Die iranische Schauspielerin Taraneh Alidoosti lehnt im Freien an orangem Gerüst
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Warnhinweis: Kunst gefährdet Ihr Regime! Wie Kultur-Aktivismus funktioniert

Im Iran leisten Künstlerinnen und Künstler unter Lebensgefahr Widerstand. Kulturelle Dissidenz zeigt weltweit politische Wirkung. Ein Überblick.

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Der außerordentliche Mut, der sich in der gegenwärtigen Revolte der iranischen Zivilbevölkerung manifestiert, ist gut begründet. Die Menschen gehen auf die Barrikaden und riskieren dabei ihr Leben, um einem mörderischen Regime Paroli zu bieten. Schon die „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung, die nach dem gewaltsamen Tod der – wegen ihres angeblich nicht vorschriftsmäßig sitzenden Hidschābs festgenommenen – Studentin Jina Mahsa Amini im September 2022 losgebrochen war, zeigte den Willen zum Widerstand, den das iranische Volk dem Mullah-Regime entgegenzusetzen bereit war und ist.

Die seit Ende Dezember das Land erschütternden Unruhen sind nun zwar eine Folge der schweren Wirtschaftskrise, die den Iran lahmgelegt hat, aber der Traum der auf den Straßen Protestierenden ist derselbe wie damals: das baldige Ende der Islamischen Republik. Die Gewalt, die Regierungstruppen gegen die Demonstrierenden einsetzen, ist ein deutliches Signal der Panik: Wer Tausende Tote in Kauf nimmt, um seine Herrschaft zu sichern, hegt offenbar schwere Zweifel an ihrer langfristigen Durchsetzbarkeit.

Kunst könne nichts verändern, sei zu elitär, befinde sich irgendwo in den Wolken, weit oberhalb der konkreten Probleme, die diese Welt heimsuchen. Die alte Leier wird immer dann zuverlässig angeworfen, wenn es darum geht, kulturelle Werke auf ihre Interventionskompetenz hin zu überprüfen. Die Geringschätzung gründet auf der überkommenen Vorstellung, Kunst sei für „das Schöne“ zuständig, verhalte sich zur Realität also primär dekorativ und allenfalls aus der Ferne kommentierend. De facto aber tut uns Kunst etwas an: Sie nistet sich in den Köpfen ein, gewährt alternative Perspektiven, setzt Debatten in Gang, trägt zu Differenzierung und kritischer Neueinschätzung bei.

Der chinesische Künstler Ai Weiwei fotografiert sich vor einem seiner Werke selbst.
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Natürlich ist Kunst kein parlamentarisches Instrument und keine pädagogische Anstalt; sie schafft weder Gesetze noch Lehrpläne. Denn ihr Wirken geht über ideologische Agitation und schulischen Pragmatismus weit hinaus. Ihr Wesen ist die Poesie, nicht die Politik, ihre Grundstimmung die Sehnsucht, nicht der Übergriff. Genau darin aber liegt auch ihr Widerstandspotenzial. Die Kunst hat, ganz offensichtlich, Einfluss: Denn all das, was die Herzen und Hirne der Menschen erreicht, kann Machthabern, die mit Repression arbeiten, schnell gefährlich werden. Weil gute Kunst sich die Freiheit nimmt, zu träumen, Utopien zu entwerfen, steht sie denen, die auf die Unfreiheit des Volkes setzen, im Weg.

Mit offenem Haar

Irans Künstlerinnen und Künstler sind in die laufenden Proteste, wie schon 2022, eng eingebunden: Und sie ziehen, ohne Rücksicht auf das eigene Wohlergehen, ihre Konsequenzen.

Stefan Grissemann

Stefan Grissemann

leitet seit 2002 das Kulturressort des profil. Freut sich über befremdliche Kunst, anstrengende Musik und waghalsige Filme.