In diesem Job haben Sie begonnen zu recherchieren, wie Kinder denken, reden, fühlen – und was sie im Familienalltag zu ertragen haben?
Sump
Dort habe ich eine leise Erkenntnis gewonnen: Die Welt hat sich extrem verändert, seit ich ein Kind war. Aber was Kinder umtreibt, ihnen Sorge bereitet, worüber sie sich freuen, das hat sich nicht geändert – wie auch bestimmte innerfamiliäre Dynamiken. Es sind immer noch die gleichen blöden alten Sprüche, die ihre Zeit überdauert haben. Davon kann ich mich persönlich auch nicht frei machen. Ich bin zwar einerseits der Rapper der selbsternannten coolsten Kinderband der Welt, auf der anderen Seite tappe ich im Alltag mit meinen Kindern in genau dieselben Fallen, über die wir uns musikalisch lustig machen. Und dann ist die Frage am Ende nur: Kann ich mir das selbst verzeihen – und mit Humor betrachten, dass ich auch nur einer von denen bin?
Eltern ertappen sich tatsächlich dauernd dabei, jene uralten Phrasen an Kinder zu richten, die in Ihren Songs so konsequent ironisiert werden: „Wie heißt das Zauberwort“, „Das macht man nicht“, „Sei mal leise“, „Du bist aber groß geworden“, „Ich zähl bis drei“ oder „Zieh dich warm an“. Der Wiedererkennungswert ist pädagogisch wertvoll.
Sump
Ja, und wir genießen auf unseren Konzerten so sehr, dass – obwohl die Kinder ihren eigenen Bereich haben – bei uns die ganze Familie feiert. Wir ziehen diese Trennlinie zwischen Kindern und Eltern eben nicht, wir machen uns über manche Dinge lustig, ohne uns über die Eltern zu erheben. Es geht darum anzuerkennen, dass alle Fehler machen – und dass das auch okay ist, solange wir uns das gegenseitig erlauben.
Lauschen Sie Ihren eigenen Kindern Dinge ab, die Sie dann in der Musik verwenden?
Sump
Seltener, als man vermuten würde. Ich durchleuchte mich eher selbst in meinen Tops und Flops als Vater, beziehe daraus Liederthemen.
Sie zeichnen alle drei als Komponisten für alles, für Text und Musik verantwortlich. Keine Arbeitsteilung?
Sump
Das hat sich geändert, ja. Als wir an unserem ersten Album arbeiteten, war alles noch strikt aufgeteilt: Ich habe die Texte geschrieben, Lukas hat sich die Gesangsmelodien ausgedacht, Pauli produziert. Damals hat jeder versucht, sein Ding voranzutreiben und durchzudrücken. Mittlerweile – achtes Album, 15 Jahre später – wissen wir so gut, was den jeweils anderen wichtig ist, dass ich auch Gesangsmelodien für Lukas verfasse oder er mir eine Rap-Strophe schreibt, was vorher undenkbar gewesen wäre. Das ist auch ein schönes Zeichen dafür, dass wir uns als Band wirklich gefunden haben und daher sogar in den Gebieten der jeweils anderen wildern können.
Arbeitet jeder von Ihnen allein daheim, und irgendwann wird das dann im Studio fusioniert?
Sump
Wir beginnen die Arbeit an jedem Album so, dass wir uns eine Woche lang in der Ödnis Schleswig-Holsteins irgendwo an der Steilklippe in einem kleinen Holzhäuschen einschließen, unsere Handys abschalten und dann eine Woche lang nur Musik machen – aber nicht in dem Sinne, dass wir dann mit fertigen Songs nach Hause gehen. Wir sind auf Skizzenjagd! Wir wollen ein Lied nur ganz grob am Horizont aufscheinen lassen. Manchmal reicht schon die Idee eines Refrains, einer Melodie oder einer Textpassage, um uns ein komplettes Lied vorstellen zu können. Das sind oft nur 10-, 15-sekündige Demos, und wenn wir zurück nach Hamburg gehen und mit der Ausarbeitung beginnen, wissen wir schon, wohin die Reise geht. 20 bis 30 Skizzen dieser Art bereiten wir meist vor, die wir mit nach Hamburg nehmen, und dann kommt halt die Fleißarbeit, ganze Songs draus zu machen.
Wo kommen diese Grundideen her?
Sump
Ich kann überall schreiben, manchmal auch zum Leidwesen meiner Familie, denn es kann sein, dass ich mich am Abendbrottisch, wenn mich eine Idee heimsucht, weg-channel, wie meine Frau das gerne nennt. Ich channel mich dann weg, bin nicht mehr richtig anwesend. Weil gerade irgendwas im Kopf passiert.
Ihr sperrt euch eine Woche in der Holzhütte ein und habt anschließend die Grundlagen für ein ganzes Album?
Sump
Nicht immer. Beim letzten Mal haben wir höchstens sechs oder sieben Ideen aus diesem Ferienhäuschen mit nach Hause gebracht, weil wir fanden, dass wir zunächst zunächst einmal ganz viel reden mussten; denn wir haben gemerkt, dass wir – nach dem monatelangen Rausch unserer Konzerttour – erst wieder in den freundschaftlichen Austausch gehen mussten. Das hat es dann erst möglich gemacht, am neuen Album zu arbeiten.
Verwerfen Sie viele Skizzen, die nicht funktionieren?
Sump
Ja, schon. Im letzten Moment haben wir etwa noch einen Song aus dem neuen Album gekippt, der hieß „Kein gutes Versteck“ und war ein bisschen zu gemein: eigentlich ein Diss-Track an zu kleine Kinder, die Verstecken spielen wollen und sich dann aber so wahnsinnig schlecht verstecken, dass sie uns Erwachsene dazu zwingen, sie demonstrativ zu übersehen. Aber eventuell werden wir das Lied noch veröffentlichen: Auf unserer Playlist „Fürs Internet reicht’s“ werden ja viele der Songs verwertet, die es nicht auf die Alben geschafft haben.
Deine Freunde ist ein Herzensprojekt, aber auch ein Business. Es ist ein Privileg, dass man sich nach 15 Jahren noch freundschaftlich begegnen kann. Viele andere beginnen als Freunde – und erleben angesichts einer großen Geschäftsidee Entfremdung.
Sump
Ja, wir nicht, im Gegenteil. In diesen 15 Jahren ist es jedem von uns schon passiert, dass wir mit den anderen durch persönliche Krisen gegangen sind. Wir haben gemeinsame Hochs erlebt, jeder von uns war aber auch schon ziemlich weit unten und durfte die Erfahrung machen, wie man miteinander aus solchen Krisen wieder rauskommt. Wir sind wirklich füreinander da. Und in der Arbeit sind wir perfekt aufeinander eingespielt. Wir wissen, was für ein Gefühl wir brauchen, wenn wir Musik machen: Begeisterung. Wir denken uns nichts am Reißbrett aus oder entwerfen Konzeptsongs, sondern kehren den kindlichen Spieltrieb in uns nach außen. Das überträgt sich: Die Leute merken, dass wir an dem, was wir tun, Spaß haben.
Wieso sind, obwohl Sie den Kinderpop im deutschsprachigen Raum derart erfolgreich erneuert haben, kaum Trittbrettfahrer oder Nachahmer in Sicht?
Sump
Es hat sich schon etwas getan im Bereich der Kindermusik. Ich würde niemanden Nachahmer nennen, weil ich nicht sehe, dass unsere Mitbewerber versuchten, unseren Sound zu machen. Aber die Leute haben begriffen, dass da ein Publikum ist, das bespielt werden möchte; und weil bestimmt nicht alle Kinder auf den Deine-Freunde-Sound stehen, gibt es eben auch solche, die vielleicht lieber Indie-Rock hören wollen. Kennen Sie die Band Heavysaurus? Die machen Rock und Metal!
Für Kinder?
Sump
Ja, in Dinosaurier-Kostümen! In diesem Bereich tut sich also etwas, und das ist schön. Es war aber auch ein gutes Gefühl, über lange Jahre die einzigen zu sein, die sowas machen.
Haben Sie nie Lust, Musik zu machen, die nicht speziell auf Kinder zugeschnitten ist?
Sump
Eigentlich nicht, da wir die Erwachsenen als Teil unseres Publikums mitbegreifen. Vor allem auf der letzten Tour sind da interessante Dinge passiert, mit denen wir nicht gerechnet hatten. Der Normalzustand für uns ist, dass die Kinder vor der Bühne stehen und die Eltern etwas weiter hinten. Seit zwei Jahren kommen aber auch Großeltern mit zu den Konzerten – und letzthin ist etwas Wundersames passiert: In fast jeder Stadt fanden sich bei uns auch Leute ein, die Anfang 20 waren. Einige davon haben wir nach dem Konzert gefragt, wieso sie hier seien. Es stellte sich heraus, sie waren aus nostalgischen Gründen gekommen, denn sie hatten uns in ihrer Kindheit gehört, die letzten sechs Jahre dann nicht mehr, und nun dachten sie, es war schön damals, wir gehen wieder zu einem Deine-Freunde-Konzert! Wunderschön und krass, jetzt auch 20-Jährige auf unseren Konzerten zu sehen.
Zu diesem Thema haben Sie auch ein Lied geschrieben: „Schon bist du in der Pubertät“.
Sump
Ja, über den Umstand, dass die Fans über uns hinauswachsen, uns irgendwann hinter sich lassen.
Aber offenbar kommen sie ja wieder zurück.
Sump
Ja, das ist toll, zumal wir die witzige Erfahrung gemacht haben, dass es Kinder gibt, die uns sagen: Heute war mein letztes Mal, ich werde nächstes Jahr zu alt für euch sein! Das rührt uns sehr, dass sie noch einmal ganz bewusst, ein vorerst letztes Mal zu uns kommen und sich ganz höflich von uns verabschieden.
Führen Sie intern eigentlich Debatten drüber, was Sie Ihrem Zielpublikum zumuten können? Ich denke da an einzelne Songs, die recht gruselig wirken, „Wenn der Hausmeister kommt“ etwa oder auch die erste Single Ihres neuen Albums, „Bestimmer“. Wie weit will man als Musiker mit kindlicher Angst spielen?
Sump
Wir hinterfragen uns schon, aber das meiste passiert sehr intuitiv bei uns. Klar, die Gesellschaft befindet sich in einem stetigen Wandel, und bestimmte Texte würden wir heute nicht mehr so schreiben wie vor Jahren noch: In „Ohne mein Brudi“ heißt es zum Beispiel: „Wir mögen keine Pferde, wir brauchen keinen Reitunterricht“, also Dinge, die klassisch Mädchen-mäßig gelabelt sind; das sehen wir inzwischen kritisch, würden wir nicht mehr machen. Oder in dem Song „Deine Mudder“ fragten wir: „Wer holt dich aus dem Bett? Wer schmiert dir dein Brot?“ Richtig klassische Oldschool-Rollenbilder. Heute würde unser Spaß darin bestehen, diese aufzubrechen und damit zu spielen, diese Rollen eben nicht so klar zu verteilen. Aber über einen gruselig rumbrüllenden Hausmeister zu singen, vor dem die Kinder Schiss haben, das können wir denen schon zumuten.
Laut Studien geht es vielen Kindern und Jugendlichen psychisch beunruhigend schlecht: Die Kinder kriegen mit, dass die Erwachsenenwelt nicht mehr richtig funktioniert. Kann oder soll ein Song von Deine Freunde auch dies thematisieren?
Sump
Wir können über alles reden, singen und rappen, was es gibt. Es ist eher oft die erwachsene Überforderung, nicht genau zu wissen, wie man bestimmte Themen erklären soll, aber die Kinder bringen von sich aus ein Grundinteresse an allem mit. Als Band tragen wir allerdings ungern riesige Überschriften vor uns her, wir wollen den Kindern nicht erklären, was sie denken sollen, das wissen die selbst am besten. Aber was wir vermitteln: Jede Art von Verunsicherung ist in Ordnung, alle Gefühle sowieso, es ist okay, manches nicht zu wissen und bestimmten Erwartungen nicht entsprechen zu wollen. Wir versuchen, die Kinder zur Selbstermächtigung zu inspirieren und dazu, sich nicht von Erwachsenen die Welt erklären zu lassen, sondern sie sich selbst zu erschließen, das funktioniert nur meist nicht ohne Schmerz, weil das zum Leben und zu unserer Welt gehört. Und das muten wir den Kindern dann auch bisweilen zu.