Zuvor hatten der ehemalige US-Präsident Barack Obama, Moores Kollege Stephen King und der Talkmaster Jimmy Fallon das englischsprachige Original überschwänglich zur Lektüre empfohlen. Moore, 42, ist Professorin für kreatives Schreiben an der Temple University in Philadelphia; 2007 debütierte sie mit „The Words of Every Song“ als Autorin, gefolgt von bislang vier Romanen.
Nach „Der Gott des Waldes“ ist „Der andere Arthur“ das zweite Buch der Autorin auf Deutsch – ein Frühwerk aus dem Jahr 2012, das wenig von seinem Reiz verloren hat, wobei der englischsprachige Originaltitel „Heft“ – „Gewicht“ – geradliniger ins Geschehen führt.
Dämon der Vereinsamung
Die USA anno 2012 kennen keinen US-Präsidenten Trump, weder entfesselten US-Imperialismus noch Polit-Zickzack. Amerika ist mit sich selbst beschäftigt, der Roman eine Irrfahrt durch ein kaltes, kaputtes, krankes Land der wenigen Möglichkeiten: Amerika ade!
Moores karges, sprödes Erzählen reckt symbolisch den Stinkefinger in Richtung der viel beschworenen family values: Väter lassen ihre Kinder im Stich, Söhne sterben jung, Eltern verstoßen ihre Töchter, Mütter begehen Suizid, der Dämon der Vereinsamung wütet. Familie, der angebliche Hort des Mit- und Füreinander – ein giftiges Gewühl.
Nicht nur dem fettleibigen Einsiedler ergeht es so. Der junge Baseball-Fanatiker Kel, der zweite Hauptakteur in „Der andere Arthur“, verbringt seine Tage ebenfalls in einer von allen guten Geistern verlassenen Behausung: „Über mich sagen die Leute wahrscheinlich: Der ist arm und seine Mutter krank und verrückt. Bei dem war noch nie jemand zu Hause, wahrscheinlich ist das eine totale Müllhalde.“ Arthur und Kel, das an Herz und Seele derangierte, ungleiche Pärchen, wird sich bis zum Ende des Romans nicht über den Weg laufen – und bleibt dennoch untrennbar verbunden.
Arthur stellt sich vor, dass es eine „Überseele der Einsamkeit“ gebe: „Jeden Tag verliert jemand den Anschluss an die Welt und wird zum edlen Einsiedler, stellt stattdessen eine Verbindung zu sich selbst her, die Schlange frisst ihren Schwanz, und dann muss er ständig zur einsamen Überseele schauen, um Hilfe zu bekommen; er muss, sonst geht er zugrunde.“
Kel erinnert sich: „Ich wollte nicht erwachsen sein. Irgendwie hatte ich immer das Gefühl, wenn ich älter werde, wird alles schieflaufen.“
Moore berichtet von ihren beiden Desperados in einer Prosa, deren Ton immer wieder zwischen Vernehmungsprotokoll und Zeugengeständnis schwankt, beflügelt von einer Könnerin des eleganten Cliffhangers. „Ein anderer Arthur“ ist
erzählt ohne Umwege ins Schaurig-Gefühlige, mit überschaubaren Abstechern in die Gefilde des Herzschmerzes, ohne Kursabweichung in die Einbahnstraße des Happy-End-Kitschs. Eine Bilderbuchfamilie werden Arthur und Kel nie.