profil-Chefreporter Stefan Melichar am Wiener Hauptbahnhof auf dem Weg zu einer Gerichtsverhandlung
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Krebsmittel „Keytruda“: So läuft das Transparenz-Match vor Gericht

profil versucht, Licht in die Beschaffung jenes Medikaments zu bringen, für das Österreichs Spitäler am meisten Geld ausgeben. Ein Pharmakonzern will das verhindern. Von einem Rail-Road-Trip der besonderen Art.

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„Mamma mia“, seufzt die Frau, die gerade zugestiegen ist. Sie gähnt herzhaft, ohne auch nur das geringste Bemühen zu zeigen, die Hand vorzuhalten, verstaut ihre Sachen und macht es sich zwei Sitze weiter gemütlich – so bequem, wie es in aller Herrgottsfrüh in einem Doppelstockzug halt möglich ist. Der Autor dieses Artikels hat zu diesem Zeitpunkt schon eine Stunde Fahrt und eine sehr, sehr lange Woche hinter sich. Aber kurz die Augen schließen ist in diesem Moment leider keine Option.

Um 9 Uhr muss er vor Gericht erscheinen. Es gilt, um Informationen zu kämpfen, die bis dato mit aller Vehemenz geheimgehalten werden. Daten, die Aufschluss darüber geben können, auf welcher Basis im österreichischen Gesundheitssystem Hunderte Millionen Euro an Geldern ausgegeben werden.

Die Uhr bis zum Verhandlungsbeginn tickt. Jetzt heißt es, einigermaßen konzentriert die am Vorabend skizzierte Stellungnahme durchgehen: Wo könnten Lücken sein? Wo werden die Gegner einhaken? Welche zusätzlichen Argumente sollte man parat haben? Dann noch schnell die mehrfach ausgedruckten Papierkonvolute sichten, die als neue Beweise vorgelegt werden sollen: händisch mit dem Kugelschreiber Seitenzahlen ergänzen und mit orangem Filzstift entscheidende Passagen markieren – ein Balanceakt, der an jeder Weiche zwischen Wien und dem weiter westlich liegenden Zielbahnhof zu scheitern droht. Ist sonst alles dabei? Laptop? Notizblock? Krawatte? Jedenfalls fix im Gepäck nach einer Woche auf der Schiene: bleierne Müdigkeit. Aber Transparenz gibt es in Österreich manchmal eben nur auf die harte Tour – beziehungsweise auf die ganz lange.

Abstrakte Illustration zu Stefan Melichars Krebsreportage
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Projekt: „Cancer Calculus“

1.917 Kilometer (wohlgemerkt: Luftlinie) hat profil in den vergangenen Tagen überbrückt, von Graz bis Bregenz fünf verschiedene Landesverwaltungsgerichte (LVwG) kennengelernt, die – durchaus unterschiedliche – Verfahrensführung von vier Richtern und einer Richterin erlebt und insgesamt rund neun Stunden lang verhandelt. 534 – oft höchst intensive – Minuten, um genau zu sein. Und das ist eigentlich erst der Anfang.

profil ist Teil eines internationalen Investigativprojekts namens „The Cancer Calculus“. Es geht darum, die Schattenseiten im Milliarden-Business mit dem wirtschaftlich wichtigsten Medikament der Welt auszuleuchten – dem Krebsmittel „Keytruda“ des Pharmakonzerns Merck. Die Recherche wird vom „International Consortium of Investigative Journalists“ (ICIJ) mit Sitz in Washington geleitet. Beteiligt sind insgesamt 48 Medien aus 37 Ländern – in Österreich recherchiert profil gemeinsam mit der Zeitung „Der Standard“. Und tatsächlich gibt es auch hierzulande einiges, was rund um „Keytruda“ im Verborgenen liegt.

Stefan Melichar

Stefan Melichar

ist Chefreporter bei profil. Der Investigativ- und Wirtschaftsjournalist ist Mitglied beim International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ). 2022 wurde er mit dem Prälat-Leopold-Ungar-Journalist*innenpreis ausgezeichnet.