In Windeseile spult er das Standardprogramm ab. „Ich bin mit der Regierung im Großen und Ganzen zufrieden“, sagt er zum Beispiel, da hat er noch nicht einmal bestellt. „Die Regierung wird unter Wert geschlagen. Wir haben einen Kanzler, der dem Land nicht schadet, und das ist mehr, als man sich in weiten Teilen der Welt erwarten darf.“ Er lobt den Wirtschaftsminister (auch ein Oberösterreicher; Ochsner ist mit ihm befreundet und begleitet ihn immer mal wieder zu Staatsbesuchen, Anm.), sagt dann aber auch, dass die Regierung jetzt bald „ein paar Reformen anschieben muss. Es passiert zu wenig im Land.“ Bevor sein „Insalata Tropea Beach“ mit extra Feta (12,40 Euro) vor ihm steht, hat Ochsner bereits gefordert, dass alle Österreicher drei Jahre länger arbeiten sollten, weil wir ja „älter und fitter werden“. Er ist für einen Selbstbehalt in den Ambulanzen eingetreten und hat das Sozialsystem reformiert: „Sozialtourismus muss unmöglich gemacht werden. Ja, wir müssen den Schwachen der Gesellschaft helfen. Aber bei denen, die nicht arbeiten wollen, müssen wir umdenken. Wer auch den x-ten zumutbaren Job nicht annimmt, dem muss man die Unterstützung kürzen. Wir können uns das nicht mehr leisten.“
Alles in allem ist das alles sehr erwartbar. Hier in der Linzer Vorstadt sitzt mir ein IV-Funktionär gegenüber, und der hat eine Rolle zu erfüllen, auch wenn er dabei in einer engen Jeans mit weißen Sneakern steckt, eine Pizza mit doppelt San Daniele (23,20 Euro) bestellt hat und seinen Salat gerade noch schneller reinschaufelt als ein Internatsschüler Spaghetti bolognese, wenn es davor zwei Wochen nur Couscous mit Fenchel gegeben hat.
Doch tatsächlich hat Ochsner noch eine zweite Ebene, und die wird deutlich, wenn man ihn auf die FPÖ anspricht. Die Partei von Herbert Kickl möchte Ochsner nämlich nicht in der Regierung sehen, sagt er, „die FPÖ kann kein Land führen. Ich halte sie für nicht regierungsfähig.“ Für einen Spitzenfunktionär der Industriellenvereinigung, die traditionell eine gewisse Nähe zur FPÖ hat, ist das durchaus deutlich: „Ich weiß, dass die FPÖ für manche attraktiv ist und einige Unternehmer denken, dass mit der FPÖ große Reformen kommen würden. Aber ich glaube das nicht.“
Wir säbeln uns durch die Pizza, die unter der gewaltigen Masse an Rohschinken gar nicht so einfach zu finden ist. In Leonding wird offenbar wirklich lieber geklotzt als gekleckert. Ochsner erklärt mir währenddessen, dass ihn an der FPÖ vor allem ihre Position zum Thema Umweltschutz und Nachhaltigkeit stört. Er redet über die Lobby der fossilen Energieträger, die gigantische Summen in Desinformation steckt. „Die benehmen sich wie Drogendealer, die ihren Süchtigen immer wieder sagen, wie wichtig Öl und Gas ist. Aber ich habe für mich eine Regel: Mit Menschen, die mir erklären wollen, dass der menschengemachte Klimawandel Fake News ist, mit denen rede ich gar nicht mehr. Da ist mir schade um die Zeit.“
Schon klar: In seinem Brotberuf verkauft Ochsner Wärmepumpen. Die FPÖ mit ihrem Feldzug gegen die Energiewende ist da schlecht fürs Geschäft. Aber wenn er über Nachhaltigkeit und Erderwärmung spricht, dann merkt man, dass es ihm nicht nur um Absatzzahlen geht. „Ich bin eben ein konservativer Klimaschützer“, sagt er und lacht dabei ein bisschen so wie Arnold Schwarzenegger in seinen ersten Videos, in denen er über die Vorzüge von Windrädern sprach. Sogar den „Falter“ hat er damit vor einigen Jahren verblüfft: Ochsner, in einem früheren Leben Trauzeuge von Heinz-Christian Strache, war der Wiener Stadtzeitung ein großes Porträt wert, und der Text ist so positiv geraten, dass man als Leser lange glaubt, eine Satire zu lesen oder eine Rezension des neuesten Buches von Florian Klenk. Aber ganz offenbar fand die Politik-Ressortleiterin den dynamischen Oberösterreicher trotz seiner Nähe zu Strache und seiner Mitgliedschaft beim Mittelschüler-Kartellverband wirklich toll und inspirierend. Sechs Monate später trat er auch in einem Diskussionsformat des „Falter“ auf und erinnert sich heute daran, dass „bei meiner Vorstellung niemand geklatscht hat – aber als ich von der Bühne ging, da hatte ich den meisten Applaus von allen“. Wie sehr ihn das damals gefreut hat, merkt man heute noch.
Tatsächlich ist Ochsner ein flotter Erzähler. Er ist keine Pointenschleuder, aber lustig. Man kann mit ihm eine gemütliche Stunde verbringen und ihm dabei zusehen, wie er langsam warm wird, was vielleicht auch an der Schwerarbeit liegt, mit der man sich durch die wirklich irrsinnig vielen Schinkenstücke schneiden muss. Sein „Amigo Andrea“ kommt immer wieder vorbei, bringt Getränke, dann auch noch einen Espresso Macchiato. Irgendwann fällt Ochsner auf, dass er den ganzen Termin hindurch seine Daunenjacke nicht ausgezogen hat. „Peak Performance – das passt sehr gut zu mir“, sagt Ochsner und lacht. Er erzählt mir jetzt, dass er zwar nirgendwo Parteimitglied ist, aber „als Unternehmer“ natürlich immer schon ein Naheverhältnis zur ÖVP hatte und wirklich nie auch nur in der Nähe der FPÖ war. Das überrascht mich, zugegeben.
Und als wir aufbrechen, erzählt er, ohne dass ich danach gefragt habe, wie das mit ihm und Heinz-Christian Strache war. Irgendwann sei er an einem längeren Abend in Wien in die Diskothek „Passage“ gegangen und habe dort Strache mit dessen damaliger Freundin Philippa getroffen. „Ich kannte die beiden vom Fortgehen, sie sogar länger als ihn. Und da haben sie mir gesagt, dass sie gerade beschlossen hätten, zu heiraten. Ich hab spontan gesagt, dass ich gern den Trauzeugen mache. Was man halt so sagt um vier Uhr in der Früh.“
Eine besoffene Geschichte also.
Offenbar hat nicht nur HC Strache damit Erfahrung.