Hauptdarstellerin Margot Robbie als Catherine Earnshaw in "Sturmhöhe"
Entfesselte Lenden: Die Historienromanze „Sturmhöhe“ in der Hollywood-Mikrowelle
William Wyler, Luis Buñuel, Jacques Rivette, zuletzt Andrea Arnold: Emily Brontës Gothic-Klassiker „Sturmhöhe“ (1847) hat im vergangenen Kino-Jahrhundert unterschiedlichste Regie-Handschriften von Weltrang angezogen. Rund anderthalb Dekaden nach Arnolds puristisch-naturalistischer Deutung – kurz davor war auch eine Miniserie mit Tom Hardy erschienen – legt nun die Britin Emerald Fennell für eine neue Generation eine weitere Adaption der immergrünen, gleichwohl nebelig verhangenen Liebesgeschichte vor.
Fennells Vorstoß in die wilden, windigen Moore Yorkshires ist ausdrücklich meme-tauglich und TikTok-kompatibel – was bei einer Regisseurin, die mit ihren ersten Arbeiten „Promising Young Woman“ und „Saltburn“ bereits eindrucksvoll ein sich aus mood und Maximalismus nährendes Pop-Kino zur Aufführung brachte, aber auch zu erwarten war. Als wolle sie die im Vorfeld lautgewordene Kritik an der Besetzung – Margot Robbie sei als Catherine zu alt, Jacob Elordi als Heathcliff zu weiß – mit ästhetischer Überwältigung hinwegfegen, schraubt Fennell, erklärter Superfan des Romans, Exzess und Extravaganz in, ja, stürmische Höhen. Den Naturgewalten der „Wuthering Heights“ setzt sie eine Inszenierung entgegen, die kaum weniger ungestüm anmutet.
Zentrales Schauspiel-Duo: Jacob Elordi und Margot Robbie
Brontës ausschweifendem Schmöker entnimmt Fennell bloß narrativ Unerlässliches, für dramaturgische Ausfeilungen hat sie kaum Verwendung. Sie treibt lieber das tief-toxische Techtelmechtel in eine unverhohlen sexualisierte Dynamik, gegen die sich frühere Verfilmungen regelrecht verklemmt ausnehmen. Dieses Feuerwerk der Sinne findet seine visuelle Spiegelung in einer breit angelegten, fiebertraumhaften Opulenz aus Kostüm und Bühnenbild, aus Linus Sandgrens breit angelegter Bildkomposition und Charli XCXs schwelgerischem Synth-Pop: eine Pulp-Oper der entfesselten Lenden und eskalierenden Emotionen.
Wie diese Inszenierung kennen die Gefühle letztlich nur eine Richtung: vorwärts ins Übersteigerte. Angestautes Begehren schlägt in Obsession um, Leidenschaft in Besitzanspruch. Diese Liebenden drängen einander in eine Spirale aus Verletzung und Vergeltung, suchen mutwillig den Schmerz, weil er zum letzten Fixpunkt ihrer Existenz geworden ist. Auch wenn der Kinostart zum Valentinstag anderes nahelegen mag: Zur romantischen Nachahmung eignet sich das kaum.