Gründlich unergründlich: Neues von der Folk-Eigenbrötlerin Aldous Harding
Den unverfälscht authentischen Ausdruck, den das Folk-Genre oft vor sich her trägt, belächelt Aldous Harding verschmitzt aus dem selbst geschaffenen Off. Die Singer-Songwriterin verhandelt zutiefst Persönliches bevorzugt durch Übertragung ins Verrätselte und Surreale; sie widmet sich den wundersamen Aspekten der Existenz. Auf ihrem fünften Album, „Train on the Island“, geht es um imaginierte Begegnungen, fremde Tagträume und gefühlte Erinnerungen – um nackte Eulen, verspeiste Steine oder Gebete für Incels sowie um eine bislang sträflich unerforschte Frage: „Was sagt man, wenn man blaue Frauen trifft?“
Mit schalkhaftem Unterton und schnörkellos kraftvoller Poesie verquirlt die Neuseeländerin Ausgedachtes und Alltagserlebtes ineinander. Unablässig skizziert sie erträumte Charaktere, justiert dabei Stimmfarbe, Vortragsstil und Vokabular nach Belieben: von Song zu Song, mitunter von Strophe zu Strophe. Dass all das unmittelbar einleuchtet, liegt daran, dass sich die 36-Jährige übers fantasiebegabte Gschichtldrucken hinaus aufs Liederschreiben mit erheblicher Raffinesse versteht. Die mit PJ-Harvey-Kollaborateur John Parish erarbeiteten Kompositionen sind sanft und spartanisch, geerdet und psychedelisch, eine ausgeprägte Lust an harmonischen Erkundungsgängen ist ihnen eigen.
Bloß nicht in Erwartbarkeit erstarren, die hat keinen Platz auf der Zugreise in ein Zwischenreich, das heimelig und befremdlich zugleich anmutet.. Diese unergründliche Randgängerin und ihre mesmerisierende Fabulierkunst lassen uns mit einer berechtigten Vermutung zurück: dass Authentizität einfach nur eine Maske ist. Bisweilen sogar eine blaue.