Regisseur Milo Rau trinkt mit erheiterter Miene aus einer beschrifteten Tasse in einem weitläufigen Innenraum.
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Die Religionsrepublik: Festwochen-Chef Milo Rau ruft alte Mythen & neue Götter auf

Milo Rau gilt manchen als Paradeexemplar kreativer Egozentrik, anderen als Retter eines politaktivistischen Theaters. Als Intendant der Wiener Festwochen plant er nun die Errichtung eines Gottesstaats. profil begleitete Rau durch einen chaotischen Probentag - und befragte ihn zu den Konflikten um ihn.

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Milo Rau holt zwei Bündel Selleriestangen aus seinem Einkaufskorb, legt sie auf den Tisch in der dunklen Küche eines Probengebäudes in der Wiener Seestadt. Aus Supermarktsäcken ragt weiteres Gemüse. Heute sei Salat für alle angesagt, meint der Intendant lächelnd. Es ist halb elf Uhr Vormittag, Rau kommt gerade vom Flughafen, um fünf Uhr früh musste er aufstehen, um es noch zu seinen Proben nach Wien in das Stadtentwicklungsgebiet in der Donaustadt zu schaffen. An der Berliner Schaubühne hatte er am Vorabend sein – bei den Festwochen 2025 uraufgeführtes – Kriegsstück „Die Seherin“ gezeigt, im Rahmen des Festivals für Internationale Dramatik. Rau fischt eine Tafel dunkler Schokolade aus seinem Handgepäck, die gönne er sich jetzt erst einmal zum Frühstück, sagt er frohgemut, während er zur Kaffeemaschine stapft.

Der weitläufige Proberaum befindet sich im Tiefgeschoß, zwei Ebenen unterhalb der Tageslichtzone; das Team der Produktion trifft ein, Rau hat sich für das profil-Interview in eine dunkle Ecke zurückgezogen. Rund zwei Dutzend Menschen finden sich nach und nach ein, der Intendant freut sich über jede Ankunft fast überschwänglich. Die Mitwirkenden ziehen sich um, die Technik fährt Computer und Projektoren hoch, man macht sich bereit für die ersten Szenendurchläufe des Tages. Eine Produktion namens „Das beste Stück aller Zeiten“ soll hier entstehen, angelegt als Jubiläumsrevue: 75 Jahre Wiener Festwochen feiert man heuer, die satirische Bühnencollage soll „Höhe- und Tiefpunkte“ der Festivalgeschichte wachrufen. Als allererste große Theaterproduktion wird Milo Raus Inszenierung am 15. Mai im MuseumsQuartier zur Uraufführung kommen. Nur sechs Mal steht sie auf dem Programm der bis 21. Juni laufenden Wiener Festwochen 2026.

Schauspieler Sami Stoyanov sitzt am Schlagzeug und blickt direkt in die Kamera
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Ein rot-weiß-rot beflaggtes Schlagzeug steht herum, auf dem der Volkstheater-Star Samouil Stoyanov zwischendurch trommeln darf, ein junger Mann werkt leise an seinem Synthesizer, und ein recht schlicht zusammengezimmertes Container-Modell aus Holz und Stoffbespannung erinnert an Christoph Schlingensiefs „Bitte liebt Österreich“-Festwochenaktion, die im Juni 2000 das frisch FPÖ-mitregierte Österreich erschütterte. Zwei Säuglinge werden von ihren Müttern geschaukelt, links hinten bietet sich ein giftgrüner Vorhang als Greenscreen an. Der Musiker Herwig Zamernik, für den Stück-Soundtrack zuständig, hält sich im Hintergrund, beobachtet mit milder Ironie die anhebende und sich wieder zerstreuende Amateurmusik. Als er merkt, dass der geplante Chor etwas unterspannt agiert und sich auch ein wenig uneinig ist, was die Melodie betrifft, kommt Zamernik nach vorn, schwört die Sängerinnen und Sänger auf Festigkeit und „Speed“ ein. Man möge den Song nicht verschludern. Und gleich geht’s besser, wenn der Chor seine identitätsstiftende Hymne anstimmt: „Wir sind die Statisterie, die Statisterie! Und das ist unser Lied, die Statisten-Symphonie.“

Stefan Grissemann

Stefan Grissemann

leitet seit 2002 das Kulturressort des profil. Freut sich über befremdliche Kunst, anstrengende Musik und waghalsige Filme.