Chalamets Musikaffinität ist bekannt, für seine (auch vokale) Darstellung Bob Dylans in dem Biopic „Like a Complete Unknown“ (2024) verdiente er sich gar eine Grammy-Nominierung – und die Idee, er könnte hinter dem mysteriös maskierten britischen Rapper EsDeeKid stecken, erregte 2025 die Fantasie seiner Fans grundlos, aber monatelang.
Eitelkeit gut kontrollieren!
Seine Kernkompetenz, die Schauspielerei, betreibt Chalamet charakteristisch smart: Er wählt seine Rollen genau und legt spektakuläres Material gern unspektakulär, also vergleichsweise hintergründig an. Zu den entscheidenden Bedingungen seines Erfolgs gehört der unbedingte Willen, seiner Eitelkeit, von der er weiß, dass er sie nicht loswerden kann, niemals den Raum zu gewähren, sich unkontrolliert zu entfalten. Als 13-Jähriger stand er bereits vor einer Kamera, erwies sich in Fernsehserien wie „Law & Order“ und „Homeland“ als Schauspielnachwuchs mit stabiler Präsenz. Luca Guadagninos queerer Liebesfilm „Call Me By Your Name“ (2017), in dem Chalamet erstmals unübersehbar differenziert agierte, dynamisierte seine Kinolaufbahn. Er ließ sich von Greta Gerwig, Woody Allen und Wes Anderson engagieren, ehe er 2021 in seinem ersten Blockbuster, dem SciFi-Wüstenepos „Dune“, landete. Dennoch zog er wieder in die Independent- und Arthouse-Nische zurück, drehte mit Adam McKay („Don’t Look Up“) und noch einmal mit Luca Guadagnino („Bones and All“), gönnte sich danach zwei weitere Industriefilme („Wonka“ sowie ein „Dune“-Sequel), bevor er schlagzeilenträchtig zu Dylan und Mauser abbog.
Der Erfolg blieb ihm treu: Einen Golden Globe hat er seit ein paar Wochen zu Hause stehen, auf vier Oscar-Nominierungen blickt er zurück, zwei davon – als Hauptdarsteller und als Produzent – könnte er Mitte März in Hollywood mit etwas Glück wie aufgelegte Elfmeter verwandeln: In der Kategorie „Best Actor in a Leading Role“ wird ihm wohl nur Kollege DiCaprio und dessen Performance in „One Battle After Another“ ernsthaft im Weg stehen können. In dem Film „Marty Supreme“, der mit neun Nominierungen zu den favorisierten Produktionen der 98. Oscar-Gala gehört, spielt Chalamet einen gewissen Marty Mauser, der als Tischtennis-Talent, troublemaker und Trickster in New York während der 1950er-Jahre sein Unwesen trieb.
Die Figur ist unsanft an die reale Biografie des 2012 verstorbenen Ping-Pong-Artisten Marty Reisman gelehnt: die Geschichte eines Mannes, der alles daransetzte, zu Ruhm und Reichtum zu kommen, kleine Betrügereien und grenzlegale Geschäfte ausdrücklich erstrebt. Neuerdings hat Chalamet offenbar daran Gefallen gefunden, charismatische Arschlöcher und asoziale Egomanen (Bob Dylan, Marty Supreme) so zu spielen, dass man gegen alle Vernunft zu ihnen hält.
Was immer man Ihnen auch erzählt haben mag: „Marty Supreme“ ist kein Film über Tischtennis, eher einer mit Tischtennis. Die üblichen sportfilmischen Dramaturgien sind ausgeblendet – und im Mittelteil der Erzählung, in dem Mauser eine Schauspieldiva im Karrieretief (Gwyneth Paltrow) verführt, verlieren Regie und Drehbuch die Rückschlagsportart aus den Augen.
„Marty Supreme“, inszeniert von dem New Yorker Filmemacher Josh Safdie („Good Time“, „Uncut Gems“), ist ein Trommelfeuer der Ideen, ein meisterhaft abwegiger Parforce-Ritt durch die Untiefen eines riskant geführten Lebens. Die Erregung eines gewissen Schwindels ist hier eingepreist: Safdie entwirft eine labyrinthische Geschichte über Sport, Klassenunterschiede und Ehrgeiz, über jüdische Identität und Manhattans Fifties – eine tragikomisch-philosophische Schnitzeljagd.
Schlamassel-Serie
Der Regisseur und sein Team schwelgen in den ethischen, psychologischen und kriminellen Grauzonen dieser hochmobilen Charakterstudie, in den immer gefährlicher werdenden Missgeschicken ihres Protagonisten. Und es ist am Ende vor allem die verblüffende Performance Chalamets, die einen an dieser ungeheuerlichen Schlamassel-Serie eines wenig einnehmenden, aber nicht zu fassenden Betrügers und Besserwissers nicht verzweifeln lässt.