Sattes Rot, tiefes Blau: Szene aus Lionel Baiers Komödie „La cache“. Im Hintergrund, als Großeltern, Michel Blanc und Dominique Reymond
Die Farben des Kulturschocks: Lionel Baiers Sixties-Satire "La cache"
„La cache“ – das Versteck, der Schlupfwinkel –, das ist im Fall dieses Films die Pariser Wohnung jener unorthodoxen Großfamilie, die in den gleichnamigen literarischen Kindheitserinnerungen des Autors Christophe Boltanski so liebevoll beschrieben wird. Der Neffe des Konzeptkünstlers Christian Boltanski beschwört in dem Buch den historischen Mai 1968 aus eigenwilliger Perspektive herauf. Während die Eltern des – damals neunjährigen – Erzählers in den Straßen von Paris die Revolution unterstützen, zieht das Kind in die Wohnung der Großeltern (Michel Blanc, Dominique Reymond). Die Angst des Großvaters geht auf psychische Wunden zurück, die einst der Holocaust schlug.
Der aus Lausanne stammende Regisseur Lionel Baier mischt in „La cache“ (ab sofort im Kino) gekonnt verbale und visuelle Comedy; er benutzt Rückprojektionen und jede Menge Anspielungen auf die Nouvelle Vague, den Filmstil jener Tage. Die Dreharbeiten fanden in Paris statt, kurz vor den Olympischen Sommerspielen 2024. Es war schwierig, in den Straßen zu filmen, sagt Baier im profil-Interview: „Also beschlossen wir, eine comicshafte Form zu finden, die in den 1960er-Jahren üblich war.“ Die Comicreihe „Gaston“ inspirierte ihn: „Mithilfe dieser Hefte kann man erfahren, wie es in den Sixties war.“ Wenn man „Gaston“ lese oder populäre Filme aus jenen Jahren sehe, bekomme man ein Gefühl dafür, wie die Menschen damals empfanden.
In „La cache“ treten versponnene Künstler und Semiotikprofessoren auf: „Michel Foucault war berühmt. Gilles Deleuze war in Paris wie ein Film- oder Rockstar. Es war in Mode, intelligent zu sein. Heute muss man dumm sein, um berühmt zu werden.“
„La cache“ ist ein betont artifizieller Farbfilm. Er habe „eine Begegnung“ herstellen wollen zwischen einem Frankreich-Bild aus dem 19. Jahrhundert und all diesen Sixties-Designobjekten – „die Franzosen waren damals à la pointe: Sie hatten modernistische Radios und Autos, eine Küche mit Toaster und einen Tisch aus Resopal in einer riesigen Wohnung aus dem 19. Jahrhundert. Ich mag diese Art von Kulturschock.“
Als Michel Blancs finaler Film stellt „La cache“ auch ein letztes Zeugnis der Klasse dieses Schauspielers dar, der im Oktober 2024 starb. Während der Dreharbeiten ahnte niemand, dass er krank war. „Er war ein Hypochonder der Extraklasse“, sagt Baier, „machte sich Dauersorgen um seine Gesundheit. Und Michel war aber auch so lustig, er liebte es, mürrisch zu sein. Wenn er jetzt bei uns säße, würde er fragen: ,Warum spricht hier niemand Französisch?‘ Er brachte stets zielsicher auf den Punkt, was nicht funktionierte.“