Der Neuropsychiater Johann Friedrich Spittler blickt auf den Bildschirm eines Laptops
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Tabu und Dilemma: Wie Sterbehilfe im Detail funktioniert – neu im Kino

Vom Kampf um die Freiheit, sich das Leben zu nehmen: Ein neuer Dokumentarfilm zeichnet die skrupulöse Arbeit eines Neuropsychiaters nach, der assistierten Suizid ermöglicht. Für seine Überzeugungen muss er nun büßen.

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Der Ernst, mit dem er als Hobby-Cellist daheim Bach-Kompositionen zu intonieren versucht, ist ihm auch beruflich eigen: Seit 25 Jahren besucht der deutsche Neuropsychiater Johann Friedrich Spittler, 84, auf Anfrage Sterbewillige, um in langwierigen Abläufen und akribischen Befragungen deren Lebenssituationen und Motive zu evaluieren, die absolute Freiwilligkeit ihres Unterfangens sicherzustellen. Spittler fungiert als Neurologe und psychiatrischer Gutachter in einem, er kann grünes Licht für einen assistierten Freitod geben und auch das nötige Natrium-Pentobarbital besorgen, das am Ende, in seiner Gegenwart, als Infusion von den Verzweifelten selbst verabreicht werden muss. Über 700 Fälle hat Spittler bearbeitet, Menschen mit chronischen Schmerzen, tiefen Depressionen und aussichtslosen Diagnosen kennengelernt; fast allen hat er vom Sterben abgeraten, aber einigen dann doch den Suizid ermöglicht.

„Grünes Licht“, so heißt auch ein neuer Dokumentarfilm, der in aller Stille und Genauigkeit Spittlers Tun nachzeichnet und sich auf das Glatteis eines tabuisierten Themas begibt: Der moldauisch-österreichische Regisseur Pavel Cuzuioc („Cosmosapiens“, 2023) hat den Psychiater auf seinen privaten und beruflichen Wegen über zwei Jahre begleitet, dabei dessen Methoden studiert. Es dauere meist lange, ehe Spittler seine Entscheidung treffe, sagt Cuzuioc im profil-Interview: Er müsse erst die Anamnese, die Lebensgeschichte und alle Unterlagen analysieren. Zudem habe Spittler einen Fragebogen, den er individuell anpasse. „Manchmal spürt er, dass ein Mensch am eigenen Todeswunsch auch zweifelt. Dann sagt er beispielsweise: ‚Ich würde gerne in einem halben Jahr wiederkommen.‘ Und manchmal empfiehlt er andere Ärzte oder Gutachter, weil er einen Fall nicht übernehmen kann oder will.“

Bange Fragen

Im Film sieht man Spittler in den Wohnzimmern seiner Klientel sitzen, in gemessenem Tempo bange Fragen stellend, stets den Laptop vor sich, in den er alle verfügbaren Informationen tippt. Die detaillierten Gutachten, die er erstellt, entscheiden nicht nur über das Schicksal seiner Patientinnen und Patienten, sondern auch über sein eigenes Wohlergehen. Denn Spittler setzt sich mit seiner Arbeit den Argusaugen der Staatsanwälte aus, die jede Suizidhilfe auf Legitimität und Legalität durchleuchten. Ärztliche Verfahrensfehler können teuer zu stehen kommen.

Stefan Grissemann

Stefan Grissemann

leitet seit 2002 das Kulturressort des profil. Freut sich über befremdliche Kunst, anstrengende Musik und waghalsige Filme.