Mysteriöse Untote: Tai Zhaomei (Li Gengxi) in „Resurrection“
Visuelle Superkraft: Das Kino-Epos „Resurrection“ surft durch die Filmhistorie
Andrei Tarkowskis sagenumwobenes Science-Fiction-Rätsel „Stalker“ (1979) hat ihn geprägt: Der chinesische Regisseur Bi Gan, 37, ist ein Poet des Kinos, ein zu Bildgewalt und Fantasterei neigender Künstler. Sein dritter Film, „Resurrection“, in Cannes 2025 mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet, tritt Tarkowskis Erbe an, hält dabei aber Respektabstand zu den Ideen und Bildern des sowjetischen Meisters, sucht lieber eigene Mittel und Wege.
„Resurrection“ ist futuristisch und retrospektiv zugleich: Die Maschine, die den Menschen halluzinieren lässt, ist eine Erfindung aus dem späten 19. Jahrhundert. Man nennt sie: das Kino. Mit einer gewagten These geht dieser Film ins Rennen: Das Geheimnis des ewigen Lebens bestehe aus dem Verzicht aufs Träumen. Der Tod bedroht die Menschheit nicht mehr, denn Menschen ohne Träume, heißt es eingangs, seien wie Kerzen, die nicht brennen. Die Droge der „Fantasmer“, wie die das Sterben akzeptierenden Wachträumenden hier heißen, ist der Film.
Mit der Vertreibung aus dem Kinosaal beginnt die labyrinthische Erzählung, in liebevoll rekonstruierter Pre-Cinema- und Stummfilmästhetik. Eine – von dem taiwanesischen Filmstar Shu Qi gespielte – Agentin, die Fantasmer aufspüren und eliminieren soll, ist von dem sterbenden Menschenmonster (Jackson Yee), das sie aufspürt, derart gerührt, dass sie ihm hilft, in den letzten Stunden seines Lebens 100 Jahre Filmgeschichte zu durchmessen: Sie legt einen 35mm-Film in den Projektor, der sich in seinem Körperinneren findet.
Jägerin der Träumer: Der taiwanesische Filmstar Shu Qi in "Resurrection"
Das klingt mehr als ein bisschen durchgedreht, aus gutem Grund: Die KI-gestützten, gespenstisch-expressionistischen Welten, die Bi Gan anfangs entwirft, sind Gestaltwandler; sie mutieren, im Spiegelkabinett der Kinohistorie, zu Film-Noir- und postmodernen Szenerien. Das Wunderbilderkino, das „Resurrection“ bisweilen auch an die Grenze zum Kunstgewerblichen führt, endet, nach einer virtuos bewegten, 36-minütigen Szene ohne Schnitt, wieder im Kino: mit der Wiederauferstehung des alten Filmmediums, des kollektiven Träumens.