Eine lächelnde Frau und ein nach oben blickender Mann mit hochgerissenen Armen
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Israels Delirium: Regisseur Nadav Lapid über Genozid und linken Rassismus

Wut, Verzweiflung, Überschwang: In seiner verstörenden neuen Kino-Polemik „Yes“ seziert der aus Tel Aviv stammende Regisseur Nadav Lapid die Mentalität im Nahen Osten – und bringt den Irrsinn, der in seiner Heimat regiert, auf den Punkt.

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Ein Streifenwagen parkt vor dem Wiener Stadtkino, ein gelangweilter Beamter geht vor der Tür auf und ab, für polizeilichen Schutz ist gesorgt. „Man hält mich offenbar für gefährlich“, lächelt im Foyer der israelische Regisseur Nadav Lapid, der als Gast der Viennale an jenem Oktoberabend gerade die Tonanlage des Kinos getestet hat, um seinen neuen Film möglichst klangschön zur Österreich-Premiere bringen zu können. Lapid weiß natürlich genau, dass die angerückte Exekutive ihn keineswegs verdächtigt, ihn vielmehr von antisemitisch bewegtem Aktivismus fernhalten will, von dem aber ebenfalls jede Spur fehlt.

Alles entspannt also, während sich der Filmemacher an einen der Tische des von Eighties-Schnulzen beschallten hauseigenen Lokals setzt, um sein irritierendes jüngstes Werk zu diskutieren. „Yes“ heißt es lediglich, und der Titel könnte sich auf die verhängnisvolle Zusage beziehen, die der Antiheld des Films, gespielt von dem Theater- und Performancekünstler Ariel Bronz, leistet: Als Musiker wird er beauftragt, eine neue Nationalhymne zu komponieren, deren hasserfüllter Text dem Genozid in Palästina huldigt.

Seit 2019, als er mit seiner politischen Tragikomödie „Synonymes“ den Goldenen Bären der Filmfestspiele in Berlin gewann, gehört Lapid, 50, zu Israels prominentesten Filmkünstlern. 2021 erhielt er für „Aheds Knie“ den Jury-Preis in Cannes. „Yes“ schwelgt nun über zweieinhalb Stunden in Techno-Lärm, Raserei und Farbenrausch, mischt Wut mit Überschwang und satirischen Surrealismus mit tödlichem Ernst: Von einem Hügel aus blickt man in einem ruhigen Moment auf das zerbombte Gaza, und die blutlüsterne, von Kindern gesungene Hymne („Die Herbstnacht senkt sich auf den Strand von Gaza / Flugzeuge werfen Bomben / Zerstörung, Zerstörung / Noch ein Jahr / Und nichts wird mehr da sein“) ist real: ein antipalästinensisches Online-Fundstück, auf das Lapid ein Freund aufmerksam gemacht hatte.

Ihr neuer Film ist orgiastisch, obszön, vorsätzlich verkitscht und hochpolitisch. Wollten Sie den Wahnsinn unserer Zeit auf den Punkt bringen?

Nadav Lapid

Eigentlich wurde dieser Film zweimal geboren: vor dem 7. Oktober 2023 – und kurz danach. Mein Ausgangspunkt war ein berühmtes Gemälde des Berliner Künstlers George Grosz, „Die Stützen der Gesellschaft“ (1926). Ich kannte es schon als Kind, weil es sich in einem Buch über entscheidende Ereignisse des 20. Jahrhunderts fand, das wir daheim hatten. Als Kind war ich von diesem Bild besessen.

Grosz geißelte damit satirisch die schon nazifizierte Weimarer Society.

Lapid

Ja, er scheint mir damit aber auch die israelische Gesellschaft sehr treffend zu beschreiben. In einer Welt, deren soziale Stützen so aussehen, ist die Katastrophe nur eine Frage der Zeit. Natürlich wusste ich, als ich die erste Drehbuchfassung schrieb, noch nicht, welche Katastrophe Israel bevorstehen würde, aber als ich das Script in den Wochen nach dem 7. Oktober überarbeitete, musste ich nicht mehr viel daran ändern. Alles war schon da: die Obszönität, die Vulgarität, die Brutalität, das Gefühl, dass es da keinen Platz für sensible Seelen gibt.

Kahler Mann mittleren Alters blickt direkt in die Kamera
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Wie soll Ihr Publikum auf diesen wilden Film reagieren?

Lapid

Am besten kritisch. Denn mein Film spricht nicht nur über den Irrsinn der Welt, er versucht, sich diesen Irrsinn anzuverwandeln, für die Verzweiflung, die Dunkelheit eine Form zu finden. In meinem Film steckt der Wunsch, Körper und Seelen zu erschüttern.

Stefan Grissemann

Stefan Grissemann

leitet seit 2002 das Kulturressort des profil. Freut sich über befremdliche Kunst, anstrengende Musik und waghalsige Filme.