Eine Meisterfotografin erkundet die Absonderlichkeiten des Wiener Alltags
Barbara Pflaum musste man sich als Fotogräfin vorstellen. Die Wiener Fotoreporterin wurde von Zeitgenossen „First Lady der Pressefotografie“ und „Anti-Paparazzi“ genannt. Im Knize-Kostüm, in der Armbeuge eine Damenhandtasche à la mode für die zweiäugige Rolleiflex mit 75-mm-Objektiv, schuf Pflaum (1912–2002) eine fast lückenlose Chronologie von Politik, Kunst und Gesellschaft der Zweiten Republik, von der Mitte der 1950- bis in die 1970er-Jahre. In ihrem schwarzen VW-Cabrio war sie eine buchstäblich rasende Berichterstatterin zwischen dem Döblinger Pressehaus, in dem ihr Arbeitgeber, die Wochenzeitung „Wochenpresse“, untergebracht war, und ihrer Wohnung nahe der Wiener Oper mit Dunkelkammer und Archiv. „Bei wichtigen Fototerminen hat man schnell einen Rempler von hinten bekommen“, erinnert sich die 1944 geborene Fotografin Gabriela Branden-stein. „Bei Barbara Pflaum hätte das allerdings keiner gewagt.“ Franz Hubmann, Erich Lessing und Harry Weber, Pflaums nachmalig berühmte Kollegen, überließen ihr gerne den Vortritt.
Adelung fotografischer Arbeit
Pflaums umfangreiches Werk wurde vor 20 Jahren erstmals in einer umfassenden Retrospektive im damaligen Historischen Museum der Stadt Wien (heute Wien Museum) einer staunenden Öffentlichkeit nähergebracht: die erste Auswahl aus dem Nachlass, der 15.000 Prints und 150.000 Negative umfasst. „Es hieß nicht ‚die Pflaum‘ oder ‚die Barbara‘“, erinnerte sich damals der einstige ORF-Generalintendant Gerd Bacher: „Die Marke war: Barbara Pflaum.“ Schon früh stand, als seinerzeit seltene Adelung fotografischer Arbeit, unter ihren Fotos die Namenszeile „Wochenpresse-Photo: Barbara Pflaum“ – unter Fotos von Schauspieler Oskar Werner, den Künstlern Henry Moore, Bruno Gironcoli, Alfred Hrdlicka, Fritz Wotruba, Oskar Kokoschka, dem Verhaltensforscher Konrad Lorenz, der Opernsängerin Maria Callas, den Autorinnen Hilde Spiel und Ingeborg Bachmann. Dazu kamen US-Präsident John F. Kennedy und Ehefrau Jackie, Austro-Bundeskanzler Bruno Kreisky, Astronaut Juri Gagarin, Schriftsteller Thomas Bernhard, die Musiker Leonard Bernstein und Udo Jürgens, um nur einige zu nennen.
Einer weniger bekannten Seite des Schaffens der Bildpublizistin wird sich das Wiener Museum für angewandte Kunst (MAK) in der Ausstellung „Barbara Pflaum: Schaufenster des Alltags“ ab Mittwoch dieser Woche zuwenden, kuratiert von der polnischen Kunst- und Fotohistorikerin Karolina Ziębińska. Die rund 100 Fotos umfassende Schau bietet die Möglichkeit, Pflaum als ebenso gewitzte wie neugierige Erkunderin der Absonderlichkeiten des Wiener Alltags zu entdecken, als Dokumentaristin von Hühnerschlachtteilen und Hinterhöfen, als Porträtistin älterer Damen auf Parkbänken und Studierender auf Demonstrationen – nach Pflaum-ABC fotografiert: kein ins Schnörkelige abdriftender Stil; der entscheidende Moment; die fixierte Fließbewegung; der zwingende Ausschnitt; die gewieft verkanteten Bildhorizonte, die ausgefallene Fotoarchitektur; das Erzählen von Geschichten über die Welt im zweidimensionalen Abbild.