Die Wiener Seestadt, unterirdisch: Milo Rau genießt in einer Probenpause seinen Vormittagskaffee, fotografiert (wie alle anderen Motive in dieser Story) von Wolfgang Paterno
Die Wiener Seestadt, unterirdisch: Milo Rau genießt in einer Probenpause seinen Vormittagskaffee, fotografiert (wie alle anderen Motive in dieser Story) von Wolfgang Paterno
Die Religionsrepublik: Festwochen-Chef Milo Rau ruft alte Mythen & neue Götter auf
Milo Rau gilt manchen als Paradeexemplar kreativer Egozentrik, anderen als Retter eines politaktivistischen Theaters. Als Intendant der Wiener Festwochen plant er nun die Errichtung eines Gottesstaats. profil begleitete Rau durch einen chaotischen Probentag - und befragte ihn zu den Konflikten um ihn.
Milo Rau holt zwei Bündel Selleriestangen aus seinem Einkaufskorb, legt sie auf den Tisch in der dunklen Küche eines Probengebäudes in der Wiener Seestadt. Aus Supermarktsäcken ragt weiteres Gemüse. Heute sei Salat für alle angesagt, meint der Intendant lächelnd. Es ist halb elf Uhr Vormittag, Rau kommt gerade vom Flughafen, um fünf Uhr früh musste er aufstehen, um es noch zu seinen Proben nach Wien in das Stadtentwicklungsgebiet in der Donaustadt zu schaffen. An der Berliner Schaubühne hatte er am Vorabend sein – bei den Festwochen 2025 uraufgeführtes – Kriegsstück „Die Seherin“ gezeigt, im Rahmen des Festivals für Internationale Dramatik. Rau fischt eine Tafel dunkler Schokolade aus seinem Handgepäck, die gönne er sich jetzt erst einmal zum Frühstück, sagt er frohgemut, während er zur Kaffeemaschine stapft.
Der weitläufige Proberaum befindet sich im Tiefgeschoß, zwei Ebenen unterhalb der Tageslichtzone; das Team der Produktion trifft ein, Rau hat sich für das profil-Interview in eine dunkle Ecke zurückgezogen. Rund zwei Dutzend Menschen finden sich nach und nach ein, der Intendant freut sich über jede Ankunft fast überschwänglich. Die Mitwirkenden ziehen sich um, die Technik fährt Computer und Projektoren hoch, man macht sich bereit für die ersten Szenendurchläufe des Tages. Eine Produktion namens „Das beste Stück aller Zeiten“ soll hier entstehen, angelegt als Jubiläumsrevue: 75 Jahre Wiener Festwochen feiert man heuer, die satirische Bühnencollage soll „Höhe- und Tiefpunkte“ der Festivalgeschichte wachrufen. Als allererste große Theaterproduktion wird Milo Raus Inszenierung am 15. Mai im MuseumsQuartier zur Uraufführung kommen. Nur sechs Mal steht sie auf dem Programm der bis 21. Juni laufenden Wiener Festwochen 2026.
Der Schauspieler Sami Stoyanov darf sich in "Das beste Stück aller Zeiten" fallweise am Schlagzeug betätigen.
Ein rot-weiß-rot beflaggtes Schlagzeug steht herum, auf dem der Volkstheater-Star Samouil Stoyanov zwischendurch trommeln darf, ein junger Mann werkt leise an seinem Synthesizer, und ein recht schlicht zusammengezimmertes Container-Modell aus Holz und Stoffbespannung erinnert an Christoph Schlingensiefs „Bitte liebt Österreich“-Festwochenaktion, die im Juni 2000 das frisch FPÖ-mitregierte Österreich erschütterte. Zwei Säuglinge werden von ihren Müttern geschaukelt, links hinten bietet sich ein giftgrüner Vorhang als Greenscreen an. Der Musiker Herwig Zamernik, für den Stück-Soundtrack zuständig, hält sich im Hintergrund, beobachtet mit milder Ironie die anhebende und sich wieder zerstreuende Amateurmusik. Als er merkt, dass der geplante Chor etwas unterspannt agiert und sich auch ein wenig uneinig ist, was die Melodie betrifft, kommt Zamernik nach vorn, schwört die Sängerinnen und Sänger auf Festigkeit und „Speed“ ein. Man möge den Song nicht verschludern. Und gleich geht’s besser, wenn der Chor seine identitätsstiftende Hymne anstimmt: „Wir sind die Statisterie, die Statisterie! Und das ist unser Lied, die Statisten-Symphonie.“
Der Jubiläums-Dirigent: Regisseur Milo Rau, 49, bei der Probenarbeit in Wien
Was soll das denn werden, „Das beste Stück aller Zeiten“?
Milo Rau
Ein Art Comédie Humaine. Wir haben Babys dabei und schon ältere Menschen, sogar jemanden, der vielleicht im Stück sterben wird. 25 Leute werden mitwirken, inklusive ein in Kriegsfilmen gestählter Lipizzaner namens Calorro. Gottessucher und Radikalperformer, Liebende und Hater werden auftreten. Und ein, zwei namhafte Überraschungsgäste. Zudem werden wir die Geister von Sisi, Luc Bondy, Christoph Schlingensief, George Tabori, René Pollesch und Jutta Lampe beschwören. Ein überbordendes, genauso irres wie transzendentes Programm. Eine Geschichte der Festwochen, gemacht aus den Erinnerungen von uns allen!
Inge Maux und Samouil Stoyanov moderieren Ihre Jubiläums-Revue.
Rau
Ja, sie verkörpern beide etwas sehr Wienerisches. Inge ist die sanfte Grande Dame, Sami eher der lustige Berserker. Zwei Gegengewichte, die einander ideal ergänzen. Ich liebe beide sehr! Aber unser „Bestes Stück“ lebt von der Unzahl der Geschichten. Und davon, dass sie alle wahr sind. Alles, was auf der Bühne gesagt wird, stimmt, und das ist dann tragisch, skurril oder einfach menschlich. „Das beste Stück aller Zeiten“, das mag leicht größenwahnsinnig klingen. Aber wenn man sich auf diese Erzählungen einlässt, merkt man: Wir alle sind Protagonisten des „besten Stücks“, es ist unser Leben, das Theater selbst.
Dieser ironische Superlativ des Titels ist natürlich durchschaubar. Man nimmt nicht an, dass Sie wirklich meinen, dass Ihr Stück mit „Hamlet“ konkurrieren können werde.
Rau
Wir beabsichtigen eine viel direktere Theatergeschichte. Aber: Wir haben natürlich auch den berühmten „Hamlet“-Monolog im Stück, denn Shakespeare gehört bei uns genauso dazu wie Death Metal. Und auch Tschechow: Der Geist von Luc Bondy bringt seine „Möwe“ mit, die er vor 25 Jahren bei uns inszeniert hat, in seinen Augen natürlich das „beste Stück aller Zeiten“.
Arbeit am "besten Stück aller Zeiten": Das Schauspiel-Duo Inge Maux und Samouil Stoyanov im Proberaum
Dieses „beste Stück aller Zeiten“ ist auch eine Geisterbeschwörung, eine Serie von Dialogen mit dem Jenseits, begleitet von gewünscht „gruseligen“ Klängen aus dem Synthesizer: Der schwarzweiße Kopf Luc Bondys erhebt in Großprojektion das Wort, lobt seine „Möwe“ und lässt die Schauspielerin Jutta Lampe als Arkadina schwadronieren. Rau freut sich unbändig über die gespenstische Reanimation des Regisseurs, er nennt die Szene „Bondy Python“. Danach sind George Tabori und René Pollesch am Wort, Ersterer warnt, man möge auf Claus Peymann nicht vergessen, denn der werde „ungemütlich“, wenn er im „Besten Stück aller Zeiten“ nicht vorkomme.
In der Theaterzeitschrift „Die Bühne“ wurden Sie unlängst gefragt: „Wieso mag Sie in Wien plötzlich jeder, Milo Rau?“
Rau
Was für eine erfreuliche Frage!
Aber es ist auch eine interessante Wahrnehmung, denn vor wenigen Monaten noch schienen Sie zu den meistgehassten hiesigen Künstlern zu zählen.
Rau
Ja, unter anderem wegen meines berühmten Briefs zu den Kriegsverbrechen in Gaza, schätze ich.
Eine von heftiger Antipathie getragene Bewegung hat sich damals gegen Sie gerichtet. Hat das für Sie etwas verändert, konnten Sie daraus Schlüsse oder Konsequenzen ziehen? Oder denken Sie eher, Sie haben etwas richtig gemacht, wenn Sie derart anecken?
Rau
Eine Auseinandersetzung bricht immer etwas auf. Ich bin zum Beispiel endlich mit der jüdischen Gemeinde in Wien in engeren Kontakt gekommen – mit dem liberalen Teil von ihr. Nach zwei Jahren vorsichtiger Distanz und Missverständnissen war das viel. Ich glaube also, dass die Wahrnehmung der „Bühne“ mit dem dialektischen Prozess dieser Auseinandersetzung zu tun hat. Man dachte wohl: Jetzt hat man so viel Wut auf den Rau abgeladen, da muss man ihn zur Abwechslung ein wenig mögen.
Typisch Wien eigentlich: Die Leute werden so lange abgelehnt, bis man sie als Dauergäste zu schätzen lernt.
Rau
Ich fürchte, es ist eher eine Art Wellenbewegung. Nehmen wir Christoph Schlingensief: Der war zunächst total beliebt. Dann hatte er in seinen 40ern seine aktivistische Phase. Alle haben ihn gehasst, zum Beispiel wegen seiner Container-Aktion. Und am Ende, als er Wagner und Kunst gemacht hat, als er Krebs bekommen hatte, war er plötzlich für alle „der Christoph“. Man muss in Wien tot sein, dass einem die Leute wirklich mögen. Das zeichnen wir übrigens auch in unserer Schlingensief-Ausstellung im MAK nach.
Milo Rau kaut an seinem Kugelschreiber und beobachtet vom Regietisch aus, flankiert von Dramaturgin Laura Andreß und Assistentin Nastasia Griese, den Reigen der auftretenden Statisterie. Ein Shakespeare-Intermezzo wird improvisiert, Inge Maux rezitiert allein in der Mitte des Raums, in sich versunken, „Sein oder nicht Sein“. Lukas Kaltenbäck, graue Mähne, weiße Adidasjacke, erinnert sich an Taboris Farbenblindheit. Über vier Jahrzehnte lang war Kaltenbäck Lichtgestalter der Festwochen. Rau springt in den Raum zu ihm, spielt vor, wie die Szene laufen könnte. Die Atmosphäre ist betont ungezwungen, es gibt viel Gelächter und gefühlt mehr Smalltalk-Pausen als Arbeitsphasen. Ein Mann fährt auf einem Hoverboard heran und legt recht unmotiviert seinen stark tätowierten Körper frei. Eine Frau spielt, auf allen vieren, einen herumschnüffelnden, bissigen Hund. Ein an die Wand projiziertes Jesus-Gemälde wird beworfen und geschützt.
Hier gerät vieles durcheinander, manches planvoll, einiges eher zufällig. Und Milo Rau erfüllt mittendrin geübt alle Anforderungen, die der Beruf des Regisseurs ihm abverlangt: stets den Eindruck erwecken, man wüsste genau, was man tut, während man professionell verschleiert, dass man sich noch gar nicht sicher sein kann, ob das alles auch nur in Ansätzen so bleiben wird, wie es derzeit vor uns liegt.
In Ihrem dritten Jahr wollen Sie Glaubensfragen erörtern. Sie haben sich also von Rechtsextremismus über Machtmissbrauch und Cancel Culture zur Religion vorgearbeitet. Drohen Ihnen demnächst die drängenden Themen auszugehen?
Rau
Ach, für meine ersten fünf Jahre habe ich ein irres Menü, keine Angst. Alles neu im Mai! Für meine zweiten fünf Jahre – falls ich Intendant bleiben sollte – plane ich ein Programm, das noch um einiges radikaler, aber auch tiefgründiger sein wird als alles, was man von mir kennt. Denn als alter Bürokrat habe ich natürlich schon demütig einen zweiten, utopischen Fünfjahresplan für das größte Avantgarde-Festival der Welt entworfen. Auf der anderen Seite liegt der Witz ja darin, eben keinen erkennbaren Plan zu haben. Also im Jahresrhythmus Dinge ins Auge zu fassen, die jeweils einen völlig anderen Horizont aufmachen. Man muss versuchen, an seiner eigenen Methode zu rütteln. Nach meinem ersten Jahr dachte man, es gäbe jetzt nochmal einen Omri-Boehm-Aufreger. Noch mehr Fahnen und noch mehr Räte. Aber dann kam das Thema Liebe, kamen Innerlichkeit und MeToo. Danach dachte man, ah, jetzt kommt wieder Weltpolitik. Aber jetzt kommt der Glaube, kommen Gott und die großen Mythen.
… letztlich alles Politik.
Rau
Genau. Was auch immer wir Menschen tun, wir bringen es auf das Level unserer Beziehungen und unserer Körper – der Macht, aber auch der Transzendenz. Das Theater ist ein Ort der Wahrheit, sei sie schön oder sei sie schrecklich, das ist seit den griechischen Tragödien so. Interessant dabei: Egal, wie viele Jahrtausende vergehen, die Wahrheit ist immer ein Skandal. Das war die Erfahrung meines Gaza-Briefs: Du kannst alles sagen. Aber sprich nicht aus, was tatsächlich geschieht. Benenne es nicht.
Sie waren nicht der Einzige, der von Genozid gesprochen hat, das war eine Diskussion, die längst am Laufen war, aber Sie haben wohl doch ein Tabu gebrochen.
Rau
Ja, das verstehe ich nach wie vor nicht ganz. Da stand nichts Neues in meinem Brief, zudem in versöhnlichem Ton. Ich arbeitete damals in Rom, wo das ganze Land im Generalstreik war, um das Töten zu stoppen. Der Krieg war auf dem Höhepunkt, Netanjahu und die Hamas wie heute als Kriegsverbrecher gesucht. Mein Brief wurde in 15 Ländern veröffentlicht, überall hielt man ihn für eine Art Wiederholung der altbekannten Fakten, ein humanistisches Basis-Statement. Außer in Österreich und Deutschland, wo dieser einfache Aufruf zur Humanität und zum Engagement für den Frieden zum Skandal wurde. Das sagt natürlich mehr über unsere Diskussionskultur als über den Brief. Erinnern Sie sich an die Aufregung um Judith Butler? Man hatte im deutschsprachigen Raum eine ihrer Aussagen aus dem Zusammenhang gerissen, um ihr eine Unterstützung der Hamas nachzuweisen. Das ist, kennt man Butlers Werk, so absurd, dass es eigentlich schon fast wieder diskussionswürdig ist. Ich habe Judith unlängst in New York getroffen, ich wollte sie als Rednerin in die „Republic of Gods“ einladen. Sie ist ja Jüdin, hat bei Gadamer studiert und schreibt gerade ein Buch über die Tora, das Herzstück des Judentums. Aber sie meinte, sie reise nicht mehr in den deutschsprachigen Raum. Das Diskursklima bei uns sei ihr zu krass. Sie fürchtet sich vor den Deutschen und den Österreichern – und wir uns vor ihr. Das ist so traurig!
Man hört, Sie hätten den Anti-Demokraten und Apokalyptiker Peter Thiel zu den Festwochen eingeladen?
Rau
Hört man das? Eine interessante Idee!
Also haben Sie?
Rau
Es ist momentan nichts Konkretes im Programm. Aber es wäre durchaus faszinierend, Thiel bei den Festwochen zu haben: Zum einen gestalten wir ein ganzes Programm darüber, welche Verbindungen Tech-Milliardäre und die Alternative-Right zur Religion unterhalten. Und Thiel ist ja, warum auch immer, vielleicht die umstrittenste Figur des Planeten – diesseits der Präsidenten und Terroristen natürlich.
Neben Elon Musk.
Rau
Musk und Thiel, ja. Ich habe in New York und Harvard, wo ich in den letzten Monaten gelehrt und geforscht habe, sehr viel über sie diskutiert. Es sind die beiden real mächtigsten Menschen der Welt. Es gibt in den USA nicht einen Intellektuellen, der nicht wissen will, wie sie ticken, welche Visionen sie haben. Denn sie haben die Macht, sie umzusetzen. Wir leben in Thiels und Musks Welt. Es ist unsere existenzielle Aufgabe, uns damit kritisch auseinanderzusetzen.
Es ist ein Zentrum Ihrer Arbeit, auch missliebigen Figuren eine Stimme zu geben, also gerade niemanden auszuschließen: weil alle, die sowieso den Diskurs mitbestimmen, auch diskursfähig bleiben sollten?
Rau
Wie gesagt: Wir müssen uns mit denen konfrontieren, die unsere Wirklichkeit bestimmen. Wenn man realistische Kunst macht, sich für die Gegenwart interessiert, wäre es grotesk, sich beispielsweise nicht für die AfD oder die FPÖ zu interessieren – und ihre Kontakte zu den genannten Menschen.
Klar, aber man kann sich mit Rechtsextremen ja auch auseinandersetzen, ohne ihnen ein zusätzliches Forum zu bieten.
Rau
Wenn die Strategie des Deplatformings funktioniert hätte, würde ich sagen: well done, so machen wir weiter! Das Problem ist nur, dass die AfD, die FPÖ und die globale Rechte überhaupt längst ihre eigenen Foren entwickelt haben, ihre parallelen Medien, und zu den stärksten Parteien geworden sind. Die Plattformen, auf die ich sie einlade, sind für sie in Wirklichkeit eine intellektuelle und politische Gefahr: da können wir sie befragen, widerlegen, mit unseren eigenen Visionen konfrontieren. Warum haben wir diesen Kampfplatz nicht genutzt? Warum haben wir all das geschehen lassen? Unsere Demokratie braucht radikales Konfrontations-Training.
Viele politische Initiativen fordern seit Jahren schon ein AfD-Verbot.
Rau
Ich auch.
Sie fordern dazu auf, die AfD zu verbieten, wollen aber trotzdem mit ihr diskutieren?
Rau
Ja, natürlich. Nur weil die kommunistische Partei in Deutschland verboten wurde, heißt das nicht, dass ihre Visionen nicht gewaltige Unterstützung hatte. Sie wollte halt den liberalen Staat abschaffen, deshalb musste man sie verbieten. Das ist die Notbremse der Demokratie. Simpel gesagt: Entweder wird die AfD verboten, oder sie verbietet die liberale Demokratie. Aber die Wähler dieser Parteien: Die sind dann noch da, die müssen wir überzeugen. Und wie können wir das, wenn wir nicht mit ihnen reden?
Die Gefahr, dass ein Peter Thiel zu Ihnen käme und die Gelegenheit nützen könnte, ganz harmlos oder staatsmännisch zu erscheinen, ist doch real.
Rau
Noch einmal: dieses Argument hätte man vor 20 oder 30 Jahren bringen können. Alles, was geschehen ist, ist deshalb geschehen, weil wir es haben geschehen lassen. Weil wir Angst hatten, einen Fehler zu machen. Diese Idee des Monströsen, Göttlichen ist einfach nur Quatsch. Woher kommt diese fast magische europäische Kontakt-Angst? Ich war, wie gesagt, länger in den USA und habe über Ostern die nachgelassenen Schriften des Kulturanthropologen David Graeber gelesen, der eine interessante Alternative zur Marktwirtschaft entwickelt hat: eine Art Anarchismus 3.0. Wir müssen das Erbe Graebers weiterführen, dachte ich mir, kämpferisch, in der Auseinandersetzung. Diese reine Defensive, in die wir Linken geraten sind, ist beschämend, unnötig, fantasielos. Dazu kommt mein Vertrauen in die Debatte: Wenn man Leuten gute Fragen stellt, merkt man, woher sie kommen. Und dann beginnt man zwangsläufig, eigene Visionen zu entwickeln.
Eine Art Kunst-Gottesstaat will Rau ab Mitte Mai also errichten, mit der Zentralkirche des Wiener Badeschiffs. Die Festwochen 2026 werden zur „Republic of Gods“, ein „Glaubenstribunal“ wird abgehalten. Neben den Gastspielen wird es 13 Weltpremieren geben, von denen viele – etwa das neue Werk des Mythomanen Romeo Castellucci und Florentina Holzingers neunstündiges, an Hermann Nitsch angelehntes „Pfingstspiel“ – sich mit Spirituellem, mit Apokalypse und Dunkler Aufklärung befassen werden. Und die Femen-Pionierin Inna Shevchenko wird eine neue Form des Glaubens predigen, der sich keiner Macht mehr beugen muss. Ein „Heiliger Frühling“ wird, geht es nach Rau, über uns kommen. Dürfe man sich die heiligen Schriften und Begriffe aneignen, fragt er, wie es im Iran oder eben auch bei Trump und Thiel gerade geschehe? „Wir wollen, in aller Demut und vielleicht Naivität, verstehen, wie unsere Zeit funktioniert, was ihre Schönheit und ihren Schrecken ausmacht.“
Geisterbeschwörung: Via KI wird auch der Theatermacher George Tabori von Milo Rau reanimiert.
Ihre Republic of Gods läuft unter dem Slogan „Zeit für neue Götter“. Welche denn?
Rau
Wie gesagt: Leute wie Thiel sind, was ihre praktischen Möglichkeiten angeht, im Negativen – also was eine Alternative zur liberalen, gemeinschaftlich verwalteten Demokratie betrifft – tatsächlich so etwas wie die Götter unserer Zeit.
Und im Positiven?
Rau
Als liberaler Traditionalist denke ich oft darüber nach, was wäre, wenn man einen globalen Synkretismus ausruft. Man kann – und das machen wir ja dieses Jahr bei den Festwochen – tatsächlich Wagner, Shakespeare und die alten nordischen Epen, die lateinamerikanischen, afrikanischen und nahöstlichen Mythen wieder hervorholen und sich fragen, was sie uns noch zu sagen haben. Das tun wir in der „Republic of Gods“.
„Time for New Gods“, das klingt wie: Lasst uns neue Götter schaffen! Aber man kann es auch anders interpretieren: Ist dies die Zeit der desaströsen neuen Götter?
Rau
Ja, wir leben tatsächlich in einer Übergangs- und Achsenzeit – in einem sehr weltlichen Armageddon, um einen Begriff aus der Bibel zu verwenden. Wir brauchen einen totalen mind-shift, aber von links! Die Tech-Bros denken immer noch in ihrer Mehrwertlogik – minus Marktwirtschaft, minus Sozialstaat, minus Demokratie, und in enger Partnerschaft mit einem ebenfalls privatisierten Staat. Warum machen wir nicht einen Schritt zur Seite, warum zum Beispiel nicht zurück zu Jesus, zum frühchristlichen Anarchismus. Nicht dieser Klischee-Anarchismus mit Chaos, schwarzen Fahnen und brennenden Mülltonnen, sondern die Ideologie einer gesellschaftlichen Selbstorganisation. Unsere Generation steht am Scheideweg: Entweder wir humanisieren unsere Demokratie, hauchen ihr neues Leben ein, oder wir verlieren sie für weitere tausend Jahre. Und deshalb laden wir zum Beispiel Mitglieder des „Unsichtbaren Komitees“ in unsere „Republic of Gods“ ein, Glaubensführer, Öko-Feministinnen, indigene Stimmen.
Das wird analog zu den Kongressen und Prozessen der Festwochen-Vorjahre ablaufen?
Rau
Ja, zum Beispiel die Diskurslinie „Holy Spring“, natürlich eine Anspielung auf die Wiener Moderne. Oder Reden wie der „State of Faith“. Aber wir haben auch dieses Jahr das klassische große Diskursformat, diesmal ein sogenanntes „Glaubenstribunal“. Da geht es um Aneignung: Darf die Kunst – etwa die Karikaturisten von „Charlie Hebdo“, die Aktivistinnen von Femen oder Pussy Riot – sich religiöse Symbole und Themen aneignen, oder handelt es sich da um Blasphemie? Dann wird es um wirtschaftliche Aneignung gehen, konkret um Raubkunst: Was passiert, wenn wir spirituelle, ja heilige Gegenstände anderer Kulturen stehlen und im Museum ausstellen? Gibt es eine Alternative zur Restitution? Welche? Zuletzt erörtern wir dann den Gottesstaat: Darf man sich die heiligen Schriften und Begriffe aneignen, so wie es im Iran oder eben auch bei Trump, Thiel und so weiter gerade geschieht? Oder ist auch das letztlich blasphemische Aneignung? Dazu laden wir gemäßigte, aber auch extreme Positionen ein: Leute, die noch nie im selben Raum miteinander waren. Denn wir wollen, in aller Demut und vielleicht auch Naivität, verstehen, wie unsere Zeit funktioniert, was ihre Schönheit und ihren Schrecken ausmacht.
Die Festwochen haben zum Glaubensthema zahllose Auftragswerke vergeben.
Rau
Ja, natürlich. Es wird neben den Gastspielen 13 Weltpremieren geben. Wir haben wie in den letzten Jahren Positionen gesucht, die das Thema auf unterschiedlichste Weise beleuchten. Auch im „Besten Stück aller Zeiten“ geht es um Religion, um persönlich, aber auch Kunstreligion. Wir fragen ganz konkret: Wo bist du, Gott? Was ist der Sinn des Lebens? Warum wird man geboren? Wo geht man hin, wenn man stirbt? Und was sind eigentlich die Festwochen, dieses Fast-Heiligtum, dieser Tempel der Künste?
Samouil Stoyanov fragt sich das auch, und er hat spielerische Angebote im Gepäck, um zu demonstrieren, wie man den Festwochentempel gewinnbringend bespielen könnte. In einer Probenpause erklärt er sich bereit, ein von Rau in den Raum zu pfefferndes Stück Traubenzucker versuchsweise mit dem Mund zu fangen. Die Spannung steigt, Rau wirft, Stoyanov fängt, Geschrei im Saal, große Euphorie, High five. Die Proben können weitergehen.
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(profil.at)
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Stand:
Stefan Grissemann
leitet seit 2002 das Kulturressort des profil. Freut sich über befremdliche Kunst, anstrengende Musik und waghalsige Filme.
Festwochenchef Milo Rau hat mit seinem Aufruf an den Kulturbetrieb, zum Gazakrieg nicht zu schweigen, heftige Reaktionen provoziert – und auch Freunde gegen sich aufgebracht. Rau verteidigt sich, während die FPÖ die Absetzung des Künstlers fordert.
Milo Rau, Intendant der Wiener Festwochen, über Cancel-Culture und Gisèle Pelicot, über sichere Blasmusik, künstlerischen Aktivismus und profitable Genozide.