Sie halten sich auch von Fernsehen und Streaming relativ fern.
Krieps
Ich habe jetzt meine erste Serie gemacht. „Monster“ heißt sie, eine Netflix-Serie von Ryan Murphy. Dazu hat er mich überredet. Aber das ist schon hart. Ich weiß nicht, ob die alle so arbeiten, aber Netflix ist nicht meins. Es gibt nie Zeit, man ist endlos gebunden, macht dauernd Überstunden.
Eine Figur, die sich Ihnen erschließen soll, meinten Sie einmal, müsse von Anfang an mit Ihnen reden. War das im Fall von „Father Mother Sister Brother“ wieder so?
Krieps
Klar. Die Figur der Lilith hat viel mit mir zu tun, auch mit meiner jüngeren Schwester. Ich hätte gute Lust gehabt, noch viel mehr Quatsch zu machen, musste mich richtig zurückhalten, um nicht den Kuchen an die Wand zu schmeißen. Weil es verlockend gewesen wäre, gegen die erdrückende Stimmung in diesen Szenen zu rebellieren: Warum reden hier alle so komisch?
Sie treten in Ihren Filmen meist sehr zurückhaltend auf. Für entfesseltes Schauspiel sind Sie nicht bekannt.
Krieps
Lustig, Cate Blanchett hat das auch erwähnt. Wir gingen nach den Dreharbeiten abends immer zum Inder, weil Jim Vegetarier ist. Da saßen wir also, und plötzlich sagt sie: „Hey Vicky, ich glaube, Jim ist der Erste, der uns so besetzt hat, wie wir wirklich sind.“ Cate wird ja gern in besonders extrovertierten, durchgedrehten Rollen besetzt, ist aber eigentlich ein totaler Streber. Sie ist sehr zurückhaltend, ein Kontrollfreak und in allem ganz genau, wie die Frau eben, die sie in „Father Mother Sister Brother“ spielt. Und ich kriege tatsächlich oft zurückhaltende, kontrollierte Figuren angeboten, bin aber im echten Leben sehr undiszipliniert: Ich lerne meinen Text nicht, unterhalte mich am Set mit dem Tonmann und lege meine Füße auf irgendwelche Tische.
Woher kommt dann die Zurückhaltung in Ihrem Spiel? Es wirkt, als wollten Sie nicht alles, was eine Figur ausmacht, gleich offenbaren. Als ginge es darum, ein Geheimnis zu bewahren, Ihre Figuren nicht so sehr zu erklären, als vielmehr zu beschützen?
Krieps
Ja, das ist genau so. Ich beschütze sie. Im echten Leben ist es doch auch so, dass wir uns schützen und zurückhalten. Außerdem entsteht da etwas: Wenn ich Ihnen nicht direkt sage, wer oder was ich bin, entsteht etwas zwischen uns, etwas Gemeinsames. Wenn ich ganz klar mache, wer ich bin, füllt das den Raum. Dann geht es nur darum, wer ich bin. Wenn ich das zurückhalte, ist der Raum mit Ihnen und mir gefüllt. Dann entsteht etwas Drittes. Und das ist das eigentlich Spannende.
Sie haben „Father Mother Sister Brother“ in Dublin gedreht, um mit Cate Blanchett und Charlotte Rampling vor der Kamera an einem Tisch zu sitzen …
Krieps
Es war ein Traum! Ich bin jedes Mal sitzen geblieben, solange ich konnte, einfach nur um den beiden und Jim bei der Arbeit zuzuschauen. Es war inspirierend und bereichernd.
Sie spielen mit diesen beiden großartigen weiblichen Filmstars; vor ein paar Jahren haben Sie für Marie Kreutzer die Leiden der Kaiserin Sisi ins Auge gefasst, drehen häufig mit Regisseurinnen. Verstehen Sie Ihre Arbeit als feministisch?
Krieps
Schon. Jede Frau, die heute lebt, nachdenkt und offen ihre Meinung sagt, ist Feministin. Aber vor allem bin ich Humanistin. Ich habe ja auch eine Tochter, mit der ich über weibliche Identität spreche. Am Ende geht es aber um Dialog, um die Frage, wie wir alle zusammenfinden können.
Wie führt Jim Jarmusch Regie? Bittet er um die Zurückhaltung, das Understatement, das in seinen Filmen ist?
Krieps
Er sagt sehr wenig. Jim ist bescheiden, anerkennend und dankbar, dass man da ist als Schauspielerin – und er gibt auch gerne zu, dass er manchmal gar nicht so genau weiß, was er will. Er wartet oft auf Vorschläge, um herauszufinden, wohin die Reise gehen soll. Als wüsste er gar nicht, wo seine Dialoge herkommen. Aber wenn man den Film dann sieht, erscheint er natürlich doch sehr kalkuliert. Und da liegt seine Kunst.
Was ist gute Regie für Sie? Wenn sie Ihnen Freiheit lässt? Oder arbeiten Sie lieber mit präzisen Vorgaben?
Krieps
Ich kann mit Freiheit gut umgehen. Ich mag auch Ansagen, aber die müssen ehrlich sein. Beim Filmemachen dreht sich alles um die Frage, ob man sein Ego ausschalten kann oder nicht. Und das gilt für beide Seiten. Ich merke einem Menschen an, ob er gerade mit sich selbst beschäftigt ist oder wirklich bei mir ist. Beim Schauspielen ist es genauso.
Wenn jemand wie Jarmusch anruft: Ist da schon fast egal, welches Projekt er vorschlägt? Macht man auf jeden Fall, oder?
Krieps
Ja! Jim ist das einzige Vorbild, das ich je hatte. Er hat die Rolle der Lilith für mich geschrieben, was schon unglaublich ist. Aber ich hätte für ihn alles gemacht, ihm auch einfach nur assistiert.
Sie haben also einen zweiten idealen Regisseur gefunden. Als wir zuletzt miteinander sprachen, meinten Sie noch, das sei Paul Thomas Anderson.
Krieps
Ja, stimmt. Und ich habe damals auch gesagt, Marie Kreutzer komme ihm nahe. Alle drei lassen beim Drehen ihre Egos zu Hause. Wie sie das anstellen, weiß ich nicht. Sie haben ganz klare Vorstellungen, aber sie geben mir auch den Raum, Eigenes einzubringen. So wird die Arbeit zu einer Kollaboration, denn Regie ist keine Vorschrift.
Sie haben keinen Karriereplan, sind keine Strategin Ihres Erfolgs. Geht Ihr Welterfolg vielleicht gerade darauf zurück, dass er nicht so akribisch geplant ist?
Krieps
Mein zentraler Strategiepunkt lautet: Wie kann ich Zeit mit meinen Kindern verbringen? Wie schaffe ich es, nicht zu drehen, wenn sie Urlaub haben? Das beschert mir das meiste Kopfzerbrechen. Wie kriege ich es hin, davon leben zu können und dennoch genug Zeit mit den Kindern zu haben? Das beeinflusst viele Entscheidungen. Und dann lasse ich alles weg, was ich für ein bisschen langweilig halte oder schon gemacht habe. Da bin ich ziemlich radikal in meinen Entscheidungen.
Es fällt tatsächlich auf, dass Sie ungewöhnliche Projekte suchen.
Krieps
Ich war unlängst in L.A., habe da gedreht, zeitgleich fanden all diese Golden-Globes-Veranstaltungen statt. Ich war nicht bei der Gala, aber ich war bei einem Screening davor, und da fragten mich Leute, was ich als nächstes machen werde. Ich sagte: einen Film in Paris, mit einer Regisseurin, die kein Mensch kennt, und einem Budget, das so verschwindend ist, dass ich gar nicht weiß, ob wir überhaupt bezahlt werden. Das wird eine Liebesgeschichte mit Happy End. Nichts daran ist schockierend, aber alle schauten mich an, als hätte ich etwas Unfassbares gesagt. Weil alle so gewöhnt sind, dass man immer Krasseres zu bieten hat: Ich spiele einen Serienmörder oder drehe mit Leonardo DiCaprio. Das wollen sie hören.
Sie produzieren seit ein paar Jahren auch Filme. Sind das vorläufig nur Hilfeleistungen, oder wollen Sie langfristig umsatteln?
Krieps
Im Moment sind das bloß Hilfeleistungen. Aber es ist tatsächlich mein Wunsch, auch Neues zu probieren – aber wenn man Kinder hat, muss das halt warten. Wenn ich Glück habe, wird das ernster, sonst eben nicht. Ich kann es nicht erzwingen. Ich habe eine Produktionsfirma in Luxemburg, und ich würde auch gern einen eigenen Film schreiben und inszenieren. Aber der Moment ist noch nicht gekommen. Ich habe dafür gerade weder Zeit noch Ressourcen.
Sie arbeiten als Künstlerin in einer kaputten Welt. Verstehen Sie sich auch als Teil einer Gegenutopie? Kann Ihre Arbeit etwas dagegensetzen?
Krieps
Humor ist ein extrem wichtiger Faktor. Alles in Frage und auf den Kopf zu stellen, die Worte auseinanderzunehmen: Das hilft dabei, in dieser Welt zu leben.
Ich finde es immer seltsam, wenn Leute meinen, Kunst könne nichts verändern. Was in den Köpfen der Menschen etwas bewegt, verändert auch die Welt.
Krieps
Das ist längst bewiesen. Deshalb wird in autoritären Regimen stets als erstes die Kunst abgeschafft. Weil sie eine Gefahr darstellt.
Diktatoren haben offenbar vor nichts so große Angst wie vor Künstlerinnen und Künstlern.
Krieps
Weil wir Ausdrucksformen haben für Gefühle und Meinungen. Ich kann auf eine Bühne gehen und 300 Leute dazu bewegen, dasselbe fühlen. Darin bin ich unglaublich mächtig.
Wie bereiten Sie sich auf Rollen vor?
Krieps
Es kommt darauf an, wer die Figur ist und was sie will. Ich habe einmal die Frau von Karl Marx gespielt, da habe ich extrem viel recherchiert, denn um sie zu verstehen, musste ich ihn verstehen. Sie lebte ja für ihn, hatte ihm zuliebe ihr eigenes Leben aufgegeben. Aber oft bereite ich mich eher intuitiv vor, mit einer Mischung aus Spazierengehen und Gedichte lesen.
Sie sind in Ihrer Rollenwahl recht furchtlos, spielen Kaiserin Elisabeth, Jenny Marx, Ingeborg Bachmann. Das sind Aufgaben, die andere überfordern würden. Gehen Sie an historische Figuren mit größerem Respekt?
Krieps
Schon, aber am Ende, wenn ich will, dass es gut wird, muss ich springen und loslassen. Bei Bachmann zum Beispiel habe ich gemerkt, ich kann jetzt nicht weiterlesen, weil ich ihr so nah war. Es klingt bescheuert, aber manchmal fühlt es sich so an, als würde die Person mit mir reden, als wollte sie, dass ich sie spiele. Ingeborg Bachmann habe ich unbewusst derart tief verstanden, dass ich zu lesen aufhören musste, weil es so traurig war. Da hat sich ein Abgrund aufgetan. Ich habe ihre Bücher und Texte erst zum Dreh wieder herangeholt.
Passiert es Ihnen, dass Sie in bestimmten Figuren hängen bleiben, dass Sie Schwierigkeiten haben, sie hinter sich zu lassen?
Krieps
Ja, das ging mir zuletzt bei „Love Me Tender“ so. Aber ich habe über die Jahre ein System entwickelt: Ich schreibe für jede Figur, die ich darstelle, einen Song auf der Gitarre. Und dieses Lied zu spielen und zu singen hilft mir dann, sie loszulassen.
Sie schreiben Songs, um Ihre Filmfiguren zu exorzieren?
Krieps
Ja. Ich habe inzwischen ein Album aufgenommen, aber wieder einmal unabhängig und alleine, alles selbst finanziert. Jetzt weiß ich nicht, was ich damit machen soll.
Veröffentlichen?
Krieps
Ja, aber ich weiß nicht wie. Soll ich einfach Platten pressen lassen? Na ja, egal. Es wird sich weisen. Wie immer.