Anna Viebrock schlendert entspannt durch die gigantische Szenerie, die sich auf Ebene null des Museums moderner Kunst eröffnet, durch einen Raum, den sie mit neuen Wänden, Blickrichtungen und Gängen ausgestattet hat – und etwa auch mit einer Reihe grauer Kirchenbänke und dem Licht antiquarischer Lampen. Die Requisiten, die sie verwendet, findet sie bis heute oft bei Trödlern. „Nicht nur dort, sondern überall begegnen mir Objekte, Ansichten, Architekturen und vieles andere, oft eben Dinge, mit denen man nicht gerechnet hat“, sagt sie. Ein englischer Begriff drängt sich ihr auf: Es gebe das schöne Wort serendipity, das den glücklichen Zufall, die unerwartete Fügung meint: Daran müsse man einfach glauben.
Die gebürtige Kölnerin, heute 74, hat ihr Mumok-Bühnenbild, das sich erst noch mit rund 200 Werken aus der Sammlung des Hauses füllen muss, labyrinthisch angelegt. „Man soll eigentlich den Grundraum der Ebene null nicht mehr erkennen“, sagt Viebrock im profil-Gespräch. „Das war mein Ehrgeiz. Dass man einander unerwartet begegnet, man sich auf die Reise machen muss. Man muss sich auch entscheiden, welchen Weg man nehmen mag.“
Was sie da baue, sei eine Bühne für die Kunst, heißt es nun überall, aber eigentlich, meint die Künstlerin selbst, sei es eine für die Menschen. Es seien Räume, die man erfahren, selbst durchschreiten müsse. „Man ist dann, ich komme ja vom Theater, gleich Darsteller oder Darstellerin. Und ich finde es wichtig, dass man sich aufhalten, Pausen einlegen kann, indem man sich in die Kirchenbänke setzt, auf die Wartebank, auf die Stühle, überhaupt auf alle Sitzgelegenheiten.“
Man schaut nur vor sich hin
Auf die Frage, ob es eher die Regisseurin oder die Bühnenbildnerin Anna Viebrock sei, die dieses Areal gestalte, antwortet sie erst mit „beide“, dann denkt sie noch einmal nach und meint, am ehesten sei ein solcher Raum wohl doch eine Inszenierung. „Mir gefällt der Gedanke, dass man in der Kirche sitzt, und dann schaut man nur vor sich hin, denn es gibt keinen Altar, da ist nur eine Tür.“ Aber um die Ecke hänge dann, immerhin, ein Arnulf-Rainer-Kreuz.
Manches sieht schon jetzt, für Viebrocks Ästhetik typisch, stark patiniert, abgegriffen aus. Es sollte aber auch nicht zu patiniert sein, meint die Bühnenbildnerin, das „fände ich irgendwie albern“. Ein bisschen abenteuerlich sei das alles für sie. Aber Viebrocks Karriere war eine ständige Erweiterung, vom Bühnenbild zur Regie, weiter zur bildenden Kunst und zur Professur. Museumsräume gestalten zu können, das sei „ein schönes Geschenk“. Allein heuer werde sie drei solche Projekte umsetzen: Eines davon wird sie im Dezember auch ins Wiener Museum für angewandte Kunst führen, wo sie eine Ausstellung zur Wiener Wohnkultur der Zwischenkriegszeit künstlerisch konzipieren wird. „Das ist wie ein Theater-Sabbatical-Jahr für mich. Im Herbst werde ich aber wieder Theater machen.“
Ihre aufwendige Mumok-Inszenierung schließe an ihre Bühnenarbeiten an: „Auch am Theater habe ich immer versucht, Räume zu schaffen, die für die Darstellenden gut sind und nicht nur vom Publikum aus toll aussehen. Das entstand in der Zusammenarbeit mit Marthaler, der gerne geschlossene Räume hat, die auch akustisch stimmen und in denen einen die Atmosphäre vollkommen einnimmt.“ Im Museum sollte man auch verweilen können, meint sie noch: Viele seien zu schnell wieder weg, „einmal durch, nur schnell checken“, das habe auch damit zu tun, „dass man sich gar nicht so gerne an diesen Orten aufhält“.
Den Begriff Ausstattung mag sie nicht, das klinge „ein bisschen nach Herrenausstatter: Was hätten Sie denn gern? Und passt es schön?“ Für sie ist das ein Begriff des „Repräsentationstheaters“, etwas, das sie nicht leiden könne. „Mit meinen Entwürfen verstehe ich mich eher als Co-Autorin, auch weil ich zusammen mit Marthaler hauptsächlich und immer mehr eigene Musiktheaterproduktionen erfinde.“ Das nächste gemeinsame Stück in Basel werde „Himmelwärts“ heißen. Die Richtung stimmt.