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„Es brennt“: Streifzug durch eine höchst alarmierte Grazer Kulturszene

Durch die geplante Abschaffung der millionenschweren ORF-Landesabgabe droht in der Steiermark der kulturelle Kahlschlag. Werden bald weitere Bundesländer folgen?

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Am Anfang, der auch ein Ende sein könnte, ging alles ganz schnell. Mitte Februar 2025 ließ Mario Kunasek in einem Facebook-Post wissen, dass die ORF-Landesabgabe in der Steiermark fallen werde. Ab 2027, so bewarb der steirische FPÖ-Landeshauptmann den beabsichtigten Vollzug seines Wahlversprechens, würden die Steirerinnen und Steirer pro Haushalt und Monat 4,70 Euro Landesabgabe weniger bezahlen müssen. Ein kantiges Gesicht auf dem Profilbild, ein gelbes Thumbs-up-Emoji flankierten die Nachricht.

Um die einst als „Kulturschilling“ bekannte Abgabe, die zum Großteil für Kunst und Kultur, aber auch für Sportinvestitionen verwendet wird, kommt man dieser Tage in Graz nicht herum. Genauso wenig wie um Schuldenberge, Budgetsperren, Kampfaufrufe, Untergangsstimmung, Kulturkampf. Der Begriff „Kulturkampf“ hat seit Viktor Orbáns Umbau seines Landes zur illiberalen Demokratie sogar Eingang in die ungarische Sprache gefunden. Es ist ein Wort, das auch die gegenwärtige Situation in der Steiermark ziemlich genau trifft. Um eine Ahnung davon zu bekommen, wie es dazu gekommen ist, muss man in Graz ein paar Menschen treffen, Theaterintendantinnen, Medienkünstler, Schriftsteller, Kulturarbeiterinnen und -funktionärinnen.

Lidija Krienzer-Radojevic ist seit 2018 die erste Ansprechpartnerin in der steirischen Kulturlandschaft. Die Geschäftsführerin der IG Kultur, zu deren Arbeitsgrundlagen Aktivismus und abgezirkelter Alarmismus zählen, hat bei einem Kaffee und selbstgedrehten Zigaretten in einer Brotküche beim Jakominiplatz viele Zahlen parat. „Bereits im diesjährigen Haushalt waren Einsparungen in Höhe von 314 Millionen Euro geplant – tatsächlich umgesetzt wurden von der Landesregierung jedoch nur 106 Millionen Euro. Trotzdem erfolgten massive Einsparungen im Kulturbereich. Für 2027 sind weitere Kürzungen von 377 Millionen Euro vorgesehen“, sagt Krienzer-Radojevic.

In dieser äußerst angespannten Situation wirke sich vor allem der angebahnte Verzicht auf die Einnahmen aus der ORF-Landesabgabe von rund 30 Millionen Euro drastisch kontraproduktiv aus: „Die Landesabgabe trägt fast ein Drittel zum steirischen Kulturbudget bei. Sollte die Regierung die ORF-Landesabgabe tatsächlich abschaffen, ist ein massiver Kahlschlag unvermeidbar.“ Jede Krise erfordere gezieltes Krisenmanagement – doch genau dieses fehle im Kulturbereich derzeit. „Einfaches Kürzen ohne strategische Steuerung führt nicht nur zur Zerstörung der Kulturinfrastruktur, sondern auch zur Abwanderung kreativer Köpfe in andere Bundesländer oder ins Ausland.“

In fünf Jahren werden wir uns vielleicht fragen müssen: Wie ist es dazu gekommen?

Lidija Krienzer-Radojevic, IG Kultur-Geschäftsführerin

Wort gegen Wort?

Kulturlandesrat Karlheinz Kornhäusl (ÖVP) widerspricht auf profil-Anfrage: „Die Verhandlungen zum Landesbudget 2027 haben noch nicht einmal begonnen, dementsprechend kann ich deren Ausgang nicht vorhersehen, aber für mich ist klar: Ich setze mich mit Nachdruck dafür ein, die steirische Kulturlandschaft in ihrer ganzen Breite – von der freien Szene bis zu den großen Institutionen – bestmöglich abzusichern. Die Abschaffung der ORF-Landesabgabe ist im Regierungsprogramm vereinbart, und es gibt die klare Zusage von Landeshauptmann Kunasek, dass die Mittel für Kultur, Volkskultur und Sport kompensiert werden. Ich bin überzeugt davon, dass der Landeshauptmann zu seinem Wort steht.“ Eine ganze Kulturlandschaft bangt, ob sich Kunasek übermorgen an seine Ansage von gestern hält.

Vom „langsamen Sterben“ spricht Kulturfunktionärin Krienzer-Radojevic, vom Verschwinden von der internationalen Kunstlandkarte. „In fünf Jahren werden wir uns vielleicht fragen müssen: Wie ist es dazu gekommen?“

Gutes Stichwort für Andreas Unterweger im Café König mit der „manuskripte“-Heftgalerie an der Wand. Der Schriftsteller ist seit 2020 Herausgeber der Literaturzeitschrift. Für Menschen, denen die Steiermark vor allem Urlaubsreiseziel ist: Die vor mehr als 60 Jahren gegründeten „manuskripte“ sind neben dem Forum Stadtpark und dem Steirischen Herbst österreichisches Kulturgut, Kern des weit über die Grenzen von Graz hinaus bekannten Rufs als Literatur- und Kulturhauptstadt. „Dieses Erbe steht auf dem Spiel“, sagt Unterweger.

Drei Literaturstipendien wurden aufgrund der Budgetsituation 2026 bereits ausgesetzt. Unter freiheitlicher Führung droht dem Bundesland auch andernorts ein radikaler Kulturumbau und -abbau. „Kürzlich sprach ein FPÖ-Landesrat davon, die ,Bastion Steiermark‘ errichten zu wollen.“ Zum Beispiel durch die Erweiterung des Landesfeiertags in Gedenken an den heiligen Josef zum Drei-Tages-Festival. Unterweger und Coautor Max Höfler machten sich darüber in einem Spottgedicht lustig, in dem sich unter anderem einstiges „manuskripte“-Personal wie „Sepperl Handke“, „Josefa Jelinek“ und „Clemens Sepp“ tummelte. Sepperlot! Die angebliche „Verseppung der Steiermark“, erkannte die FPÖ umgehend mit Schaum vor dem Mund, verhöhne die „steirische Volkskultur“ und werte die „gesamte Politik der steirischen Landesregierung“ ab.

Wolfgang Paterno

Wolfgang Paterno

ist seit 2005 profil-Redakteur.