Könnte es sein, fragt der britische Popkritiker Simon Reynolds in seinem 2011 publizierten Buch „Retromania“ rhetorisch, dass die größte Gefahr für die Zukunft der Musik ihre Vergangenheit darstelle? Die Popkultur sei süchtig nach ihrer eigenen Geschichte, proklamiert Reynolds – und führt in zahllosen Beispielen ihre Musealisierung und die historischen Loops durch Sampling, Nostalgie und Vintage-Kult vor. Mit dem 21. Jahrhundert sei Pop in seiner „Re“-Epoche angekommen, bei Remakes und remodelling, bei Revival und Retrospektive – in der sehnsüchtigen Rückschau in ein nicht näher definiertes Damals. Wie in der Mode, die in Wellenbewegungen die Stile vergangener Dekaden immer wieder zitiert, wird auch in der Popmusik nach der Postmoderne nichts mehr wirklich „erfunden“, sondern vor allem Altes technisch hochgerüstet, neu verdrahtet und zusammengeschraubt – und als letzter Schrei verkauft.
Zukunft war gestern
Das Fortschrittsversprechen, das die Popkultur seit je in sich trägt, ist so nicht zu halten. Die Zukunftsmusik von einst (Kraftwerk, Tangerine Dream, Gary Numan, Cabaret Voltaire) hat sich in eine retrofuturistische Galerie verwandelt. Das seit Jahrzehnten praktizierte, fast zwanghafte Recycling alter Popmodelle in der Unterhaltungsmusik der jeweiligen Gegenwart stellt eine bange Frage, die Reynolds so formuliert: Was wird mit der Popmusik passieren, wenn ihr die Vergangenheit ausgeht?
So lange diese Frage nicht zu beantworten ist, werden wir uns mit all den Wiedergängerinnen und Stilimitatoren, mit jenen, die Tribut zollen, Respekt erweisen und Hommagen orchestrieren, begnügen müssen. Was einmal gut war, darf, soll, muss ewig währen. Der Blick zurück kann so viel Schönes bieten. Die Zeitmaschine schnurrt, weil man jede Pauschalreise in die Retropolen der Popkultur so aussehen lassen kann, als absolvierte man sie zum ersten Mal. Abmarsch ins Gestern! Vorwärts in die Vergangenheit!
Die gute alte, der Welt dreist entgegengestreckte Zunge, die den Rolling Stones seit Jahrzehnten als Ikone des Widerstands gegen den feinsinnigen Geschmack des Bürgertums dient, gibt dem demnächst erscheinenden 25. Studioalbum der Band den Titel: In fremden Zungen spricht „Foreign Tongues“ zwar keineswegs (siehe dazu auch die Kritik links außen), vielmehr in den gewohnten Jargons von Blues und Rock ’n’ Roll.
Das hohe Alter steht dem prolongierten Steinschlag nicht im Weg: Mick Jagger steht kurz vor seinem 83. Geburtstag, Gitarrist Keith Richards ist nur ein paar Monate jünger, sein Kollege Ronnie Wood als Band-Benjamin gerade erst 79 geworden. Der ebenfalls noch sehr aktive Bassist Bill Wyman, der zwischen 1962 und 1993 bei den Stones wirkte, wird im Oktober 90 Jahre alt.
In der Analyse des Spätwerks betagter Popschaffender fällt eines auf: Die Weigerung, auf die alten Tage noch in irgendwelche Reifephasen einzutreten, ist demonstrativ; die strikte Beibehaltung der Sounds und Ausdrucksweisen, mit denen man sich vor Jahrzehnten den eigenen Legendenstatus erarbeitet hat, ist oberste Devise. In der Popschule müssen alle Entwicklungen unabgeschlossen bleiben – fürs Leben lernen wir sicher nicht! Jede Reifung könnte ja als Alterseingeständnis missverstanden werden.
Die nötige Nobilitierung verläuft stattdessen über die Anerkennung durch die Nachgeborenen: So wie Sabrina Carpenter im Rahmen ihres Konzerts beim Coachella-Festival im vergangenen April unerwartet ihren Leitstern Madonna auf die Bühne holte, huldigte vor vier Wochen auch Olivia Rodrigo, 23, einem alten Idol: In Barcelona bat sie den 67-jährigen Briten Robert Smith, dessen Band The Cure von den späten 1970er-Jahren an eine ganz eigene und definitiv nachhaltige Spielart des Gothic-Pop entwickelt hat, als Überraschungsgast zu sich ans Mikrofon.
Verwertung ohne Ende
Wer die Stones nicht zu schätzen weiß, sagt die Legende, bevorzugt wohl deren Konkurrenz aus den Sixties, die Beatles. Zwar erwiesen sich diese mit lediglich acht Jahren Band-Laufzeit als vergleichsweise kurzlebig, vielleicht genießen sie aber auch deshalb einen noch mythischeren Status. Die gewinnträchtige Verwertung der klingenden Hinterlassenschaften der Liverpooler kennt kein Ende, in Spiel- und Dokumentarfilmen, in Serien, Wiederauflagen und Studiofundstück-Veröffentlichungen wird die unkaputtbare Aura der Beatles feilgeboten.
Die beiden überlebenden Ex-Pilzköpfe, Paul McCartney und Ringo Starr, sind – ebenfalls alles andere als untätig – gerade mit neuen Alben an den tausendsten Neustart gegangen: Für „The Boys of Dungeon Lane“ wurde McCartney, 84, von der angloamerikanischen Kritik mit großteils hymnischen Reaktionen bedacht. Die Chemie der Beatles ist nicht mehr herzustellen, aber wenn einer heute noch zumindest in die Nähe der schwächeren Kompositionen der Fab Four kommen kann, dann der alte Meister McCartney.
Die „Long, Long Road“, nach der der einstige Beatles-Drummer Starr, 86, seine jüngste Veröffentlichung benannt hat, ist sprichwörtlich zu nehmen. Die Straße, auf der dieser seit 64 Jahren mit lakonischem Witz und sympathischem Understatement unterwegs ist, kennt keine Abzweigungen. Den Zahn der Zeit spürt aber eben auch Ringo Starr, Song-Titel wie „Returning Without Tears“ oder „It’s Been Too Long“ belegen dies.
Das Ende? Muss keineswegs nah sein. Mehr als sieben Jahre älter als Starr ist etwa jener US-Musiker, der vom Wirken der Zeit und vom Festhalten an den Sehnsüchten von damals noch immer seine Lieder zu singen weiß: Die 93-jährige Country-Legende Willie Nelson, dessen erste Langspielplatte 1962, zwei Jahre vor dem Debüt der Rolling Stones erschien, wird den Sommer 2026 damit verbringen, mit Band durch die USA zu touren. Sein jüngstes Album trägt den Titel „Dream Chaser“: Der Traum, dem Nelson seit sieben Jahrzehnten hinterherjagt, hat an Strahlkraft nicht verloren, weder für ihn noch für seine Fans.