Musikerin Ebow

Musikerin Ebow: Ermächtigungshymne gegen die Entfremdung im eigenen Land

© Marko Mestrovic

Aufgedreht
04/01/2022

Rapperin Ebow und ihr neues Album „Canê“: Flexen für die Seele

Wie uns die Münchner Rapperin Ebow mit politischem Deutschrap Rassismus erklärt.

von Philip Dulle, Lena Leibetseder

Die Dosis macht das Gift. Das ist im Deutschrap nicht anders als im Durchschnittsleben. Denn natürlich sind aufgemotzte Autos, lauter Bass (sprich: Pumpen), protzige Markenklamotten und das Spiel mit den Muskeln (Flexen) irgendwie peinlich, dienen im Hip-Hop – richtig dosiert – aber immer noch als Distinktionsgewinn. Die deutsch-kurdische Rapperin Ebow, 32 Jahre alt und in München geboren, erklärt es in ihrer aktuellen Single „Prada Bag“ so: Wenn du in einer Gesellschaft aufwächst, die dich als Mensch zweiter Klasse sieht, dann ist die einzige Möglichkeit, ihnen zu imponieren, diese: „Ich gönne mir das, was keiner mir in diesem Land je gönnen würde / Meine Prada-Bag, meine Louis-Bag, meine Fendi-Bag, meine Hermès-Bag, meine Gucci-Bag“.

Ihr neues Album nennt Ebow „Canê“ (Kurdisch für „Liebling“ und „Seele“), und so klingen die zehn Songs auch; es sind Ermächtigungshymnen gegen die Entfremdung im eigenen Land. Ebow macht mit Begriffen wie „Kanak“ das, was ihre Rap-Kollegin Shirin David mit „Hoe“ macht: umdeuten und reclaimen – also zurückholen. „Kanak“ ist keine Beleidigung mehr, sondern eine selbstbestimmt gesetzte Neudefinition. So geht der Kampf gegen Rassismus und Sexismus im woken Pop-Zirkus, zwischen kühlem Trap und softerem R&B changierend, mal hochpolitisch, dann wieder selbstreflexiv.

 

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