Der Nino aus Wien beim Interview mit profil. "Eine Euphorie spüre ich nicht"

© Wolfgang Paterno

Interview
07/01/2022

Der Nino aus Wien: „Was soll ich den Menschen geben?“

Der Nino aus Wien ist Österreichs wichtigster Liedermacher, Lyriker und Stadtchronist. Hier erzählt er von verlorenen Songideen, gesunden Lockdown-Beschäftigungen – und von dem Optimismus, den auch Sterbelieder vertragen.

von Philip Dulle

Man kann dieser Tage schon den Überblick verlieren. Das zwölfte Album – kann das sein? Der Nino aus Wien schaut ungläubig, bestellt lieber einen doppelten Espresso und sucht sich eine ruhige Kaffeehausecke. Er selbst habe das zumindest nicht in den Pressetext geschrieben. Es ist ihm, das merkt man, auch nicht so wichtig. Denn für Nino Mandl, wie der 35-Jährige Liedermacher eigentlich heißt, hört das Songschreiben und Livespielen ohnehin nie auf. Sein neues Album, das er „Eis Zeit“ genannt hat, wird ihn dieses Jahr auf seiner persönlichen never ending tour wieder quer durch Österreich und Deutschland führen. Und dennoch denkt Der Nino aus Wien beim Interviewtermin bereits daran, diesen ewigen Künstlerzyklus aus Songschreiben, Studiotermin und Konzerten für längere Zeit zu unterbrechen. Er würde gerne ein surreales Kochbuch mit vielen Traumsequenzen schreiben. Er koche eigentlich sehr gern, erzählt er mit diesem typischen Nino-aus-Wien-Grinsen, wenn auch nicht sonderlich gut. Dafür sehe er umso lieber Kochsendungen im Fernsehen. Beim Gespräch im Café Alt Wien ging es aber erst einmal um neue und alte Lieblingslieder.

profil: Unermüdlich veröffentlichen Sie neue Songs. Müssen Sie ständig arbeiten, um Ihren Seelenfrieden bewahren zu können?
Nino: Ich werde unruhig, wenn ich länger nichts veröffentliche. Außerdem gibt es viele Lieder, die in die Welt hinaus wollen. Ich habe schon so viele Lieder verloren, durch Computerabstürze oder verlorene Notizen. Die neuen Stücke sind alle während der Pandemie entstanden. Auch wenn es vielleicht nicht meine liebsten Lieder sind, ich wollte die Corona-Ära in meiner Musik festhalten.

profil: Auf „Eis Zeit“ brechen Sie mit Erwartungen. Statt eines Sommeralbums für das Freibad bekommt man eine Meditation über das Leben und den Tod. Eine bewusste Irritation?
Nino: Jetzt frag ich mich: Vielleicht hätte ich doch noch andere Songs auf das Album geben sollen. Es gibt dieses unfertige Lied von mir: „Urlaub kann so schön sein“. Das hätte gut zu dem Cover mit dem Eis gepasst. Andererseits: Meine Mama hatte in Wien mal ein Eisgeschäft, das eben „Eiszeit“ hieß – und die Zeit der Pandemie war durchaus ein wenig eisig.

profil: Wie blicken Sie heute auf die vergangenen zweieinhalb Jahre?
Nino: Der erste Lockdown war die gesundeste Zeit meines Lebens. Ich habe das Rauchen eingestellt – zumindest kurzzeitig. Künstlerisch war es nicht so inspirierend. Mir hat schon viel gefehlt, neue Leute kennenzulernen, vor Publikum zu spielen. Heute ist die Lage trügerisch. Eine Euphorie spüre ich nicht. Zudem der Krieg in Europa. Wenn ich jetzt Konzertvideos von 2019 sehe, stelle ich eine ganz andere Stimmung fest.

profil: Stichwort Krieg: Gehen Sie heute anders auf die Bühne? Müssen Sie Ihrem Publikum auch etwas anderes geben?
Nino: Was soll ich den Menschen geben? Ich spiel’ halt meine Lieder. Die Menschen sind so verschieden. Die einen wollen in schwierigen Zeiten hoffnungsvolle Lieder, die anderen wollen erst recht Trauriges hören. Mit meiner Band spiele ich beides.

profil: „Eis Zeit“ haben Sie live mit Ihrer Stammband im Studio eingespielt. Brauchen Sie diese Unmittelbarkeit?
Nino: Das ist unsere Reminiszenz an gestreamte Lockdown-Konzerte, die man ohne richtiges Publikum spielen musste. Im Studio haben wir alle Songs drei Mal durchgespielt, alles wurde live gesungen, und dann haben wir die besten Versionen einfach auf das Album gepackt. Fertig.

profil: Im Lied „Montag“ verarbeiten Sie den Terroranschlag in Wien, der im Herbst 2020 stattgefunden hat. Hilft Ihnen die Musik, solche Tragödien zu verarbeiten?
Nino: Das war eine schlimme Nacht – so eine warme Novembernacht. Ich wollte an diesem Abend ausgehen, genau in dieser Gegend, in der die Anschläge stattgefunden haben. Durch eine glückliche Fügung bin ich doch zu Hause geblieben. Ich habe das Lied geschrieben, nachdem ich an dem Gedenkort war, all die Kerzen gesehen hatte, die Einschusslöcher in der Mauer. So ein unmittelbares Lied, das man im Herzen hat und das raus muss, kann nie wirklich schlecht sein. Das hinterfrage ich nicht.

profil: Ist die Entstehungsgeschichte eines Songs wichtiger als das fertige Produkt?
Nino: Wenn ein Album fertig ist, höre ich mir es oft gar nicht mehr an. Es gibt Lieder, die begleiten mich über Monate, da ist mir jedes Wort wichtig. Wenn ich beim Schreiben grantig war, vergesse ich das Lied schneller wieder. Da ist es für mich bereits abgehakt. Oft höre ich Jahre später wieder in Alben rein und denke: Dieses Lied ist ganz gut, das ist okay – und die sind schlecht.

Der Nino aus Wien mit Philip Dulle

profil: In Ihrem Song „Strawberry Dream“ verraten Sie Ihr Lieblingslied. Kommen Sie als Musiker stets zu den Beatles zurück?
Nino [singt]: „Und wenn du dich verkriechst, dann hör dein liebstes Lied: ‘Strawberry Fields’.“ Es ist immer noch mein liebstes Lied und die Beatles sind nach wie vor meine Lieblingsband. Vor der Aufnahme des neuen Albums hab ich die Filmdoku “Get Back” angesehen, das war die perfekte Einstimmung. Zwischendurch musste ich immer wieder auf Pause drücken, um selbst Gitarre zu spielen. Was man hier beobachten kann: Die Beatles waren halt auch nur eine Band – die Spannungen zwischen den Musikern, die Diskussionen, das Austarieren. Man kennt das.

profil: Sinnieren Sie im Abschlusssong „Olles hot sei End“ über Ihre eigene Endlichkeit?
Nino: Das ist kein Lied über einen jungen Tod. Es ist ein Lied über ein langes Leben. Das Lied ist zu Allerheiligen am Zentralfriedhof entstanden. Ich war spazieren, hab mir die Gräber angeschaut und viel Zeit am Schubert-Grab verbracht. Ich musste an den Tod meiner Großeltern denken – und wie es ist, wenn man zum letzten Mal liebevoll miteinander streitet. Die Melodie für dieses Sterbelied hab ich beim Spazieren in mein Handy gesungen und mir den Text per SMS geschickt. Das Gitarrensolo am Schluss hat der achtjährige Sohn meines Produzenten gespielt. Das macht dieses Thema hoffnungsvoller. Für mich schließt sich hier ein Kreis.

Interview: Philip Dulle

Der Nino aus Wien: „Eis Zeit“ (Medienmanufaktur Wien)