Bis heute spielt Dafoe lieber in knapp budgetierten Autorenfilmen als in bodenlosen Industrie-Kassenknüllern: Seine kreativen Partnerschaften mit Mavericks wie Abel Ferrara („New Rose Hotel“, 1998; „Pasolini“, 2014), Julian Schnabel („At Eternity’s Gate“, 2018), Lars von Trier („Antichrist“, 2009), Wes Anderson („The Life Aquatic“, 2004) und Yorgos Lanthimos („Poor Things“, 2023) zeugen davon. „Ich mag es, zu variieren“, sagt Dafoe, „wage mich gern an alle möglichen Projekte. Aber manchmal bieten mir kleinere Filmen mehr künstlerische Möglichkeiten, eine andere Art der Zusammenarbeit.“
Mit zwei neuen Arbeiten und buschigem Holzfällervollbart ist Willem Dafoe im Oktober nach Wien gekommen, als Gast des Filmfestivals Viennale: mit zwei Gegenwartserzählungen, die aber stark historische Fluchtpunkte aufweisen. Die eine, Gastón Solnickis „The Souffleur“ (in Österreichs Programmkinos ab 13. Februar), fächert schrullig fantasierte Anekdoten aus dem Hotel Intercontinental auf, die andere – Kent Jones’ „Late Fame“ – eine doppelbödige New Yorker Geschichte, die auf einer nachgelassenen Novelle des Wiener Schriftstellers Arthur Schnitzler basiert. Er sei schon oft in Wien gewesen, sagt Dafoe. Aber seine Beziehung zu dieser Stadt habe sich „durch Gastóns Film sehr intensiviert. Es war eine kleine, aber immens wienerische Produktion. Wir hatten dauernd mit Dingen zu tun, die es wirklich nur in Wien geben kann, einen Schneider etwa, der wie aus der Zeit gefallen schien.“ Das Interconti sei in den Sixties in Wien ein „architektonisches Wunder“ gewesen, „eine hypermoderne Hotelwelt, die nun bedroht ist, der Vergangenheit angehört. Alles wird ersetzt werden: der Eislaufverein, die Kaffeekultur, die alten Läden.“
Seine inzwischen 70 Lebensjahre sieht und hört man ihm nicht an, Dafoe wirkt drahtig, quirlig und fit; seine um Genauigkeit und Ernsthaftigkeit bemühten Antworten klingen nie dogmatisch, und seine Weltsichten erscheinen alles andere als gestrig. Der Narzissmus, in dem sich viele seiner akklamierten Kollegen gut eingerichtet haben, ist Willem Dafoe sowieso wesensfremd.
Seine Herangehensweise an die Charaktere, die er spielt, beschreibt er in aller Bescheidenheit so: „Ich würde das, was ich tue, nicht als Arbeit an meinen Figuren bezeichnen. Es geht im Kern darum, seinen eigenen Weg in eine Welt zu finden. Dafür braucht man Kontakt zu anderen, eine Art Anker, der einen in die Welt einer fiktiven Erzählung bringt. Aber sobald man dort angekommen ist, muss man sich fallen lassen und ein anderes Leben erträumen. Legen Sie Ihre Identitätsprägungen beiseite und entwickeln Sie eine Neugier, die Sie zu einer anderen Art des Seins, einer anderen Art des Lebens führt. Vielleicht ist Schauspiel auch Empathie, aber vor allem ist es eine Übung.“
Raumsensibilität
Wie sehr Dafoe seinen Job liebt, merkt man schon daran, dass er darüber ganz anders spricht als die meisten seiner Zunft. Man betrete als Schauspieler den Raum einer Fiktion, sagt er: „Und alles hängt davon ab, was sich dort befindet, wie man den Raum betritt, sich dort einrichtet, und wie man sich darin verhält; ob man sensibel dafür ist, was der Raum einem präsentiert. Man versucht, eine Art von Feinfühligkeit zu entwickeln für das, was da ist. Nicht für das, was man vorzufinden wünscht, sondern für das, was tatsächlich da ist – und dann arbeitet man sich von da an weiter vor.“
Vieles entwickelt Dafoe mehr oder weniger spontan, am Drehort selbst. Zu „The Souffleur“ habe es kein klassisches Drehbuch gegeben. Aber er kenne diese Art zu arbeiten sehr gut. „Schauspielen hat mit Aktion, mit Performance zu tun, nicht so sehr mit Worten. Klar, auch Worte können Handlungen sein, aber tiefer betrachtet will man Dinge erreichen, auf diese hinarbeiten – nicht Dialoge interpretieren oder Psychologisches abspulen. Es geht darum, Dinge zu tun.“
Mit seinem Tun, das nie forciert, stets perfekt dosiert wirkt, beherrscht Dafoe „The Souffleur“; als einsamer Hotelmanager streift er durch die Korridore und Prunksäle des Interconti. Der argentinische Filmemacher Gastón Solnicki weiß, dass ein starker Protagonist und edle Bildgestaltung (an der Kamera: der portugiesische Arthouse-Profi Rui Poças) die halbe Miete sind. Leider hat er die andere Hälfte (Story, Dialoge, Figuren) offenbar unbezahlt gelassen, worüber er mit melancholisch intonierten Bach-Sonaten und einer vage lyrischen, „rätselvollen“ Textur hinwegzutäuschen versucht.
Zu den Grundfragen, die sich Dafoe stellt, ehe er ein Filmangebot annimmt, gehören diese: „Kann ich etwas Sinnvolles beitragen? Werde ich dabei etwas lernen? Und ganz grundlegend: Wird die Arbeit Spaß machen, mein Leben bereichern? Werde ich lernen, wie man, sagen wir: Falschgeld druckt?“ Er wolle neue Erfahrungen machen. „Öffne dein Herz, öffne deinen Geist! Ich weiß, ich klinge wie ein Hippie, aber es ist wirklich so.“
Sprung von der Klippe
Wenn ihm ein Projekt vorgeschlagen werde, betrachte er es grundsätzlich als Ganzes. Wer Regie führen werde, sei natürlich wesentlich – „denn wenn ich von einer Klippe springen soll, möchte ich, dass man die Kamera auch an der richtigen Stelle positioniert hat. Sonst zahlt sich das alles nicht aus.“
Und: „Wer auch immer bei mir Regie führt, muss eine ähnliche Neugier und Arbeitsmoral haben wie ich. Filme zu drehen kann Spaß machen, aber man muss dabei auch bereit sein, sich zu verändern. Das mag dramatisch klingen, ist es aber nicht wirklich. Es ist der Schlüssel. Ein gutes Projekt bietet Struktur, die einem aber die große Freiheit gibt, sich eine andere Art des Seins vorzustellen. Darin liegt die innere Kraft des Kinos – und eben nicht nur darin, Geschichten zu erzählen. Das Kino geht darüber hinaus. Es erforscht unsere Sicht auf die Welt. Und stellt uns die Frage, was zum Teufel wir eigentlich hier tun.“ Wenn in einer Filmfigur keine Verwandlung und keine Suche stattfinde, wenn man sich nicht mit Traumata, Ängsten oder Neugier auseinandersetzen könne, werde es öde.
An die transformatorische Wirkung guter Kunst glaubt Dafoe unbedingt. Denn sie könne verändern, wie Menschen denken. „Tatsächlich gibt es gerade so viele globale Krisen, dass ich in Interviews oft aufgefordert werde, mich zu bekennen, zu erklären, auf welcher Seite ich stehe. Ich ziehe es vor, dies nicht zu tun, weil man damit die Menschen nicht erreicht, mit denen man aber einen Dialog führen muss, nur diejenigen anspricht, die ohnehin schon meiner Meinung sind.“ Er könne also nichts Besseres tun, als sich dieser Kunstform zu verschreiben, die das Denken der Menschen herausfordere. „Denn all unseren Problemen liegen Fragen der Identität und des Besitzes zugrunde – und ein Mangel an Großzügigkeit gegenüber anderen. Das ist meist wirtschaftlich begründet. Aber in Wahrheit steckt das Unvermögen dahinter, sich die Situation anderer vorzustellen.“
Theater, Körper, Poesie
Der Überzeugung, dass jeder integre Kunstschaffende nur in einer Sache wirklich parteiisch sei, nämlich in jener des Humanismus, schließt sich Dafoe bedingungslos an: „Gemeinsam versuchen wir herauszufinden, wie wir das Beste aus der beschränkten Zeit machen können, die wir hier verbringen.“ In den späten 1970er-Jahren gehörte Dafoe zu den Gründungsmitgliedern der legendären New Yorker Theatertruppe The Wooster Group. Seine Begeisterung für die Bühnenkunst ist ungebrochen. Seit 2025 fungiert er als künstlerischer Leiter der Theaterbiennale in Venedig. Sein Motto im vergangenen Jahr lautete „Theater ist Körper, Körper ist Poesie“. Das klingt programmatisch: „Die Präsenz derer, die spielen, ist so zentral wie die soziale Situation, die eine Person herstellt, die auf einer Bühne öffentlich Dinge tut“, meint Dafoe. Tatsächlich erfüllt Theater ein Grundbedürfnis, es ist, könnte man sagen, ein genuin soziales Medium. Willem Dafoe stimmt zu: „Die Online-Plattformen bieten falsche Freiheiten, sie verschlechtern unsere Beziehungen. Und Theater bietet, auch wenn es dort Regeln gibt, ein Zusammenkommen. Es ist von großer Klarheit.“
In einem Interview hat er einst gesagt, er vertraue auf die Weisheit des Körpers. Dafoe erklärt dies mit einem Beispiel: „Während wir beide hier sitzen, ist mein Auge, um Sie zu sehen, mit zahllosen Anpassungen und chemischen Vorgängen beschäftigt. Mein Hirn hat damit nichts zu tun, nur mein Körper, ganz unbewusst. Eine Verbindung wird hergestellt, unabhängig von unseren spirituellen oder politischen Überzeugungen: Wir sind in Kontakt. Und wenn Sie nun Ihren Körper als einen Ort betrachten, der all diese Gaben, diese Kraft in sich trägt, sollten wir das zulassen und zum Ausdruck bringen. Deshalb kann Tanz, kann jede Geste so schön sein. Es geht nicht um Bedeutung, sondern um Ästhetik und Geheimnis. Ich meine, wer hat meiner Hand nahegelegt, diese Bewegung hier zu machen? Das ist doch ein Wunder! Everything’s a fucking miracle!“
Wenn man das Leben als einen Schauplatz des Staunens begreife, werde gegenseitiger Respekt folgen. „Wir könnten es auf Erden paradiesisch haben, aber darin sind wir bekanntlich nicht gut – weil wir, in unserer avancierten, produktiven, militaristischen, kontrollierenden und ausbeuterischen Gesellschaft, immer nur auf die Ergebnisse schauen. Wir wissen das Wunderbare, unsere Möglichkeiten nicht zu schätzen. So, das war jetzt meine kleine Predigt, die ich eigentlich gar nicht halten wollte.“
„Ich mache lächerliche Dinge!“
Und Dafoe schließt mit einem letzten Einblick in seine Arbeitsphilosophie: „Schauen Sie, als Schauspieler mache ich manchmal wirklich lächerliche, völlig alberne Dinge.“ Doch Kino sei eben auch eine Art der Unterhaltung. Aber in dem Begriff stecke etwas Nobles, Gemeinsames: Man unterstütze, erhalte etwas. Jemanden „unterhalten“, das heiße ja auch, für jemanden zu sorgen. „In unserer Welt ist Unterhaltung aber zu einer bloßen Realitätsflucht geworden. Das ist eine Perversion, denn Unterhaltung ist etwas Großartiges, das eine Verbindung herstellt – und es erlaubt, über sich selbst hinauszudenken, sich aus der Starrheit zu befreien.“
Dafoe erhebt sich, er muss weiter, zum Publikumsgespräch ins Gartenbaukino, die Viennale-Premiere sei gleich vorbei. „Ich wollte mich nicht in Spinnereien verlieren“, sagt er noch, als müsste er sich dafür entschuldigen, „aber wenn wir über solche Dinge sprechen, dann passiert das eben.“ Ein letztes Lächeln, eine schnelle Verabschiedung, dann ist er dahin, durch den Hotelgang, immer in Bewegung, auf zur nächsten Lockerungsübung.