Verdacht auf Kindesentführung: Österreicher in der Ukraine festgenommen
Eigentlich dachte Anna, dass sie in Österreich Schutz finden würde. Als der Krieg in der Ukraine vor gut vier Jahren ausbricht, flieht die 32-Jährige mit ihrer damals neunjährigen Tochter Olga in die Steiermark, beide heißen in Wirklichkeit anders. Im November 2022 finden Anna und Olga in der Nähe von Graz ein neues Zuhause, und werden dort zunächst in die Grundversorgung aufgenommen.
Anna ist engagiert, sie will mit Olga ein neues Leben in der Steiermark beginnen. Im Oktober 2023 fängt die ausgebildete Softwareentwicklerin einen Job in einer nahegelegenen IT-Firma an. Die Stellenausschreibung hat sie in einer Telegram-Gruppe entdeckt, in der sich Ukrainerinnen und Ukrainer untereinander austauschen – aber auch Menschen, die helfen wollen, Beiträge posten können. Einer von ihnen ist Daniel Kollnig. Er arbeitet in der Firma, doch seine Tätigkeit reicht weit über den Büroalltag hinaus: Seit Kriegsbeginn unterstützt Kollnig ehrenamtlich Vertriebene aus der Ukraine. Er vermittelt Wohnungen, Jobs, Perspektiven – so auch für Anna und Olga. „Ich dachte mir, warum sollte nicht jemand aus der Ukraine bei uns anfangen können“, sagt er. Dass ausgerechnet er am Ende als mutmaßlicher Verbrecher in einer verworrenen Geschichte dastehen wird, die anfangs als Sorgerechtsstreit beginnt, kann damals niemand ahnen.
Kindesentführung in die Ukraine
Im Juli 2025 erzählt die Alleinerzieherin Kollnig von ihrem Ex-Mann, Olgas Vater. Seit Jahren kommt es zwischen den beiden zu Streitereien. Zwar liegt die Scheidung knapp fünf Jahre zurück, trotzdem dauern die Konflikte bis heute an. Im Oktober 2022 hat das Bezirksgericht Darnizkij in Kiew das Sorgerecht schließlich der Mutter zugesprochen. So steht es in einem Gerichtsurteil, das profil vorliegt. Nach Ausbruch des Krieges darf Anna mit Olga die Ukraine mit Zustimmung des Vaters verlassen. Im Bescheid ist jedoch eine Ferienregelung festgelegt: Der Vater darf Olga jedes zweite Wochenende sehen und sie in den Semester- beziehungsweise Herbstferien sowie zwei Wochen im Sommer mit in den Urlaub nehmen. Das tut er auch. Annas Ex-Mann reist ungehindert mehrmals aus der Ukraine aus, um seine Tochter in Österreich zu besuchen. 2024 steht er auf einmal vor ihrer Wohnung in der Steiermark. Er fliegt daraufhin mit Olga auf die Malediven, nach Teneriffa, nach Barcelona. Im Juli 2025 ist ein weiterer Urlaub in der Türkei geplant. Anfangs fürchtet Anna, er könne ihr oder Olga etwas antun. Ihre Angst soll sich bestätigen: Im Juli 2025 verschwindet der Vater mit Olga und teilt der Mutter mit, dass sie ihre Tochter nicht mehr sehen kann.
Verzweifelt wendet sich Anna an Daniel Kollnig. Gemeinsam mit der Mutter und einer weiteren ehrenamtlichen Helferin setzen sie alles daran, Olga zu finden. Sie erstatten Anzeige wegen Kindesentführung in Österreich und in der Ukraine, bringen bei Gericht einen Antrag nach dem Haager Kindesentführungsübereinkommen ein, treten mit Interpol und dem Außenministerium in Kontakt. Doch nichts geschieht. Daraufhin beschließen Kollnig, Anna und die Flüchtlingshelferin, Olga im Jänner 2026 selbst in der Ukraine zu suchen. Mit einem Mietauto fahren sie in die Karpaten. Hinweise führen sie am 6. Jänner 2026 zu einem Hotel – dort finden sie Olga mit ihrem Vater. Kollnig setzt die Tochter ins Auto zu Anna. Doch wenige Kilometer später werden sie von Polizisten angehalten. Der Vater hat die Polizei alarmiert und eine Kindesentführung angezeigt. Obwohl Anna den Obsorgebescheid vorlegt und nachweisen kann, dass gegen den Vater sowohl in der Ukraine als auch in Österreich ein Verfahren läuft, wird Kollnig festgenommen. Die Ermittlungen gegen die beiden Frauen werden rasch eingestellt, er hingegen muss in Haft bleiben. profil erreicht den Vater per E-Mail. In seiner schriftlichen Stellungnahme erklärt er: „Die Vorwürfe (Anm. gegen Kollnig) sind vollständig und begründet. Es gibt auch zahlreiche Videoaufnahmen der Entführung selbst.“ Kollnig hat diese Aufnahmen bislang nicht zu Gesicht bekommen. Der Vater äußert sich jedoch nicht zu dem Umstand, dass gegen ihn selbst ein Verfahren wegen Kindesentführung anhängig ist.
„…habe das Kind nur wenige Sekunden getragen“
Für Kollnig, der nur helfen wollte, ist aus einem Akt der Solidarität ein Albtraum geworden. Versuche, ihn aus der Ukraine zurückzuholen, scheitern. Das Außenministerium erklärt: „Das Außenministerium sowie die österreichische Botschaft in Kiew und das Honorarkonsulat Lemberg stehen seit Bekanntwerden der Verhaftung mit dem Betroffenen in Kontakt und unterstützen ihn konsularisch.“
Die Flüchtlingshelferin (sie möchte anonym bleiben), die sich aus Österreich für Kollnigs Freilassung einsetzt, berichtet hingegen von nicht ausreichender Unterstützung: „Ich bin in regelmäßigem Kontakt mit dem Außenministerium, weiß aber nicht genau, wie viel da wirklich passiert. Ich habe manchmal den Eindruck, dass wir vor Ort ein realistischeres Bild der Lage haben als die zuständigen Stellen in den Ministerien.“ Zwar wird eine Prozessbeobachterin zum Verfahren geschickt, diese darf sich vor Ort jedoch nicht als solche zu erkennen geben, sagt sie.
Daniel Kollnig durfte mittlerweile gegen Kaution das Gefängnis verlassen, muss sich jedoch in der Stadt Truskawez aufhalten. In knapp zwei Wochen soll der Prozess stattfinden. Ihm drohen bis zu fünf Jahre Haft. „Das Schlimmste ist, dass die Behörden das Kind dem eigentlichen Entführer übergeben haben. Ich hingegen habe das Kind nur wenige Sekunden getragen, auf Wunsch und im Beisein der obsorgeberechtigten Mutter, trotzdem werde ich festgehalten und muss möglicherweise ins Gefängnis. Das empfinde ich als ausgesprochen ungerecht“, sagt Kollnig. Wo sich Olga zurzeit aufhält, ist nicht bekannt.