Anna Müller und Paul Wallner von HVOB

Anna Müller und Paul Wallner sind HVOB

© Andreas Jakwerth

Pop
04/02/2022

Wiener Elektroduo HVOB: Zuerst die Welt

HVOB ist derzeit Österreichs wichtigster Popmusik-Export. Warum spielt das global gefeierte Elektroduo hierzulande so gut wie keine Rolle?

von Philip Dulle, Lena Leibetseder

Ein Name wie ein Versprechen – vier Buchstaben, die seit Jahren für übervolle Tanzflächen bürgen. HVOB steht für Her Voice Over Boys. Denn: Hier zählt zuerst die Frauenstimme, dann erst dürfen die Buben an die Soundregler. Anna Müller und Paul Wallner sind HVOB. Seit zehn Jahren werkt das Wiener Duo an seiner ganz eigenen Version globaler Clubmusik, die in Wien und Österreich verankert ist, jedoch stets fürs internationale Parkett angelegt war – und in Berlin, New York und Sydney gleichermaßen funktioniert. Im heimischen Popzirkus stellen HVOB also den Sonderfall dar; an vergleichbarer internationaler Strahlkraft lassen es die vom heimischen Feuilleton abgefeierten Lokalhelden wie Wanda, Bilderbuch und Der Nino aus Wien mangeln. Der organische HVOB-Techno-Sound mit Pop-Appeal, der gleichermaßen für Musiknerds wie für Feierwütige funktioniert, wird längst global gerühmt – beim legendären kalifornischen Burning Man Festival wie beim japanischen Fuji Rock, in Hongkong, Seoul und Barcelona. Weltberühmt in Österreich? Das war für HVOB, so stellt es sich nach zehn Jahren Popmusik-Karriere zwischen ausverkauften Tourneen und internationalem Prestige dar, keine Option. Wie kam’s? Und: Warum wird das Duo in unseren Breitengraden noch immer als Geheimtipp gehandelt? Vier Erklärungsversuche.

Nischenweltstars

Die Popstarwerdung von Anna Müller und Paul Wallner begann auf dem Nischen-Streamingportal Soundcloud und ihrem ersten Song „Dogs“, der die beiden 2012 unerwartet ins internationale Club-Rampenlicht katapultierte. „Dogs“ setzt sich aus einer melancholischen Frauenstimme, verspielten Midtempo-Beats und sanften Soundflächen zusammen. Die populäre Variante des Berliner Minimal-Techno klingt hier noch im Widerhall und als Zitat wider, wenngleich in den frühen fünfeinhalb Minuten HVOB-Musik bereits ein unverkennbarer, einen regelrechten Sog entwickelnder Sound durchklingt. Inzwischen wird die Vinyl-Single auf dem Tonträger-Marktplatz Discogs um rund 100 Euro gehandelt. Vor dem Projekt HVOB spielte Wallner in unterschiedlichen österreichischen Gitarrenrock-Bands, unter anderem bei Herbstrock mit Sängerin Anna Müller. HVOB entwickelten ihren Sound bald Stück für Stück weiter; die Beats wurden härter, die Visuals traten immer mehr in den Vordergrund. 2017 dann ein weiterer Popkultur-Ritterschlag: Winston Marshall, Gitarrist der überaus erfolgreichen Indie-Folkrock-Stadionband Mumford & Sons, wollte partout eine Kollaboration mit dem Duo eingehen. Die Folge: das Album „Silk“. Während HVOB in den vergangenen Jahren stetig am eigenen Stil, an der Außenwirkung, an Image und perfekter Inszenierung werkelten, hat sich die grundsätzliche Arbeitsteilung der Band bis heute kaum geändert; Müller komponiert, produziert und singt. Die Endproduktion erfolgt in enger Zusammenarbeit mit Wallner in seinem Wiener Studio.

Musikgesamtkunstwerk

Einblicke in den Maschinenraum von HVOB. Man erreicht Anna Müller und Paul Wallner per Telefon in einem Wiener Proberaum. Die Zeit ist knapp bemessen, die beiden sind bestens gelaunt. Immerhin steckt das Duo vor dem aktuellen Album-Release „TOO“ mitten in den Proben zur Tournee. Derzeit geht es um die Lichtshow, einen wesentlichen Aspekt ihrer Konzerte. Die Bühne, erzählt Müller, wurde mit einem 3D-Programm nachgebaut, die HVOB-Mitglieder samt Live-Band sollen als Roboter-Männchen sichtbar sein. Später wird das Spektakel in einer Halle aufgebaut und durchchoreografiert. „Das ist für uns immer super spannend“, sagt Müller: „Es ist der einzige Moment, in dem wir die Show selber auch sehen können.“ Spontaneität sei dennoch möglich. Dafür sorgt die ausgeklügelte Technik, bei der die Lichter und neuartigen Laser auf direktem Weg mit der Musik interagieren. 

HVOB hat sich längst zu einem ganzheitlichen Kunstprojekt entwickelt. Müller und Wallner haben sich zu Beginn der Pandemie etwa Stefan Zweigs Novelle „Angst“ für eine Hörspiel-Neuinterpretation im Deutschlandfunk Kultur vorgeknöpft und die Komposition übernommen. Weitere Arbeiten an Filmsoundtracks kann sich das Wiener Duo auch in Zukunft vorstellen. Müller war mit ihrem Soundtrack zum Dokumentarfilm „Attention – A Life in Extremes“ (2014) bereits für den Österreichischen Filmpreis nominiert. 

Bloß keine Hits!

Es gab in Österreich nie einen HVOB-Hype. Die Songs der Band sind auf Ö3 so gut wie nie zu hören – dennoch ist HVOB umfassend präsent. Der Erfolg ist das Ergebnis jahrelanger, harter Arbeit. „Das Projekt ist langsam und natürlich gewachsen, deswegen ist es nachhaltig. Es muss ja auch gar nicht nach oben ausschlagen. Wir finden es im Grunde schön, dass wir nie Hits hatten“, so Müller und Wallner unisono. Die beiden folgen ihrem Bauchgefühl, nicht „irgendwelchen Trends“. Authentizität als dominanter Faktor. „Deswegen sind wir auch in jeden einzelnen Arbeitsprozess involviert: Cover, Ton, Plakat, Licht – unser Name steht drauf, deswegen muss auch unsere Unterschrift daruntergesetzt werden“, sagt Wallner.

Eine Nominierung für den österreichischen Musikpreis Amadeus in der Kategorie „Electronic/Dance by KRONEHIT“ lehnte das Duo 2014 ab – und sorgte für einige mediale Aufregung. „Wir möchten keinen Preis in einer Kategorie bekommen“, replizierte das Duo in einer Mail an die Veranstalter und auf Facebook nach Bekanntgabe der Nominierung, „die ihre wichtigste Aufgabe darin sieht, die plumpsten Marketingbedürfnisse eines (und zwar eines unserer Meinung nach alles andere als geeigneten) Partners auf dem Rücken österreichischer Bands zu befriedigen.“ Kritik übten Müller und Wallner nicht am Award an sich oder der Jury, sondern am Hinweis „by KRONEHIT“. Grundsätzlich finden sie den Amadeus Award in Ordnung, fungiert er doch auch als Schlaglicht für österreichische Musik abseits des Wanda-Bilderbuch-Komplexes.

Herkunft und Nationalität sind für HVOB ohnehin vernachlässigbare Kategorien: „Wir gehen nicht damit hausieren, dass wir aus Österreich sind.“ Verstecken würden sie ihre Abstammung aber auch nicht: „Es ist uns nicht so wichtig, dass wir aus Österreich kommen. Wir stehen dem neutral gegenüber. Es ist schön, dass das historisch in der elektronischen Musik noch viel weniger eine Rolle spielt als in anderen Genres.“ Entkoppelt von Background- und Randparametern sollen die Musik und das Live-Erlebnis für sich selbst stehen. Die Vorgabe wendet HVOB nicht nur auf sich selbst, sondern auch auf das Publikum an: „In vielen Ländern, in denen wir spielen, sind wir mit der Politik nicht einverstanden. Aber wir spielen für die Menschen, nicht für die Politik oder das Regime in einem Land“, sagt Müller. „Und wenn wir ganz streng wären, hätten wir in gewissen Zeiten in Österreich ebenfalls nicht spielen dürfen. Da müssen wir auch vor unserer eigenen Haustür kehren.“ 

Ende der Pandemie

Jetzt also „TOO“. Das fünfte Studioalbum von HVOB, das kommenden Freitag veröffentlicht wird, hebt an mit einem Versprechen und süchtig machendem Beat, der zum Tanzen – sprich: zum Leben und Feiern – einlädt. „Bruise“ heißt der Eröffnungstrack, dauert fünf Minuten und 52 Sekunden und läutet irgendwie das Ende der unsäglichen Pandemie ein. Blaue Flecken, so ließe sich der Titel ins Deutsche übersetzen, haben wir alle von den beiden Jahren im Ausnahmezustand davongetragen. Die Frage ist nur, wie wir damit umgehen und weitermachen. Im Video zum Song sind zwölf Menschen zu sehen, die sich in verwaisten Fabrikhallen den Schmerz der Pandemie von der Seele tanzen. Für HVOB ist „TOO“ inhaltlich wie musikalisch eine Weiterentwicklung: Verarbeiteten Müller und Wallner 2019 noch Trauer und Schmerz einer unmöglichen Liebe in ihrem Trennungsalbum „Rocco“, geht es nun um die großen Zusammenhänge in einer neuen Normalität, welche die Vor-Corona-Zeit als Schatten und Zitat wahrnimmt. Die acht neuen Tracks auf „TOO“, die teils schon veröffentlicht und mit eindrücklichen Videos untermalt wurden, spiegeln den Seelenzustand einer Generation, die nirgends dazuzugehören scheint – und von eigenen und fremden Erwartungen zerrieben wird (wie im Song „Kid Anthem“). 

Es sind aufbrausende, zornige, aber auch verletzliche Hymnen der Selbstfindung („A Piece of Me“), die zwischen Rückzug und Aufbruch („Capture Casa“), zwischen Vereinzelung und Massenhysterie („Gluttony“) changieren. Soundtechnisch ist „TOO“ nicht nur ein wilder Ritt zwischen Extremen, sondern gibt auch Einblick in die enorme Bandbreite, die sich HVOB über die vergangenen Jahre erarbeitet haben; atmosphärische Soundlandschaften wechseln sich mit düsteren Elektro-Beats ab, Indie-Versatzstücke („2:16“) krachen auf radiotaugliche Techno-Beats („Eyes Alive“) –  und über allem schwebt die eindringliche Stimme von Anna Müller. Der Live-Sound, den sie 2021 auf ihrem Zeitdokument „Live in London“ mit eigenem Tour-Schlagzeuger festhielten, findet auch auf „TOO“ Widerhall; die Tracks bleiben organisch und atmen. Erstarren nicht in einer cleanen Studioatmosphäre. 

Eine letzte Nachfrage: Gibt es einen künstlerischen Lebensplan? Eigentlich nicht, meinen die beiden. „Es soll hoffentlich lange und konstant weitergehen.“ Das sei der Plan. „Künstlerisch haben wir bis zu dem Tag, an dem wir uns an die neue Platte setzen, keine fixe Vorstellung, wohin sich die neuen Tracks entwickeln sollen.“ Das passiere ohnehin von selbst. 
Auf breite Anerkennung wartet HVOB in Österreich noch immer. Ob „TOO“ daran etwas ändern wird, muss bezweifelt werden. Im April startet die Welttournee des Duos. Wieder werden Anna Müller und Paul Wallner mit ihrer Entourage von Land zu Land, von Kontinent zu Kontinent fliegen und mit ihrer Musik Menschen zusammenbringen. Sie vertrauen weiter auf ihr Bauchgefühl. 

Hinter der Geschichte

Endlich wieder tanzen! Das dachten Lena Leibetseder (aktueller HVOB-Lieblingssong: „Panama“) und Philip Dulle („A Piece of Me“), während sie für diese Geschichte recherchierten und die Songs von HVOB auf Dauerrotation hörten. Von Müller und Wallner war jedenfalls zu lernen: Das Leben darf auch eine Tanzfläche sein.