Schwarzweiße Aufnahme der Schauspielerin Sandra Hüller: Sie trägt einen Hut, blickt in die Ferne, ein Band hängt ihr aus dem Mundwinkel
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Bären-Chancen: Österreichs Filmszene rockt die Berlinale

Chancen auf den Goldenen Bären? Markus Schleinzer denkt über die historische Gewalt der Geschlechterzuschreibung nach, Tizza Covi & Rainer Frimmel machen das Wiener Blues-Original Al Cook zu ihrem Star. Zwei gewinnende Austro-Produktionen im Wettbewerb der Filmfestspiele Berlin.

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Im feinen Anzug steht er inmitten des Berlinale-Palasts, die silbergraue Rock’n’Roll-Frisur mit Haarspray gut fixiert. Der tosende Applaus des Publikums um ihn herum scheint ihn nicht über Gebühr zu beeindrucken, lediglich ein mildes Lächeln huscht ihm übers Gesicht: Der Wiener Alois Koch, als Al Cook seit den mittleren 1960er-Jahren ein Fixpunkt in Österreichs Blues- und Rockabilly-Szene, feiert hier gerade sein Kinodebüt – im zarten Alter von 80 Jahren.

Mit minutenlangen Standing Ovations wurden er und sein Regie-Duo – Tizza Covi und Rainer Frimmel – am vergangenen Donnerstagnachmittag am Schauplatz der Film-Weltpremiere gefeiert: „The Loneliest Man in Town“ ist Teil des Berlinale-Wettbewerbs um den – am Abend des 21. Februar zu verleihenden – Goldenen Bären; die Low-Budget-Produktion zeichnet einerseits liebevoll Kochs Biografie nach (er spielt sich darin in hohem Maße selbst), setzt diese aber in eine fiktionale Story von Einsamkeit, Wohnungsverlust und Amerika-Sehnsucht.

Der Wiener Musiker Al Cook, vor blauer Wand flankiert von dem Regie-Duo Tizza Covi und Rainer Frimmel
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Covi und Frimmel („Vera“) haben bereits Erfahrung in dieser hybriden Art des Filmemachens: In ihren Filmen wird das dokumentarische Beobachten mit inszenierten Spielszenen vernäht, erwächst eine alternative, genuin charmante Form des poetischen Realismus, der in diesem Fall den lakonisch-humanistischen Kinoerzählungen des Finnen Aki Kaurismäki nahe ist.

Al Cook alias Alois Koch mit silberner akustischer Gitarre in einer Au-Landschaft
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Härter – und auf diesem Festival ebenso heftig akklamiert – geht der österreichische Regisseur und Autor Markus Schleinzer („Michael“; „Angelo“) ans Werk (die Berlinale ist heuer so reich an Austro-Filmen wie selten: In anderen Sektionen laufen neue Filme unter anderem von Ruth Beckermann, Adrian Goiginger und Ulrike Ottinger): In „Rose“, seinem dritten Spielfilm, wagt sich Schleinzer ins 17. Jahrhundert, in die fremde und unwirtliche Welt des vom Dreißigjährigen Krieg erschütterten Deutschland. Die Titelheldin, kompromisslos verkörpert von der Ausnahmeschauspielerin Sandra Hüller, versucht als Mann durchs Leben zu kommen, sich eine Existenz aufzubauen, denn die Hosen, die sie trägt, bieten ihr in patriarchalen Verhältnissen mehr Freiheiten. Als sie sich gezwungen sieht, das Angebot einer Verehelichung anzunehmen, wird es für die Kriegsheimkehrerin zunehmend schwieriger, die maskuline Fassade aufrechtzuerhalten.

Schleinzers ästhetischer Zugang ist streng: In harten, präzise komponierten Schwarzweißbildern (an der Kamera: Gerald Kerkletz) und einer artistisch nachempfundenen historischen Diktion entfaltet sich das Drama einer Frau, die nichts als ein normales Leben will, aber an den Mob gerät, der sich „Gemeinschaft“ nennt.

Der Wiener Regisseur Markus Schleinzer steht vor einer blauen Fotowand, breitet die Arme hinter den Schauspielerinnen Caro Braun (li.) und Sandra Hüller aus
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„Rose“ orientiert sich an exquisiten filmhistorischen Vorbildern, am radikalen Existenzialismus des Ungarn Béla Tarr, am modellhaften Schauspiel des Franzosen Robert Bresson und den transzendenten Erlösungsdramen des Dänen Carl Theodor Dreyer. Schleinzer wiegt das Grauen, von dem sein Film kündet, mit einer formalen Meisterschaft auf, die nicht nur im österreichischen Kino selten ist.

Stefan Grissemann

Stefan Grissemann

leitet seit 2002 das Kulturressort des profil. Freut sich über befremdliche Kunst, anstrengende Musik und waghalsige Filme.