Die iranische Schauspielerin Taraneh Alidoosti etwa, einer der größten Filmstars des Landes (sie spielte Hauptrollen in dem Oscar-prämierten Film „The Salesman“ ebenso wie in „Leilas Brüder“), hatte sich schon 2022 mit der Frauenbewegung und den Anti-Regime-Protesten solidarisiert, indem sie ein Foto auf Instagram postete, das sie mit offenem Haar und einem „Frau, Leben, Freiheit“-Transparent zeigte. Sie wurde mit Haft und Arbeitsverbot bestraft.
Vor drei Wochen kündigte Alidoosti an, im Iran zu bleiben, aber unter keinen Umständen mehr mit Kopftuch in einem Film aufzutreten; sie beendete damit, wenigstens vorläufig, ihre Kinokarriere. Sie sei, ließ Alidoosti wissen, weiterhin auf der Seite der Familien all der Inhaftierten und Ermordeten – und fordere deren Rechte ein. „Ich werde für Gerechtigkeit und meine Heimat kämpfen und bin bereit, jeden Preis dafür zu bezahlen.“ Ihre Kolleginnen Donya Madani, Khazar Massoumi und Mina Akbari haben sich ihr inzwischen angeschlossen und Fotos veröffentlicht, die sie ohne Hidschāb zeigen.
Auch der seit 2010 bereits zweimal wegen seiner humanistischen Filme inhaftierte Regisseur Jafar Panahi („Ein einfacher Unfall“), der vor wenigen Wochen in Abwesenheit zu einem Jahr Gefängnis und zwei Jahren Reiseverbot verurteilt worden ist, bekräftigte unlängst im Gespräch mit profil, dass man als Filmemacher hinter dem Mut, den die „Frau-Leben-Freiheit“-Aktivistinnen aufgebracht haben, „nicht hinterherbleiben“ dürfe. „Vor 30 Jahren konnte man sich niemand vorstellen, dass eine Frau jemals den Mut haben würde, ohne Hidschāb das Haus zu verlassen. Aber man sieht, wie die Frauen trotz dieser brutalen Unterdrückung ohne Kopftuch in der iranischen Gesellschaft präsent sind. Und da die Menschen so viel Mut aufbringen, muss dies auch der Film können.“
Sein ins Exil gezwungener Regie-Kollege Mohammad Rasoulof, dessen regimekritischer Thriller „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ in Cannes 2024 ausgezeichnet wurde, formulierte im profil-Interview damals Ähnliches: „Das Ziel der Unterdrücker ist es, Kunstschaffende dazu zu bringen, die Augen vor der Wahrheit zu verschließen. Aber wir tragen Verantwortung für diese Wahrheit.“
Der iranische Rapper Toomaj Salehi, 35, war im Oktober 2022 festgenommen und im April 2024 wegen seiner regierungskritischen Texte (wegen „Korruption auf Erden“, wie die Behörden das nannten) gefoltert und zum Tode verurteilt worden. Die Strafe wurde zwar einige Wochen später aufgehoben, seit Juni 2025 sitzt Salehi jedoch wieder in Haft. Auch Musiker wie Shervin Hajipour, 28, der 2022 die Amini-Hymne „Baraye“ veröffentlichte, nahmen für ihr politisches Engagement Gefängnistrafen in Kauf. Der feministische Songwriter Mehdi Yarrahi, 44, beugte sich den Behörden auch nach einem Jahr Gefängnis nicht: Er ließ sich die 74 Peitschenhiebe, zu denen er zusätzlich verurteilt worden war, im März 2025 verabreichen, ohne das geringste persönliche Zugeständnis an die Forderungen des Regimes.
Drangsaliert und verwundet
Erstaunlicherweise scheint in autoritären Regimen die Angst vor künstlerischer Widerrede besonders ausgeprägt zu sein. Der chinesische Konzeptkünstler Ai Weiwei beispielsweise wurde zwischen 2009 und 2015, ehe er in den Westen emigrierte, von der Polizei und Regierungsbeamten mehrfach drangsaliert und verwundet. Die drakonischen Strafen, die wegen kritischer Filme, Lieder oder Bilder in Diktaturen verhängt werden, sprechen eine eindeutige Sprache. „Wenn bekannte Künstlerinnen und Künstler ihre Stimmen erheben“, sagt Jafar Panahi, „wird das vom Volk gehört; es hat gesellschaftlichen Einfluss.“
Oppositionelle Kunstschaffende entstammen oft marginalisierten Gemeinschaften. Wie in der Türkei kurdische Kunst weiterhin unterdrückt wird, so werden in weiten Teilen des Nahen Ostens auch die kreativen Äußerungen queerer Communities bekämpft. Die Vorreiterrolle, die von der Kunst in ästhetischen Belangen übernommen wird, weitet sich auf soziale und politische Bereiche aus. Man kann in der Geschichte der Kriege und Revolten weit zurückgehen, um zu belegen, welche Bedeutung der künstlerischen Dissidenz zukommt. Kunstschaffende waren bereits Teil der Barrikadenkämpfe der Deutschen Revolution von 1848/49. Auch der Widerstand gegen den nationalsozialistischen Terror wurde zum Teil auf dem Feld der Kunst ausgetragen, in Otto Dix’ polemischen Malereien, in John Heartfields Fotomontagen oder über in den Ghettos und den Todeslagern heimlich produzierte Zeichnungen, die sich wie Flaschenpost an die Nachwelt richteten. Die ostdeutschen Dissidenten trugen maßgeblich dazu bei, die DDR zu Fall zu bringen, und Künstlerinnenkollektive wie Pussy Riot sind in Putins Russland der sprichwörtliche Stachel im Fleisch.
Die Kriege schreiben sich nicht nur selbstverständlich in die Kunst ein, sie werden selbst auch von kulturellen Äußerungen geprägt. Die amerikanische Malerin Nancy Spero nahm in ihrer „War Series“ (1966–’70) zu den Interventionen der USA in Vietnam Stellung – in Form fragiler Zeichnungen. Sie schrieb sich damit in eine gigantische Antikriegsbewegung ein, die in hohem Maß auch durch Musikschaffende vorangetrieben wurde, von Bob Dylan, John Lennon, Yoko Ono, Joni Mitchell und vielen anderen. Die New Yorker Art Workers’ Coalition, gegründet 1969, agitierte gegen Rassismus und Weltfremdheit in der Kunstszene, für Geschlechtergerechtigkeit und Pazifismus. Sie alle erhöhten den Druck auf die kriegsführende amerikanische Regierung beträchtlich.
Diktatur in Not
Das alte Bündnis von Kunst und Aktivismus kann politische Folgewirkungen hervorrufen: Die chilenische Gruppe Colectivo Acciones de Arte (CADA) etwa brachte ab 1979 die Pinochet-Diktatur in Bedrängnis. Das Kunstaktionskollektiv inszenierte politische Performances im öffentlichen Raum auf die Straße, protestierte damit gegen gegen Pinochets Wirtschaftspolitik und die massive soziale Ungleichheit. Protestkunst kann ihre Slogans auch in Form von Postern verbreiten: Emory Douglas, Grafiker der sozialrevolutionären Black Panther Party, popularisierte mit dem Plakat „Afro-American Solidarity With the Oppressed People of the World“ 1969 den bewaffneten Widerstand der schwarzen Bevölkerung Amerikas. Das Kampagnenposter der Aids-Aktivistengruppe Act Up, das lediglich den Schriftzug „Silence = Death“ und ein rosa Dreieck zeigte, schaffte ebenso wie Keith Harings Graffiti-Arbeit 1987 Bewusstsein für die gefährliche Ausgrenzung infizierter Menschen.
Kulturkämpfe breiten sich gegenwärtig auch in den USA aus: Die renommierte Washington National Opera hat ihre langjährige Kooperation mit dem Kennedy Center, dem Präsident Trump unlängst seinen eigenen Namen vorangestellt hat – es heißt nun tatsächlich „The Donald J. Trump and The John F. Kennedy Memorial Center for the Performing Arts“ –, vor ein paar Tagen fristlos aufgekündigt. Dies ist nur der bislang folgenreichste Schritt eines weitreichenden künstlerischen Boykotts jenes Hauses.
Die Autokraten reagierten umgehend mit charakteristischer Umdeutung der Ereignisse: Trump-Berater Ric Grenell etwa, im Kennedy Center seit vergangenem Jahr Interimspräsident, bekundete, wie segensreich die Trennung sein werde. Denn sie werde nun die „Flexibilität“ und die finanziellen Mittel schaffen, um „Opern aus der ganzen Welt und den gesamten USA“ ans Haus zu holen.