Die Londoner Künstlerin Onyeka Igwe, 40, fotografiert von Wolfgang Paterno in einem Hinterzimmer des Österreichischen Filmmuseums
Sie bricht Bilder auf: Die Künstlerin Onyeka Igwe stellt in der Secession aus
Die Idee des Archivs ist für die Londoner Künstlerin Onyeka Igwe von endloser Faszination. Wie wird Geschichte bewahrt, angehäuft, weggeschlossen? Und wie geht sie verloren? Mit dem Phantomblick eines unsichtbaren, durch die Räume gleitenden Gastes erkundet Igwe in ihrem Kurzfilm „No Archive Can Restore You“ (2020) vergilbte alte Papier- und Dokumentenstapel, von Spinnweben überzogen; die Kamera zieht an zahllosen verrosteten Filmdosen vorbei, an den Geschichten von Menschen, die niemand mehr kennt, von denen niemand mehr erzählt. Über die Jahrzehnte verwestes Filmmaterial quillt aus den Metalldosen, die Streifen in blindem Blaugrau.
Sechs Minuten lang streift Onyeka Igwe durch das Gebäude der einstigen Nigerian Film Unit in der Megacity Lagos, vorbei an den Überresten eines britischen Kolonialarchivs, an den Ruinen der imperialen Macht.
Ausstellungsansicht: Onyeka Igwes "No Archive Can Restore this Chorus of (Diasporic) Shame", zu sehen in der Wiener Secession bis 30. August
Der Begriff des Postkolonialismus ist ambivalent: Man betrachtet mit ihm nicht nur die Ära nach den Verwerfungen territorialer Inbesitznahme, sondern auch und vielleicht wichtiger: die Kontinuitäten kolonialen Denkens. „Wir sind alle Produkte des Kolonialismus“, sagt Onyeka Igwe, Jahrgang 1986, in London geborene und lebende Tochter nigerianischer Eltern, im profil-Interview. In der Wiener Secession gilt ihr a sofort eine Einzelausstellung, die „No Archive Can Restore this Chorus of (Diasporic) Shame“ (zu sehen bis 30. August) heißt. „Unsere Welt wurde durch diese Weltanschauung, die immer noch fortbesteht, untrennbar verändert. Wir leben in einer Zeit, die sowohl post- als auch kolonial ist.“