei einem Kick zusehen und nicht nur der engere Verwandtenkreis der Spielerinnen. Und wer weiß, vielleicht wird man dann als Teamchefin außer Dienst irgendwann mal auch in „Linko’s Bachstüberl“ erkannt. Das muss man aber auch wollen. Und bei Irene Fuhrmann wäre ich mir da gar nicht so sicher.
Markus Huber
ist im Hauptberuf Herausgeber des Magazins „Fleisch“ und schreibt für profil alle zwei Wochen die Kolumne „Powerlunch“.