Ins Exil? Sicher nicht! Der iranische Filmemacher Jafar Panahi ringt um die Freiheit
Jafar Panahi führt in seinen Filmen den Terror des Mullah-Regimes vor – trotz Haftstrafen, Ausreise- und Berufsverbots. Dieser Tage wird ihm wieder der Prozess gemacht. Sein neuer Film – profil-Premiere: 8. Jänner – startet demnächst in Österreich. Zoom-Gespräch mit einem furchtlosen Verurteilten.
Jafar Panahi hat einiges erlebt. Mit 20 dokumentierte er als Kameramann in der iranischen Armee den Kampf gegen den Irak im Ersten Golfkrieg (1980–1988), geriet in die Hände kurdischer Rebellen und verbrachte zweieinhalb Monate lang in Gefangenschaft. Seit 1995 setzt er Spielfilme in Szene, in denen politische Realität und poetische Fiktion unauflöslich ineinander verfließen; ebenso mutig wie unmissverständlich tritt er darin, oft selbst vor der Kamera, gegen staatliche Repression, für Frauenrechte und künstlerische Freiheit ein.
Die Behörden in seiner Heimat betrachten Panahi, 65, als Staatsfeind, der unerlaubte „Propaganda gegen die Islamische Republik“ verbreite; sie versuchen ihn seit 25 Jahren in seiner Arbeit zu behindern, seine Filme zu zensurieren oder deren Verbreitung zu verbieten – und ihn selbst zu inhaftieren. In den vergangenen 15 Jahren musste Jafar Panahi zwei Freiheitsstrafen im berüchtigten Teheraner Evin-Gefängnis über sich ergehen lassen; ohne Angabe von Gründen saß er zwischen Anfang März und Ende Mai 2010 hinter Gittern, erst ein Hungerstreik führte zu seiner Freilassung. Im Dezember desselben Jahres verhängte das Islamische Revolutionsgericht eine Strafe von sechs Jahren Gefängnis und 20 Jahren Berufs- und Reiseverbot über ihn; dies wurde nicht unmittelbar exekutiert, blieb aber wie Damokles’ sprichwörtliches Schwert über Panahi hängen.
Jafar Panahi machte unbeirrt weiter, improvisierte ein politisches Home-Movie im Hausarrest („This Is Not a Film“, 2011) und inszenierte eine illegale Produktion nach der anderen; seine in den westlichen Festivalbetrieb geschleusten Filme wurden mit renommierten Preisen überhäuft – „Taxi“ gewann 2015 den Goldenen Bären der Berlinale, das Drehbuch von „3 Faces“ wurde 2018 in Cannes prämiert, der teilweise via WhatsApp aus der Ferne inszenierte Film „No Bears“ im September 2022 mit dem Spezialpreis der Jury in Venedig ausgezeichnet. Wenige Wochen davor war Panahi erneut inhaftiert worden, nachdem er sich nach dem Wohlergehen seines im Gefängnis festsitzenden Kollegen, des Filmemachers Mohammad Rasoulof, erkundigt hatte. Am 1. Februar 2023, nach sechseinhalb Monaten Haft, verkündete Panahi, bis zu seiner Freilassung weder Nahrung noch Medizin mehr zu sich nehmen zu wollen. 48 Stunden später wurde er enthaftet. Und setzte seine Arbeit fort.
Ist Rache legitim?
Für seinen jüngsten Film, genannt „Ein einfacher Unfall“ (internationaler Titel: „It Was Just an Accident“, Österreich-Kinostart, im Rahmen einer profil-Premiere im Wiener Filmcasino: 8. Jänner), bearbeitete Panahi Erfahrungen, die er im Gefängnis gemacht hatte: den Sadismus der Wärter, die Wut der Gefangenen, die er erlebt, Gespräche, die er mit anderen Insassen geführt hatte. Wäre er 2022/23 nicht in Haft gewesen, hätte er wohl nie den Drang verspürt, diesen Film zu machen, sagt er. Wenige Tage nach dessen Uraufführung in Cannes ehrte man Panahi im vergangenen Mai mit der Goldenen Palme des bedeutendsten Filmfestivals der Welt. Tatsächlich gehört seine elfte große Kinoproduktion zu den stärksten Werken, die er je gedreht hat – dafür könnte ihm im kommenden März noch ein Oscar winken. Denn „Ein einfacher Unfall“ führt in aller Dringlichkeit und Härte eine ebenso archaische wie aktuelle Debatte: Ist es legitim, wenn jene, die in iranischen Gefängnissen allein aufgrund politischer Missliebigkeit Folter und Freiheitsentzug erlebt haben, Rache an den Tätern üben?
Ein Automechaniker, der als politischer Gefangener in Haft war, trifft in jenem Film durch Zufall einen der sadistischen Aufseher von damals wieder. Er entführt ihn, um ihn in der Wüste kurzerhand lebendig zu begraben. Der Mann fleht ihn an, dies nicht zu tun, er sei nicht der, den er suche – alles nur eine verhängnisvolle Verwechslung?
Um sicherzustellen, dass kein Unschuldiger zu Schaden komme, zieht der Mechaniker Leidensgenossinnen und -genossen von einst bei. Es bildet sich eine wütende Gruppe ehemaliger Häftlinge, unter denen sich eine hektische, mit viel makabrem Witz bereicherte Diskussion entspinnt über die Identität des Gefangenen und die Frage, welcher Strafe man ihn zuführen sollte.
Neues Urteil
Er sehe seinen Film übrigens keineswegs als politischen Rache-Thriller, spricht Jafar Panahi mit leiser, aber sonorer Stimme bei ausgeschalteter Kamera ins Schwarz des Zoom-Bildfelds.
Rachevorsatz in der Wüste: Szene aus Panahis "Ein einfacher Unfall"
Rache und Vergebung seien nur die Außenschicht dieser Erzählung. Das ihr zugrunde liegende Thema sei vielmehr die Frage, wie man den Kreislauf der Gewalt unterbrechen könne. Für das profil-Interview, das vor zwei Wochen stattfand, schaltete sich Panahi aus Berlin zu, am Ende einer monatelangen Promotion-Weltreise. Panahi hatte Masterclasses in Marrakesch gegeben, eine Oscar-Kampagne in den USA geführt und begleitete nun noch die Kinostarts seines Films in Frankreich und Deutschland.
Jafar Panahi, Filmemacher und Gesellschaftskritiker
Inmitten dieser Aktivitäten hatte ihn am 1. Dezember 2025 eine neue Gerichtsentscheidung aus seiner Heimat ereilt: Panahi sei in Abwesenheit wegen Anti-Regierungspropaganda zu einem Jahr Gefängnis und zu weiteren zwei Jahren Reiseverbot verurteilt worden. Zudem sei es ihm untersagt, sich politischen und sozialen Gruppen anzuschließen. Panahis Anwälte erhoben Einspruch gegen das Urteil, am 4. Jänner hat das Berufungsverfahren nun begonnen – in Abwesenheit Panahis, wie der unabhängige Filmjournalist Mansour Jahani auf profil-Anfrage mitteilt: Panahi sei nach seinem Europaaufenthalt nach New York weitergeflogen, um am 5. Jänner im IFC Center in Manhattan eine Retrospektive seiner Filme persönlich zu begleiten.
Panahi selbst hat jedoch stets klargemacht, dass er auf jeden Fall bald zurück in den Iran reisen werde, denn er habe „nur einen Reisepass und ein Heimatland“, wo er „atmen könne und die Energie finde, Filme zu machen“. Die Probleme im Iran seien „temporär“, wie alle Probleme, „mit denen auch andere Gesellschaften umzugehen hatten“.
Die Frage, wie man unter staatlichem Dauerdruck, überwacht von den Behörden, als prominenter Regisseur heimlich Filme machen kann, beantwortet Panahi so: Natürlich gebe es immer die Gefahr, am Set verhaftet zu werden, „aber mittlerweile haben wir so viele Erfahrungen gesammelt, dass wir auch wissen, wie wir uns in Sicherheit bringen, wie wir ohne allzu großes Risiko arbeiten können“.
Frontalangriff
In Teheran studierte Panahi, der schon als Kind vom Kino fasziniert war, in den 1980er-Jahren Film, ab 1993 assistierte er seinem Kollegen Abbas Kiarostami, der später an den Drehbüchern zu zwei Panahi-Regiearbeiten mitschrieb. Vor genau 30 Jahren debütierte Jafar Panahi als Regisseur: „Der weiße Ballon“ war, wie im sozialkritischen Kino Irans damals üblich, als Kindergeschichte konzipiert, um an der Zensur vorbeizukommen. Die dissidenten iranischen Filme der Gegenwart, siehe etwa Rasoulofs „Saat des heiligen Feigenbaums“ (2024) oder eben auch Panahis „Ein einfacher Unfall“, scheinen dagegen für Chiffren oder Codes keine Verwendung mehr zu haben, sie üben lieber scharfe und ganz direkte Kritik am Regime.
Er setzt die Kette der Ereignisse in Gang: Hauptdarsteller Vahid Mobasseri in "Ein einfacher Unfall"
Um die Zensur sei man damals nicht herumgekommen, erinnert sich Panahi. „Aber die gesellschaftlichenUmstände haben sich enorm verändert, besonders nach der ,Frau-Leben-Freiheit‘-Bewegung. Man hat an Courage, an Mut gewonnen. Als Filmemacher darf man da nicht hinterherbleiben. Heute setzen sich die Menschen im Iran über die roten Linien der Regierung hinweg. Vor 30 Jahren konnte sich niemand vorstellen, dass eine Frau jemals den Mut haben würde, ohne Kopftuch das Haus zu verlassen. Aber man sieht, wie die Frauen trotz dieser brutalen Unterdrückung ohne Kopfbedeckung in der iranischen Gesellschaft präsent sind. Und wenn die Menschen so viel Mut aufbringen, muss dies auch der Film können.“
Die iranischen Behörden belegen Kulturschaffende mit immer drastischeren Strafmaßnahmen, als fürchteten sie die Macht und Freiheit der Kunst ganz besonders. „Diktatoren fürchten jede einzelne Stimme, die sich gegen sie richtet“, meint Jafar Panahi. „Wenn bekannte Künstlerinnen und Künstler ihre Stimmen erheben, wird das vom Volk auch gehört; es hat gesellschaftlichen Einfluss.“ Das mache die Behörden wohl „sensibler“, was den künstlerischen Ausdruck betreffe.
Maßnahmen gegen die Repression
Ob der internationale Erfolg, den Panahi genießt, die Ressentiments der Regierungsbeamten möglicherweise noch intensiviere, interessiert ihn wenig. „Ich mache meine Arbeit. Sie gehört zu meinen Grundrechten, und ich bestehe auf meine Rechte. Wenn das Regime es sich zur Aufgabe gemacht hat, mich zu stoppen, dann ist es meine Aufgabe, für mich Wege zu finden, nicht gestoppt zu werden.“
Trotz der manifesten Bedrohung, der Panahi ausgesetzt ist, hat er nie ernsthaft darüber nachgedacht, im Exil zu leben wie seine Kollegen Rasoulov, Bahman Ghobadi und auch der vor wenigen Tagen verstorbene Bahram Beyzai. Er selbst sei keiner, der sich veränderten Lebensbedingungen ohne Weiteres anpassen könne, betont Panahi im Gespräch mit profil. „Immer, wenn ich im Ausland bin, merke ich, dass ich nie tief in die jeweilige Gesellschaft blicken kann. Das ist natürlich auch meine Schwäche.“ Viele Freunde und Kollegen seien gezwungen worden, das ungewollte Exil zu akzeptieren. Von Rasoulof zum Beispiel wisse er, dass er nicht im Ausland leben wolle. Aber hätte er Iran nicht verlassen, er hätte seinen Film nie zu Ende bringen können. „Ich bin nicht in der Lage, zu emigrieren“, sagt dagegen Panahi:„Meine einzige Fähigkeit besteht darin, in meinem Land Filme zu machen. Und daran werde ich festhalten.“ Der Humanist Jafar Panahi hat zu viel erlebt und zu viel gesehen, um jetzt noch das Weite zu suchen.
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(profil.at)
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Stand:
Stefan Grissemann
leitet seit 2002 das Kulturressort des profil. Freut sich über befremdliche Kunst, anstrengende Musik und waghalsige Filme.
Mohammad Rasoulof hat sein Leben für Kunst und Aufklärung mehrfach aufs Spiel gesetzt. Im Mai gelang ihm, verurteilt zu acht Jahren Haft und Peitschenhieben, in letzter Sekunde die Flucht aus seiner Heimat. Sein neuer Kino-Thriller geht mit dem Unrechtssystem im Iran hart ins Gericht.
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