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Der Anruf erreichte Geoffrey Ebner im Frühsommer 2025 auf einem Musikfestival in Linz: Zwischen dröhnender Musik und tanzenden Menschen erfuhr er von seiner Mutter, dass der Familienhund Sunday im Sterben lag. Ohne lange zu überlegen, fuhr der 26-Jährige nach Hause. „Ich hätte keinen Spaß am Festival haben können, wenn ich weiß, dass mein Hund gerade stirbt“, erklärt er.
Sunday begleitete Ebner sein halbes Leben lang: Der schwarze Labrador Retriever mit den großen Kugelaugen kam als Welpe in die Familie und wuchs gemeinsam mit dem damals 12-Jährigen in Oberösterreich auf, begleitete ihn durch seine Kindheit und Jugend. Jeden Tag waren sie unterwegs, gingen lange Gassi-Runden zusammen. Doch irgendwann wurden die Spaziergänge kürzer. „Es war sehr traurig, mitanzusehen, wie ein Hund ein Stück seiner Hundeartigkeit verliert“, erinnert sich der Ebner. „Hunde sind von Natur aus aktiv. Wenn diese Lebendigkeit verschwindet, erkennt man kaum noch den typischen Hund.“
Zurück vom Festival, konnte Ebner noch einen letzten Tag mit Sunday verbringen, bevor die Familie den Hund einschläfern ließ. Noch lange danach haderte der Student mit dieser Entscheidung. Mittlerweile kann er sich mit dem Gedanken trösten, dass er Sunday damit viel Leid erspart hat. Die Trauer bleibt trotzdem. „Am Anfang denkt man noch sehr oft daran, später kommt die Trauer immer wieder, in einzelnen Momenten zurück. Manchmal erwarte ich sogar heute noch, dass Sunday mir entgegenkommt, wenn ich die Haustür aufmache.“
Es ist doch nur ein Tier
Laut einer Studie der Spectra-Marktforschungsgesellschaft aus dem Jahr 2022 lebt mehr als ein Drittel aller Österreicherinnen und Österreicher mit einem oder mehreren Tieren zusammen unter einem Dach. Die Haustier-Population im Land macht unter anderem mehr als zwei Millionen Katzen, rund 836 000 Hunde und eine halbe Million Kleinsäuger wie Meerschweinchen oder Mäuse aus. Dabei betrachten 70 Prozent der Besitzer ihre tierischen Mitbewohner als vollwertige Familienmitglieder.
Trotzdem wird die Trauer über den Verlust eines geliebten Haustiers gesellschaftlich immer noch stark bagatellisiert. Das kann Laura Pfundner leidvoll bestätigen. Sätze wie „Es ist doch nur ein Tier“ oder „Kauf dir einfach eine neue Katze“ kennt die 27-jährige Studentin nur allzu gut.
Sie wuchs in einer Familie mit Katzen auf, besonders eng war ihre Bindung zu der Russisch-Blau-Katze Sissi, die schon vor Pfundners Geburt bei der Familie lebte. Jahrelang waren sie unzertrennlich. „Sie hat eigentlich jede Nacht bei mir unter der Decke geschlafen“, erzählt Pfundner lachend: „Ich verstehe bis heute nicht, wie sie das ausgehalten hat.“
Doch dann starb Sissi, mit stolzen 22 Jahren, nach langer Krankheit an Nierenproblemen. Die ganze Familie trauerte aufrichtig. In ihrem Umfeld erlebte Pfundner dafür jedoch nur wenig Verständnis. „Sissi hat wirklich mein ganzes Aufwachsen begleitet – eigentlich mein ganzes Leben“, erzählt sie: „Ich glaube, wenn man einmal so eine enge Bindung zu einem Tier hatte, versteht man einfach, dass es eben nicht ‚nur eine Katze‘ ist.“
Trauer braucht Raum
Trauer um ein Haustier kann sehr real und tiefgehend sein. Zwar unterscheidet sie sich von der Trauer um einen Menschen – unter anderem, weil die Beziehung zu einem Tier und damit auch die Trauerreaktion meist weniger komplex ist. Dennoch könne der Tod eines geliebten Tieres und auch schon eine mögliche Krankheit davor für Haustier-Besitzer sehr belastend sein, erklärt Andrea Kolmitzer.
Die psychosoziale Beraterin aus Wien unterstützt Menschen in Lebensphasen der Veränderung oder nach Verlusten – bei einem Jobverlust, nach einer Scheidung oder beim Abschied von einem Haustier. Dass sich jemand ausschließlich wegen des Todes eines Tieres an sie wendet, kommt allerdings eher selten vor. Oft treten mehrere Belastungen gleichzeitig auf. „Eine Klientin von mir war gerade auf Jobsuche, hatte eine Trennung hinter sich und dann ist auch noch ihr Pferd gestorben. Das kann wirklich sehr belastend sein“, erklärt Kolmitzer.
Gerade ältere Personen seien besonders vulnerabel, weil sie oft weniger soziale Kontakte haben. „Da sind die Tiere dann umso bedeutsamer“, sagt die Beraterin. Auch Kinder erleben den Verlust eines Haustieres intensiv, allerdings auf andere Weise. Ihre Trauer sei meist spontaner und wechselhafter, sagt Kolmitzer: Im einem Moment spielen sie unbeschwert, im nächsten weinen sie, nur um kurz darauf wieder zu spielen – ein Auf und Ab der Gefühle.
Empathie ist eine Fähigkeit, die wir lernen können.
Andrea Kolmitzer
Psychosoziale Beraterin aus Wien
Unabhängig vom Alter sei es jedoch wichtig, jede Form von Trauer ernst zu nehmen. „Trauer zu verharmlosen, zu relativieren oder kleinzureden kann sehr verletzend sein.“ Auch wer selbst noch keine ähnlichen Erfahrungen gemacht hat, könne Mitgefühl zeigen. „Empathie ist eine Fähigkeit, die wir lernen können: Jemanden ernst zu nehmen und seine Gefühle anzuerkennen, anstatt sie abzulehnen oder herunterzuspielen“, erklärt die psychosoziale Beraterin.
Sie hat auch Tipps für Trauernde: Eine Urne zu Hause, ein Haustiergrab oder ein eingerahmtes Foto an einem besonderen Platz können Trost spenden. Wichtig sei vor allem, sich Zeit für die Trauer zu nehmen, über das Tier zu sprechen und kleine Rituale zu schaffen, die die Erinnerung lebendig halten.
Wo Tierliebe ein Grab findet
Simba, Bambi, Kuschel, Snoopy und Rocco – das sind nur einige der Namen, die auf den 770 Gräbern am Tierfriedhof in Wien zu finden sind. Vor den Grabmälern stehen steinerne Futternäpfe, befüllt mit frischem Futter, auch Spielzeuge und Blumen wurden niedergelegt. Rund 1300 Tiere haben hier auf einem Areal von 580 Quadratmeternschon ihre letzte Ruhstätte gefunden.
Der Tierfriedhof feiert heuer sein 15-jähriges Jubiläum. Er wurde 2011 eröffnet, nachdem immer mehr Wiener den Wunsch geäußert hatten, ihre geliebten Haustiere in ihrer Nähe beisetzen zu können. Bis heute ist der Tierfriedhof in Simmering der einzige in der Hauptstadt.
Im Vergleich zu Menschenbeerdigungen läuft es bei Tierbestattungen entspannter ab, nicht so gezwungen.
Thomas Vogler
Mitarbeiter des Tierfriedhofes
„Bei den meisten Tieren, die beigesetzt werden, handelt es ich um Hunde und Katzen, aber wir haben auch schon Meerschweinchen, Mäuse, Ratten, Vögel, und sogar Schildkröten gehabt“, erklärt Thomas Vogler, ein Mitarbeiter des Tierfriedhofes. Bis zu einem Körpergewicht von 70 Kilogramm sei alles möglich. Für den Transport der Verstorbenen zum Friedhof gibt es sogar einen Abholservice, der von Montag bis Freitag von 9 bis 20 Uhr operiert.
„Im Vergleich zu Menschenbeerdigungen läuft es bei Tierbestattungen entspannter ab“, meint Vogler. Er liebt seinen Beruf, weil er Menschen in solchen Momenten der Trauer Trost spenden kann: „Man kann ihnen die Trauer nicht nehmen, aber man kann zumindest eine Atmosphäre schaffen, in der man ein Tier würdig verabschieden kann.“
Auch an diesem Tag Mitte März wird am Tierfriedhof Wien ein Tier bestattet, in der Aufbahrungshalle steht auf einem großen Tisch ein kleiner, knallpinker Karton. Rundherum liegen rosarote Blumen in Herzform, darin ein Meerschweinchen. Es soll um 13 Uhr im kleinen Kreise beigesetzt werden.
Wenn ein Kater Geschichte schreibt
„Der Krebs hat bereits sein Immunsystem angegriffen. Sein Tumor ist mit knapp sechs Zentimetern viel zu groß für seinen kleinen Körper. Fünf Komma siebenundsiebzig – eine Zahl, die sich in mein Gedächtnis eingebrannt hat. Sein Tierarzt an einer Klinik für Onkologie und Schmerzmanagement gab ihm vor einer Woche, letzten Donnerstag war es, nur noch wenige Wochen Restlebenszeit. Seither ist alles anders.“
So erzählt Markus Wolschlager in seinem Buch „Gute Nacht, lieber Pnyxi“ vom plötzlichen Tod seines Katers Pnyxi, der im vergangenen Jahr an einem Tumor verstarb. Nur wenige Wochen blieben von der Diagnose bis zu dem Tag, an dem sich Wolschlager von der schwarz-weißen Tuxedo-Katze verabschieden musste.
„Im Frühling war überhaupt nicht abzusehen, dass unser Kater so plötzlich sterben würde“, erzählt der Oberösterreicher, der heute in Brüssel lebt und für die Europäische Union arbeitet. „Dass eine Katze trotz bester Behandlung innerhalb weniger Wochen an Krebs stirbt, war ein existenzielles Erlebnis – ein großer Schock.“
Trauer ist der Mut, jemanden geliebt zu haben.
Markus Wolschlager
über den Verlust seiner Tuxedo-Katze
In einer Welt, die politisch, wirtschaftlich und ganz alltäglich oft herausfordernd ist, eröffnen Haustiere für sehr viele Menschen einen wichtigen Rückzugsort. Allerdings wird die Trauer um ein verstorbenes Tier häufig noch nicht wirklich ernst genommen. Auch deshalb sei es entscheidend, den Verlust bewusst zuzulassen und nicht zu verdrängen, sagt Wolschlager: „Trauer ist der Mut, jemanden geliebt zu haben – und dabei gibt es keine Schmerzhierarchie. Es geht nicht darum, zu vergleichen, sondern darum, die eigenen Gefühle zuzulassen.“
In seinem Buch beschreibt Wolschlager die besondere Qualität der Beziehung zwischen Mensch und Tier. Es ist weit mehr als eine einfache Tiergeschichte: Zwar steht der Kater Pnyxi im Mittelpunkt, doch die Erzählung greift auch zutiefst menschliche Themen auf – den Umgang mit Gefühlen, mentale Gesundheit oder auch gesellschaftliche und moralische Fragen.
So schreibt der Autor: „Manchmal, auch heute, kommt mir meine Trauer um Pnyxi fast absurd vor. Im Zug von Paris nach Straßburg gab es eine knappe Stunde Verspätung, weil der vorausfahrende Zug ein Tier überfahren hatte. Und gerade erst wurde bekannt, dass 34.000 Kälber aus Österreich und Deutschland unter illegalen und grausamen Bedingungen nach Spanien transportiert wurden – mehr als zweiundzwanzig Stunden lang, ohne ausreichende Versorgung, Ruhepausen oder Wasser. (…) Pnyxi hatte großes Glück, eine Katze zu sein und im behüteten Zuhause zu leben.“
Die Katzen gehören nicht uns – wir gehören ihnen.
Johann Wolfgang von Goethe
Dass die Beziehung zwischen Mensch und Katze eine ganz besondere ist, wusste schon Johann Wolfgang von Goethe. Dem Dichter wird das Zitat zugeschrieben: „Die Katzen gehören nicht uns – wir gehören ihnen.“
Katzenmenschen unter sich
Wie viel manche Haustiere ihren Besitzern bedeuten, kann man auch in dem neuen Podcast „Cat People“ von Sandra Herbsthofer hören: Darin interviewt sie prominente Katzenbesitzer, zuletzt waren etwa Franz Adrian Wenzl, Sänger der Band „Kreisky“, oder der deutsche Komiker Aurel Mertz zu Gast. In diesen Gesprächen erweisen sich Katzen oft als perfekte Eisbrecher. „In dem Moment, in dem man über die Katzen spricht – und ich besuche dafür oft auch die Wohnungen meiner Gäste, weil ich ihre Katzen gern persönlich kennenlernen möchte – entsteht sofort eine viel persönlichere und intimere Atmosphäre“, erzählt Herbsthofer, die selbst zwei Katzen hat.
Wenn man Tiere hat, bekommt man automatisch eine Routine – egal, ob es einem gut geht oder schlecht.
Sandra Herbsthofer
über den Alltag mit Katzen
Auch Trauer ist ein wiederkehrendes Thema bei den „Cat People“ – oft ohne, dass die Interviewerin es aktiv anspricht, kommt das Thema wie von selbst auf. Tiere üben im Alltag eine stabilisierende Wirkung aus, die mit ihrem Tod schlagartig wegbricht: „Wenn man Tiere hat, entwickelt man automatisch Routinen – egal, ob es einem gut oder schlecht geht. Man muss füttern, das Katzenklo sauber machen und sich kümmern. Diese Abläufe helfen unbewusst, nicht die Fassung zu verlieren, weil man eben Verantwortung für ein anderes Lebewesen trägt.“
Gleichzeitig geben Tiere Liebe zurück und übernehmen eine Art Care-Arbeit: Sie merken, wenn es ihren Besitzern schlecht geht und passen ihr Verhalten an. Sie bleiben dann länger bei ihnen, kuscheln mehr oder schenken einfach Aufmerksamkeit. Das führt dazu, dass zwischen Mensch und Haustier oft eine besonders enge emotionale Bindung entsteht. „Mein Zuhausebegriff hat sich durch die Katzen extrem verändert – sie nehmen jetzt viel mehr Raum in meinem Leben ein“, erzählt Herbsthofer.
Sie ist überzeugt, dass man sich auch einiges von den Tieren abschauen kann: „Katzen sind sehr klar in ihrer Kommunikation: Sie zeigen direkt, was ihnen passt und was nicht, und verteidigen konsequent ihre Grenzen. Gleichzeitig lehren sie einen, Kompromisse einzugehen. Und vielleicht auch etwas fürs Leben: Katzen zeigen uns, dass man sich immer die Sonnenplätze suchen sollte.“
Spaziergang mit Zwischenstopp am Tierfriedhof
Die Gräber und Fußpfade am Tierfriedhof im elften Wiener Gemeindebezirk sind kreisförmig angeordnet. Bänke laden zum Innehalten, zum Erinnern und zum stillen Verweilen ein. Anders als auf einem herkömmlichen Friedhof sind Hunde hier willkommen: Sie dürfen ihre Menschen beim Grabbesuch begleiten. So sitzen an diesem Märztag auch einige Hundebesitzer mit ihren Tieren in der warmen Frühlingssonne und genießen die Ruhe – nur ab und zu hört man ein Flugzeug, das zur Landung am Flughafen Schwechat ansetzt.
„Ich hatte schon viele Kunden, denen ein Tier gestorben ist und die es einfach kremieren haben lassen“, erzählt Geschäftsführer Vogler: „Aber hätten sie gewusst, dass es einen Tierfriedhof gibt, hätten sie das Tier lieber hier bestatten lassen. Oft haben sie uns dann das zweite Tier gebracht."
Auch Geoffrey Ebner denkt nach dem Verlust von Sunday darüber nach, sich wieder ein Haustier ins Leben zu holen. Für ihn liegen Hunde dabei klar vor Katzen. Was ist das Schönste daran, Hundebesitzer zu sein? „Dass sich Hunde über jede Kleinigkeit freuen. Das steckt einfach an.“
Mavie Michelitsch
seit Februar 2026 Volontärin bei profil.