Eine Recherche von profil und ORF deckt auf, wie ukrainische Väter ihre eigenen Kinder aus Österreich entführen und im Kriegsgebiet festhalten, um sich der Einberufung zum Militärdienst zu entziehen. Zurück bleiben die Mütter. Die österreichischen Behörden sind machtlos.
Zuerst ist nur ein tiefes Surren zu hören. Wenige Sekunden später schneidet eine Drohne ins Bild. Sie fliegt direkt auf ein Wohnhaus zu. Auf Höhe des 15. Stockwerks kommt es zur Explosion. Ein lauter Knall, dann Feuer. Dunkelgraue Rauchschwaden wälzen sich über Kyjiw, als wollten sie die Stadt verschlucken. Sie steigen zwischen den Hochhäusern des Wohnblocks auf. Es bleibt an diesem 16. April nicht bei dem einen Treffer. Der Krieg findet direkt vor Olgas Haustür statt. Das Mädchen ist elf Jahre alt und lebt im Gebäude gegenüber.
Auf einem älteren Video, das ihre Mutter aufgenommen hat, sieht man sie als Vierjährige. Der Krieg ist damals noch weit weg und unvorstellbar. Olga sitzt vor einem aufgeklappten Laptop, versunken in ein englisches Wortspiel. Durch das Küchenfenster sieht man dasselbe Wohnhaus, unversehrt, ohne die Einschlagstelle im 15. Stock. Diese Vergangenheit existiert nur noch auf Bilddateien. Heute liegt der Krieg direkt vor diesem Fenster. Und Olga ist wieder hier in Kyjiw – weil ihr Vater sie entführt hat.
15 Jahre vor der Explosion, im Sommer 2011: Anna und Viktor lernen sich in Kyjiw kennen. Sie ist 21 und Studentin, er 28 und frischgebackener Anwalt. Drei Jahre später heiraten sie, dann wird Anna schwanger. Im selben Jahr kommt Olga zur Welt. „Ich war so glücklich in diesem Moment. Ich habe mir immer ein Kind gewünscht“, sagt Anna. Doch die Ehe mit Viktor verläuft nicht so, wie sie es sich vorgestellt hat. (Zum Schutz der Betroffenen hat profil die Namen aller beteiligten Personen geändert.) Nach und nach stellt Anna fest, dass ihre Ehe ein Verfallsdatum hat. Ihr Mann kontrolliert sie, er verbietet ihr den Kontakt zu Freundinnen, zu anderen Männern erst recht. Als Anna ihm sagt, dass sie die Scheidung will, droht er, ihr Olga wegzunehmen. Die Auseinandersetzung kommt vor Gericht. Am 31. Oktober 2022 spricht das Bezirksgericht Darnizkij in Kyjiw der Mutter das alleinige Sorgerecht zu. Der Vater darf Olga besuchen – an den Wochenenden und in den Ferien. So steht es im Gerichtsurteil und in anderen Dokumenten, die Annas Geschichte belegen.
Flucht ohne Entkommen
Inzwischen herrscht in der Ukraine Krieg. Und mit ihm verschieben sich die Maßstäbe. Was eben noch ein Konflikt zweier Elternteile war, wird zur Frage von Sicherheit und Überleben. Während die Front näher rückt und Sirenen immer wieder den Alltag übertönen, trifft Anna die Entscheidung, zu fliehen. Mit der Zustimmung des Vaters verlässt sie zusammen mit Olga im November 2022 die Ukraine und flüchtet nach Österreich, in die Nähe von Graz.
Anna glaubt, dass sie in Österreich Schutz finden wird. Einen Job als Softwareentwicklerin, einen Schulplatz für Olga, eine eigene Wohnung. Heute schüttelt sie fassungslos den Kopf, wenn sie zurückblickt und sich fragt, wie es so weit kommen konnte. Dann stockt die zierliche und sonst so gefasste Frau. Tränen laufen ihr übers Gesicht. „Hätte ich die Möglichkeit gehabt, ihm den Kontakt mit meiner Tochter zu verbieten, wäre sie jetzt noch bei mir.“
Am 10. Juli 2025 steht Viktor vor Annas Wohnung in der Steiermark. Ursprünglich wollte er mit Olga für ein paar Tage ans Meer in die Türkei. So zumindest erzählt er es Anna und nimmt Olga mit. Anna spürt, dass etwas nicht stimmt. Wenig später ist Olga verschwunden. Unter welchen Umständen ihm die Ausreise aus der Ukraine und die Einreise nach Österreich gelingt, bleibt unklar. profil hat den Mann kontaktiert, er wollte keine der Fragen beantworten. Stattdessen übermittelte er ein Video des zerstörten Wohnhauses und erklärte, eine Ausreise aus der Ukraine sei für ihn nicht möglich.
Annas elfjährige Tochter Olga wurde im Juli 2025 von ihrem Vater in der Steiermark entführt und nach Kyjiw gebracht: „Ich habe Angst. Dass sie mich vergisst. Dass er sie dazu bringt, mich zu hassen. Dass ich sie nie wieder sehe.“
Anna kämpft derweil mit allen Mitteln darum, ihre Tochter nach Österreich zurückzuholen. Sie erstattet Anzeige gegen Viktor in der Ukraine und in Österreich. Sie wendet sich ans Justizministerium, an die Polizei und ans Jugendamt. Viermal stellt sie einen Antrag nach dem Haager Kindesentführungsübereinkommen, kurz HKÜ. Viermal wird der Antrag vom ukrainischen Justizministerium abgelehnt. Gleichzeitig versucht Viktor, sie unter einem Berg von Verfahren und Formularen zu begraben. Er erwirkt, dass Anna, sollte sie wieder in die Ukraine kommen, kein Auto mehr lenken darf. Weil Olga unentschuldigt in der Schule fehlt, erhält sie eine Strafe der Bezirkshauptmannschaft Graz-Umgebung über 120 Euro. Viktor setzt alles daran, dass Anna sich im bürokratischen Dickicht verheddert.
Der Fall Kollnig
Als alle Behördenwege in Sackgassen enden, macht sich Anna schließlich selbst auf die Suche nach Olga. Gemeinsam mit dem Grazer Flüchtlingshelfer Daniel Kollnig reist sie am 6. Jänner 2026 in die Ukraine. Sie finden Olga. Doch als sie das Mädchen mitnehmen wollen, greift die ukrainische Polizei ein. Viktor hat Anzeige erstattet, die Beamten nehmen Kollnig wegen mutmaßlicher Kindesentführung fest. Anna wird freigelassen und kann ausreisen. Ihre Tochter sieht sie an diesem Tag zum bisher letzten Mal.
Kollnig wird der Reisepass abgenommen, er sitzt seitdem in der Region Lwiw fest. Ihm drohen bis zu fünf Jahre Haft. profil berichtete über den Fall. Die ehemalige Grazer Vizebürgermeisterin Lisa Rücker (Grüne) kündigte am Montag eine Initiative zur Unterstützung Kollnigs an. Das österreichische Außenministerium verweigert auf erneute Nachfrage jede Auskunft. Zurück bleibt Anna. Sie ist wieder in Österreich, getrennt von ihrer Tochter und ohne jede Möglichkeit, sie zu erreichen. Viktor hat alle Kommunikationswege gekappt, sie auf allen Chat-Apps blockiert. „Ich habe Angst. Dass sie mich vergisst. Dass er sie dazu bringt, mich zu hassen. Dass ich sie nie wieder sehe.“
Um jeden Preis nicht an die Front
Annas Geschichte ist kein Einzelfall. Entführungen ukrainischer Kinder aus Österreich folgen seit Kriegsbeginn einem wiederkehrenden Muster. Männer setzen ihre Kinder ein, um einer Einberufung in die Armee zu entgehen. Auch Anna geht davon aus, dass Viktor dieses Ziel verfolgt haben könnte – und ihre Tochter als Schutzschild nutzt.
Der ukrainischen Armee fehlen zunehmend freiwillige Rekruten, die Mobilisierungsbehörden suchen deshalb mit wachsendem Druck nach Ersatz. Das Vorgehen sorgt regelmäßig für Kritik. In sozialen Netzwerken kursieren Videos, die zeigen, wie Männer auf offener Straße in Busse gedrängt und in Rekrutierungszentren gebracht werden. Auch ein Insider, der mit profil spricht, beschreibt ein rigoroses Vorgehen der Militärpolizei: Wer allein unterwegs ist, gerate besonders schnell ins Visier von Kontrollen und werde mitunter direkt abgeführt. Immer wieder ist zudem von gefälschten Dokumenten die Rede, mit denen Männer ihre Wehruntauglichkeit zu belegen versuchen.
Laut dem ukrainischen Innenministerium sind Männer unter bestimmten Voraussetzungen von der Mobilisierung ausgenommen: wenn sie alleinerziehend sind; der andere Elternteil verstorben oder vermisst ist, seine Rechte verloren hat, für tot erklärt wurde, eine Freiheitsstrafe verbüßt; oder wenn der Vater das Kind aufgrund einer gerichtlichen Entscheidung allein betreut. Bei der ukrainischen NGO „Father Has the Right“, „Der Vater hat das Recht“, sollen Väter sich beraten lassen können, wie sie vorgehen müssen, um den Kontakt zwischen Mutter und Kind so lange wie möglich zu unterbrechen – bis am Ende nur noch sie selbst über Erziehung und im Zweifel auch über die alleinige Obsorge entscheiden.
So war es auch im Fall von Julianna. Die Vierjährige wurde im April 2025 von ihrem Vater entführt und nach Odessa gebracht. Sie lebte zu diesem Zeitpunkt mit ihrer Mutter Zoya in Villach. Zoya erstattete Anzeige, die Staatsanwaltschaft Klagenfurt leitete Ermittlungen ein. Im Raum stand der Vorwurf, der Vater habe mit der Entführung eine mögliche Mobilisierung in der Ukraine umgehen wollen. Das bestätigt die Staatsanwaltschaft Klagenfurt auf profil-Nachfrage. Doch weil auch Zoya, genauso wie Anna, keine Behörde helfen konnte, ihre Tochter zurückzuholen, machte sie sich selbst auf den Weg in die Ukraine. Über Italien reiste sie nach Moldau, von dort weiter nach Odessa. Mithilfe eines Kontakts bei der Polizei gelang es ihr schließlich, ihre Tochter über die Grenze zu bringen. „Er hat uns mit dem Auto verfolgt. Es war ganz dramatisch“, sagt Zoya. Sechs Monate war Julianna weg. Heute lebt sie wieder bei ihrer Mutter.
Ein vergleichbarer Fall spielte sich im September 2022 in Etsdorf am Kamp im Bezirk Krems ab. Auch die dreijährige Milana wurde von ihrem Vater gegen den Willen ihrer Mutter Tamara nach Kyjiw gebracht. Tamara und Milanas Vater waren damals bereits getrennt. Als der Krieg ausbrach, setzte er die gemeinsame Tochter in ein Auto und verließ mit ihr die Ukraine. Tamara hatte davon erst im Nachhinein erfahren. Sie selbst musste in der Zwischenzeit das Land verlassen und floh nach Potsdam in Deutschland.
Seit vier Jahren wird Milana von ihrem Vater in Kyjiw festgehalten, er hatte das Mädchen im September 2022 in Niederösterreich entführt und zurück in die Ukraine gebracht. Seit Jahren kämpft ihre Mutter Tamara um Milanas Rückkehr: „Ich habe mich entschieden, so lange wie möglich weiterzukämpfen, damit ich mir eines Tages sagen kann, dass ich alles getan habe, was ich konnte.“
Den entscheidenden Hinweis über den Verbleib ihrer Tochter erhielt Tamara per Zufall. Bekannte, die ebenfalls aus der Ukraine geflüchtet waren, hatten den Vater mit Milana in einem Hotel in Etsdorf am Kamp gesehen. Erst dadurch konnte Tamara den Aufenthaltsort ihrer Tochter eingrenzen. Sie reiste nach Österreich und wandte sich an das Bezirksgericht Krems. Dort erwirkte sie ein Ausreiseverbot für den Vater sowie die Verpflichtung, den Reisepass der Tochter zu hinterlegen. Doch dieser entzog sich der Verfügung, tauchte unter und brachte Milana in die Ukraine.
Seither kämpft Tamara zwischen Österreich und der Ukraine um die Rückholung ihrer Tochter. „Ich habe mich entschieden, so lange wie möglich weiterzukämpfen, damit ich mir eines Tages sagen kann, dass ich alles getan habe, was ich konnte.“
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(profil.at)
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Daniela Breščaković
ist seit April 2024 Innenpolitik-Redakteurin bei profil. War davor bei der „Kleinen Zeitung“.