Schauspieler Vincent Cassel, 57,  mit Freundin Narah Baptista, 27, in Cannes.
Bizarrer Datingtrend

Auf der Jagd nach Sugardaddies

„Sugardating“ heißt ein irritierendes Paarungsphänomen, bei dem junge Frauen gezielt nach älteren Männern suchen, um ihren Lifestyle zu verbessern – und diese finanziellen Deals nicht als Backlash empfinden, sondern als feministische Selbstermächtigung.

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In der Grauzone zwischen salonfähiger Geheimprostitution und klassischer Maitressenposition operiert Alex, die Antiheldin aus Emma Clines hochgepriesenem Roman „Die Einladung“. Sie findet ihren Sugardaddy in Form des 50-plus-Kunsthändlers Simon und tanzt nahezu einen Sommer lang an seiner Seite durch das New Yorker Ferienghetto der Superreichen, die Hamptons, futtert Krabbensalate um 80 Dollar, schwingt die von ihm bezahlten Prada-Taschen, ist allzeit bereit und hat bei all dem null moralische Bedenken. Denn vor ihr und nach ihr wird es in Simons Leben „andere junge Frauen mit Weekendern und hoffnungsvollen, gepflegten Körpern geben, die um zehn Uhr morgens in seine Küche  schlendern, um Kaffee zu trinken, den jemand anderes für sie zubereitet hat“, und sich den Bauwollslip dabei „aus der Poritze zupfen.“

Diese Alex, die wie aus dem Schwarzbuch des Feminismus entsprungen scheint, lebt inzwischen ganz real und in tausendfacher Ausführung auf TikTok und YouTube oder wirft ihre Köder auf Online-Portalen mit Namen wie „Sugardates“, „Luxusluder“, „Jungwillalt“, „Sugardaddiesfinden“ oder „Mannmitgeld“ aus. Auf YouTube finden sich unter dem Schlagwort „Sugarbabes“ Dutzende Mini-Dokus und Clips, in denen junge Frauen, keine von ihnen über 30, frisch geföhnt und leicht geschürzt, offen über ihre Erfahrungen mit dem Geschäftsmodell sprechen, das sie sich, zumindest temporär, zum Lebensentwurf gemacht haben.„Zwischen 5000 und 10.000 Euro Taschengeld“ monatlich bringen ihre zwei parallelen Sugardaddy-Beziehungen ein, erzählt eine 22-jährige Britin. So könne sie sich locker ihr Wirtschaftsstudium finanzieren und müsse nicht mehr in einer „versifften Einzimmerwohnung im Nirgendwo“ leben. Eine andere, bereits im fortgeschrittenen Sugarbabe-Alter von 27, erklärt, dass sie die Schnauze voll habe „von planlosen Gleichaltrigen, die noch immer wie Teenager in WGs leben und am Wochenende auf Sauftouren gehen“, und stattdessen „Männer mit Niveau und Erfahrung“ suche. Viele der ihre Sugarbabe-Existenz dokumentierenden Frauen befinden sich gerade in Ausbildung, durchaus auch auf Universitäten, und könnten sich unter anderen Verhältnissen die Nasen nur an den Schaufenstern der Luxusboutiquen platt drücken.Manche der anbeißenden „Oldies, but Goldies“ gehen inzwischen gleich in der Anbahnungsphase auf Nummer sicher, indem sie auflisten, welche Ausgaben sie nicht abzudecken bereit sind.

Männer, die zwar junge Frauen wollen, aber nur begrenzt zu Spesen aufgelegt sind, rangieren im Sugarbabe-Universum unter dem Begriff „Dustys“, wortwörtlich Staubige, sinngemäß: Geizkrägen. Die Schutzheilige der weltweiten Zuckerfraktion ist die ehemalige Bestatterin Leticia Padua („SheraSeven“ auf Instagram und TikTok), die unter der Kampfparole „Sprinkle Sprinkle“ (was sich auf den erwünschten Geldregen beziehen soll) ihren 800.000 Followern Lektionen im finanziell zielorientierten Dating erteilt.

Angelika   Hager

Angelika Hager

leitet das Gesellschafts-Ressort