Die Schauspielerin Vicky Krieps in dunkler Kleidung und strenger Frisur bei einer Preisverleihung
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„Hollywood ist ein Herrenbündnis“: Vicky Krieps über Schauspiel, Macht und Musik

Die Charakterdarstellerin Vicky Krieps legt, obwohl sie zu den gegenwärtig angesagtesten Hollywood-Protagonistinnen zählt, Wert auf Distanz zu Industrie und ihrem Ruhm. In Jim Jarmuschs neuem Film spielt sie die stille Revolte gegen eine dominante Mutter durch.

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Es war nicht abzusehen, wie steil der Aufstieg der Filmschauspielerin Vicky Krieps sich vollziehen würde, am wenigsten wohl für sie selbst. Das angeschlagene Vertrauen in die Intelligenz und Originalität des Mainstream-Kinobetriebs lässt sich mit dem Beispiel, das sie gibt, neu aufbauen: dass diese Karriere überhaupt stattfinden konnte in einer Branche, die – vorsichtig formuliert – nicht unmittelbar darauf abzielt, eigenwillige Persönlichkeiten und ungewöhnliche Spielstile zu fördern, stellt ein kleines Wunder dar.

Im besten Sinne wunderlich sind auch Vicky Krieps’ meist introvertierte Kinoauftritte: Es ist schlicht berückend, wie sie an der Seite des britischen Virtuosen Daniel Day-Lewis 2017 in „Phantom Thread“ zu strahlen und zu leiden vermag; wie sie als schreibblockierte Regisseurin in Mia Hansen-Løves „Bergman Island“ (2021) abzutauchen, in „Corsage“ (2022) den Existenzirrsinn der Kaiserin Sisi fühlbar zu machen, in Viggo Mortensens Western „The Dead Don’t Hurt“ (2023) zu magnetisieren weiß.

Krieps in historischem Kostüm vor einem Fenster, rauchend
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Neben ihrer unübersehbaren Begabung sei Krieps eigentlich ein Hippie, sagt die Wiener Regisseurin Marie Kreutzer, die mit der 1983 in Luxemburg geborenen Schauspielerin erst die Bobo-Komödie „Was hat uns bloß so ruiniert“ (2016), dann das postmoderne Kaiserinnendrama „Corsage“ (2022) gedreht hat – und man hört, wie liebevoll sie das meint.

Tatsächlich scheint Vicky Krieps stets einfach das zu machen, was ihr gerade in den Sinn kommt, an bürgerliche Übereinkünfte hält sie sich nicht, in aller Stille allerdings und absoluter Liebenswürdigkeit, ohne damit irgendwelche Grenzen verletzen zu wollen: Sie verschwendet schlicht keine Zeit damit, über soziale Handlungsempfehlungen intensiver nachzudenken. Sie spricht, wie und worüber sie mag, handelt nicht nach Strategie oder Karriereplan, bleibt bei sich. Damit ist sie in der Filmszene relativ allein, was sie aber, siehe oben, auch nicht weiter stört. Als Interviewpartnerin ist Vicky Krieps daher ein Geschenk: freundlich, offen und völlig unverstellt.

In der zweiten der drei Episoden, die „Father Mother Sister Brother“, den neuen Film der New Yorker Indie-Legende Jim Jarmusch (Kinostart: 27. Februar), bilden, spielt sie eine junge Frau, die von ihrer kontrollierenden Mutter (Charlotte Rampling) zum alljährlichen Essen vorgeladen wird und dort auch auf ihre ängstlich-angepasste Schwester (Cate Blanchett) trifft.

Innenraum-Filmszene mit Krieps (li., mit rosa gefärbtem Haar), Cate Blanchett und Charlotte Rampling (re. hinten)
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Jarmusch analysiert in „Father Mother Sister Brother“ mit großer Zartheit und sehr nuanciert drei Familienszenen – Konstellationen, in denen aneinander vorbeigeredet, beredt geschwiegen und verlegen vor sich hingeschaut wird. Aber zwischen den Zeilen, so blass sie sein mögen, steht Irritierendes geschrieben.

Aus Berlin, wo sie ihren Lebensmittelpunkt hat, schaltet sich Vicky Krieps für das profil-Gespräch zu. Und startet mit einer kühlen Einschätzung ihres beruflichen Umfelds.

Sie agieren seit bald zehn Jahren im Zentrum der amerikanischen Filmindustrie, haben inzwischen Hauptrollen für Paul Thomas Anderson, M. Night Shyamalan und nun eben auch Jim Jarmusch gespielt. Bedeutet Ihnen Hollywood etwas? Oder erscheint Ihnen das Entertainment-Business in seiner Wichtigtuerei bisweilen auch ein wenig lachhaft?

Vicky Krieps

Ich war einmal in einer Talkshow, da wurde ich gefragt, was ich von Hollywood halte. Ich sagte, das sei ein Verein, dem man nicht beitreten müsse. Hollywood ist wie ein Golf-Club, ein Herrenbündnis. Ich muss da nicht Mitglied sein.

Inzwischen steckt dieser Club in einer schweren Krise.

Krieps

Ja, dieser Maschine geht es vor allem finanziell schlecht. Und die meisten Leute haben mittlerweile schon das Weite gesucht, weil man gar nicht mehr leben kann in dieser viel zu teuren Stadt. Hollywood ist ein gutes Beispiel dafür, wie Kapitalismus schief gehen kann.

Stefan Grissemann

Stefan Grissemann

leitet seit 2002 das Kulturressort des profil. Freut sich über befremdliche Kunst, anstrengende Musik und waghalsige Filme.