Das aufregende neue Album der Pop-Konzeptkünstlerin Charli XCX
Drei in erhabener Eleganz verwitterte Herren in einer kargen Küche, die ungerührt in Richtung Kamera stieren. Keine Pointe. Oder doch? Immerhin hätte Charli xcx mit dem Tableau-vivant-esken Schwarzweiß-Cover ihres neuen Tonträgers kaum augenscheinlicher mit dem ikonisch giftgrünen Artwork ihres Dance-Pop-Meisterwerks „Brat“ brechen können, das der Britin 2024 endgültig globalen Superstarstatus einbrachte. Die aktuelle Songsammlung trägt nun den programmatischen Titel „Music, Fashion, Film“ – die Konterfeis gehören einem Titanen-Trio jener Kreativbereiche: John Cale, Marc Jacobs und Martin Scorsese.
Wer in diesem Sujet-Stunt eine reine Profilschärfungsmaßnahme vermutet, verkennt indes die Hingabe, mit der Charlotte Aitchison ihren Schaffensbereich beständig erweitert. Bereits letzten Winter entwickelte sie – unter anderem mit Cale – düsterpoppige Texturen für den Soundtrack zu dem Film „Sturmhöhe“, und sie schickte in der Meta-Mockumentary „The Moment“ ein überzeichnetes Alter Ego in eine vom Ruhm und seinen Regeln getriggerte Sinnkrise. Zuletzt wirkte die auch auf der Cinephilen-Plattform Letterboxd hochumtriebige Kinoliebhaberin in einem halben Dutzend Filmen mit, kokettierte gar mit einem kompletten Berufswechsel.
Der Laufsteg als Habitat: Die britische Sängerin Charli xcx posiert für ihr neues Album
Dass diese Ankündigung vor allem der Irreführung diente, beweist ihr erstaunlich zügig umgesetztes siebtes Album, in dessen Vorlauf Charli öffentlichkeitswirksam ihr Talent fürs Trollen unter Beweis stellte: Die Vorabsingle „Rock Music“ erklärte den Dancefloor umstandslos für tot – eine kühne Polemik aus dem Mund des 365-Party-Girls, das sich wie wenige auf die Verzahnung von Hook und Druck versteht. Auf dem eingängigen Follow-up-Song „Wink Wink“ stellte die 33-Jährige das beliebte Popstar-Versprechen von der grundlegenden Wandlung augenzwinkernd als Pose bloß.
Dem Kult der Authentizität entzieht sich Charli also weiterhin beharrlich, erprobt dafür umso lieber Identitäten, Positionen und Sounds – und verschiebt, sich über das selbst entfachte Theater noch scheckig lachend, die Parameter wieder neu. In „Card Declined“ scheitert der Versuch, eine neue Persönlichkeit durch Shopping zu erschaffen, schlicht am Kartenlimit; in „SS26“ sinniert sie auf einem direkt in die Hölle führenden Laufsteg darüber, dass uns auch drei Metiers aus dem Albumtitel nicht retten werden.
Dem knalligen Auf-die-12-Überwältigungsklang von „Brat“ setzt sie auf „Music, Fashion, Film“ – wieder gemeinsam mit ihren Kollaborateuren A. G. Cook und Finn Keane – ein Mehr an Gitarren ebenso entgegen wie eine Lust am Unpolierten, leger Skizzenhaften. Das Gros der elf Songs bricht ab, kaum dass es Fahrt aufgenommen hat – eine herrlich hingerotzt wirkende, der unmittelbaren Ekstase verpflichtete Riff-Schönheit wie „Yeah“ macht genau dies erst aufregend.
Doch selbst das Prinzip der Knackigkeit stellt die Künstlerin am Ende auf die Probe: Im fast sechsminütigen „No One Lasts Forever“ kippt die Stimmung unerwartet – eine Kulturikone beginnt, über die letzten Dinge zu sinnieren. Zu hören ist übrigens keiner der drei Cover-Granden: Das einzige Vokal-Feature dieses Werks kommt von Body-Horror-Maestro David Cronenberg. Es ist der finale Coup eines Pop-Konzeptkunstwerks, das Charli xcx einmal mehr als Queen der produktiven Verwirrung ausweist. Girl, so confusing? Yes, please!