Das legendäre Trio The Rolling Stones schreitet eine Straße entlang: Ron Wood, Mick Jagger und Keith Richards (v. li.)
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Zunge ohne Zaum: Das neue Album der Rolling Stones

Die Rolling Stones klingen auf ihrem 25. Studioalbum, das sie „Foreign Tongues“ nennen, noch immer nicht wie eine Band, die sich auf ihrem überlebensgroßen Vermächtnis ausruhen will.

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Selbst der ausdauerndste Running Gag erreicht früher oder später den Punkt, an dem ihm die Puste ausgeht. So könnte es nun einem der hartnäckigsten seiner Gattung ergangen sein: dem Gerücht um die wirklich allerletzte Tour der Rolling Stones. Wenn man für bare Münze nimmt, was Keith Richards jüngst dem Magazin „Uncut“ anvertraute, dürften weltweite Konzertreisen der Rock-'n'-Roll-Urgesteine tatsächlich der Vergangenheit angehören. Ein Hintertürchen ließ der Ü80-Gitarrenvirtuose aber offen: Eine Gig-Residency ließe man sich durchaus noch einreden.

So bedauerlich das Zurückschrauben der bis zuletzt feurigen Bühnenaktivitäten der Stones auch sein mag – im Studio sind sie aktuell so umtriebig wie lange nicht mehr. Mit „Foreign Tongues“ legen sie nun gar ein neues Werk vor – schon wieder, möchte man meinen. Immerhin ist es erst drei Jahre her, dass „Hackney Diamonds“, das erste Album mit eigenen Songs seit fast zwei Dekaden, erschienen ist. Bei einer Band, deren Diskografie in diesem Jahrtausend gerade zwei weitere LP-Einträge aufweist, darf man dies getrost unter Hyperaktivität einordnen.

Collage aus den Gesichtern der Rolling Stones: Das Cover der neuen Platte der Band
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 „Foreign Tongues“ erweckt, trotz der etwas glatten Produktion Andrew Watts, zu keinem Zeitpunkt den Eindruck eines Nachklapps zur Wiederkehr 2023. Das 25. Studioalbum in der 64 (!) Jahre währenden Karriere erweist sich eher als dessen ruppigerer Bruder: Die Gitarren von Richards und Wood klingen bei aller fingerfertigen Ineinanderschlängelei markig, es geht prononcierter zurück zum Ursprung, zum Blues. Eine Version von Chuck Berrys „Beautiful Delilah“ schafft den Full-Circle-Moment: „Come On“, Stones-Single Nummer eins, war schon 1963 ein Tribut an den Klampfkunst-Säulenheiligen.

Rückgriffe auf früheste Schaffensphasen erlaubt sich Mick Jagger in seiner Textarbeit: Er balzt hier nicht mehr nur herum wie in seinen Zwanzigern, sondern hat auch sein Gespür für in trotzige Ironie gewickelte Protestnoten reaktiviert. Mit Blick auf gesellschaftspolitische Dynamiken riskiert er mit seinem von Zeit und Biologie weiterhin erstaunlich unberührten Trademark-Organ eine – nun ja – dicke Lippe. Im ansonsten geschmeidigen „Covered in You“ vergleicht er Autokraten mit Ratten, in „Mr. Charm“ spendiert er dem „verrückten Mogul Mr. Musk“ einen wenig schmeichelhaften Auftritt.

Während andere Altspunde kaum mehr wagen, als ihr Vermächtnis zu verwalten und es sich in milder Melancholie einzurichten, klingt das Älterwerden bei den Stones immer noch wie ein Abenteuer mit aufreizend offenem Ausgang. „This never gets old!“, raunt uns Jagger auf der Zielgerade dieses vor Energie, Spielfreude und Lebenslust erneut sprühenden Hörerlebnisses entgegen. Nach dem nun bereits zweiten unerwartet vital klingenden Spätwerk fällt die Widerrede schwer.