Bis Ende September wird die Ebene null mit Viebrocks Indoor-Architektur bei freiem Eintritt zu besichtigen sein, was wohl auch den leicht rückläufigen Besucherzahlen des Mumok geschuldet sein dürfte: Im Vorjahr stagnierten die Zahlen mit knapp 205.000 Besucherinnen und Besuchern auf dem Niveau von 2022.
Man kann Hellberg, zierliche Gestalt und schwarze Metallbrille, glauben, dass sie der Wunsch nach neuen Formaten und überraschenden Museumsrundgängen antreibt. Ausstellungen, die allein der Glorie der Historie zugewandt sind, dürften im Mumok erst einmal Vergangenheit sein.
„Als ich angefangen habe, mir zu überlegen, wie ich mit diesen 12.500 Werken der Mumok-Sammlung arbeiten könnte, sah ich, dass es sehr viele rote Fäden gibt“, sagt Hellberg in ihrem spartanisch möblierten Büro.
Backstage, Frontstage
Ein Terminal sei eine Form von Schwelle, ein Ort, von dem aus man weiterreist. „Terminal Piece“ sei für Kate Millett so eine Arbeit gewesen, „ein Ausgangspunkt. Und diese Schwelle interessiert mich: diese Innen-Außen-, Backstage-Frontstage-Wechsel, auch darum geht es in dieser Ausstellung.“ Die große Installation einer feministischen Künstlerin zeige man nun aus gutem Grund „in einer Zeit, in der die Rechte, die für Kate Millett grundsätzlich waren, wieder infrage stehen“, sagt Hellberg. „Es ist nicht nur unsere Aufgabe, Kunstgeschichte eins zu eins zu reflektieren, sondern auch darüber nachzudenken, wo die blinden Flecken liegen. Was bedeutet es überhaupt, ein Kunstwerk wahrzunehmen?“
Wie jede große Sammlung ist auch das Mumok mit dem Luxus einer Üppigkeit konfrontiert, die zuweilen ins Unübersichtliche driftet: Vieles fehlt, anderes ist überpräsent. Kunstdurcheinander auf hohem Niveau. „Unterschiedliche Direktorinnen und Direktoren haben gesammelt, und deren Interessenschwerpunkte spiegeln sich natürlich in den Ankäufen wider“, sagt Hellberg. Das Archiv des Kunstsammlers Wolfgang Hahn, welches das Mumok besitzt, sei dafür ein gutes Beispiel. „Hahn war kein wohlhabender Sammler, sondern Restaurator, der mit vielen Kunstschaffenden befreundet war. Darin findet sich eine bestimmte Auseinandersetzung mit Kunst und Leben. Das ist für mich ein roter Faden in dieser Sammlung.“
Die Auseinandersetzung mit Fluxus und Dada habe es hier von Anfang an gegeben. „Wenn man die Kategorien Leben und Kunst in Dialog setzt, ergibt sich eine interessante Spannung. Da finde ich es schön, dass die Sammlung des Mumok teilweise unruhig und sperrig ist. Das versinnbildlicht auch die Welt, in der wir leben.“
Hysterie und Wadlbiss
Ein Museum zu leiten ist keine einfache Angelegenheit, insbesondere in Wien. Die Metropole spielt auf ihren Theaterbühnen und in ihren Museen gern großes Weltendrama, mit Hang zu artistischer Wadlbeißerei, zuweilen hysterisiert bis zum Anschlag.
Im Mai 2024 wurde Hellberg nicht gerade überschwänglich in der Stadt begrüßt. Man warf ihr, ehe sie noch ein Wort zu ihren Ideen für das Mumok gesagt hatte, mangelnde Museumserfahrung vor (sie hatte davor das Künstlerhaus Stuttgart und den Bonner Kunstverein geleitet), und ein propalästinensischer Protestbrief, den sie unterschrieben hatte, wurde ihr nicht nur angelastet, sondern gleich zur Basis eines offenen Antisemitismusverdachts.
„Was alle Direktoren und Direktorinnen seit 1962 verbindet, ist, dass wir hart daran gearbeitet haben, ein öffentliches Museum aufzubauen, an das wir glauben – und niemand hatte zuvor ein Museum geleitet“, entgegnet Hellberg ruhig. „Was den offenen Brief von ‚Artforum‘ betrifft, den ich 2023 mitunterschrieben habe: Mir ging es darum, die zivilen Opfer des Nahostkrieges zu betrauern, um eine humanitäre Perspektive. Ich habe eine absolute Nulltoleranz, was Antisemitismus betrifft. Mir ging es um humanistisches Mitgefühl. Es gehört zu meinem Auftrag, gesellschaftliche Fragen nicht auszublenden.“
Wien wäre nicht Wien, wenn die Gerüchtetöpfe nicht bereits am Schäumen wären. In der Kunstszene munkelt man derzeit etwa, dass Hellberg gern im sogenannten Eispalast, in einem weiß gestalteten Zimmer im Haus, Ideen ausbrüte, oft auch am Team vorbei. Sie sagt: „Zuhören und Neugier sind essenzielle Aspekte meiner Praxis. Aber es ist auch meine Aufgabe, das mumok neu zu gestalten. Das passiert natürlich in Zusammenarbeit, aber es ist mir wichtig, dass die Neuausrichtung eine klare Richtung hat. Um einen solchen Neustart zu machen, muss man zuhören, aber es braucht auch Momente, in denen man etwas ausprobiert. Meine Verantwortung liegt also darin, einerseits zuzuhören und auf Augenhöhe zu arbeiten, aber auch Setzungen vorzunehmen.“
Ist man in Wien erst richtig angekommen, wenn man durch die Mangel gedreht worden ist? „Alle Kuratorinnen und Kuratoren, Intendantinnen und Intendanten, die ich bewundere, hatten eine bestimmte Art von Mut. Dann muss man aber auch mit Kritik umgehen können.“
Apropos Ankommen. Hellberg erinnert sich an ihre ersten Reisen nach Wien: „Für mich spricht es auch für die Kultur dieser Stadt, wenn schon am Wiener Flughafen Museen groß beworben werden. Diese Identifikation mit Kultur ist wertvoll.“
Der jahrzehntelange Werbeslogan für Österreichs Hauptstadt lautete bekanntlich „Wien ist anders“. Man könnte das auch als leise Drohung missverstehen. Hat sich Fatima Hellberg ihre Entscheidung, das Mumok zu leiten, gut überlegt? „Ein Museum kann nicht in einem Vakuum existieren. Und meine Aufgabe ist es auch, einen Ort zu verstehen. Wien hat mich immer fasziniert als ein Ort, der nicht eindeutig ist. Wien hat Schichten, viel Schönheit, eine intellektuelle Geschichte, und es ist kein Zufall, dass so viele Ideen und intensive Auseinandersetzungen hier ihren Ursprung hatten.“
Und Hellberg zitiert den Psychoanalytiker Donald Winnicott, der gesagt hat, dass Künstler stets unter Spannung stehen, einen dringlichen Wunsch zu vermitteln – und anderes zu verbergen. „Das schafft eine Art Elektrizität, es sagt ja und nein zugleich. Diese Spannung existiert in Wien. Damit kann ich gut umgehen.“