Junge Frau hält Katze hoch und blickt diese fasziniert an.
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Melancholie & Comedy: Eva Victors erstaunliche Trauma-Erkundung „Sorry, Baby“

Mit ihrem Regiedebüt „Sorry, Baby“ zeigt die Amerikanerin Eva Victor, wie sich Tragödie und Situationskomik bruchlos miteinander verbinden lassen.

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Für einen Golden Globe als beste Hauptdarstellerin in einem Drama wurde sie vor wenigen Tagen erst nominiert: Die Schauspielerin, Autorin und Regisseurin Eva Victor, 31, wird am 11. Jänner mit Charakterdarstellerinnen wie Julia Roberts, Jessie Buckley, Renate Reinsve und Jennifer Lawrence ins Rennen um die Trophäe gehen. Aber Victor, geboren in Paris, aufgewachsen in San Francisco, ist in dieser Riege die Einzige, die derart Preiswürdiges in einem selbst geschriebenen und inszenierten Film, einem Debüt zudem, geleistet hat. „Sorry, Baby“ heißt ihr Werk, ab 18. Dezember läuft es in österreichischen Kinos.

Eva Victor hat bislang nur in ein paar Kinoproduktionen und Serien („Billions“) mitgespielt, hat Online-Sketches fabriziert und für das feministische Online-Satiremagazin „Reductress“ geschrieben. Insofern kam „Sorry, Baby“ unvermutet: ein Film, der von Agnes, einer jungen Literaturprofessorin in New England, erzählt, die an einem Trauma laboriert, an der sexualisierten Gewalt, die sie erlebt hat. Sie will es hinter sich lassen, das Leben weitergehen sehen. Aber das ist nicht so einfach.

Der heiter-melancholische Tonfall dieser dunkelgrauen Komödie ist ebenso erstaunlich wie die Souveränität ihrer Ausführung. In Cannes stand Eva Victor, gerade sprühend gut gelaunt, profil gleich nach der Weltpremiere ihres Films für ein Interview zur Verfügung, Die Frage, wie man den Drahtseilakt zuwege bringt, über psychische Erschütterungen derart treffsicher zu scherzen, beantwortet die Regisseurin so: „Beim Schreiben fand ich es erleichternd, Momente zu finden, in denen ich über etwas lachen konnte. Ein guter Witz ist wie ein Ausatmen. Und es ist hilfreich, unterwegs auch ausatmen zu können.“ Es sei aber wichtig, „über die richtigen Dinge zu lachen, zu begreifen, wie wir Komik nutzen sollten: nämlich dazu, mit dem Finger auf Mächtige zu zeigen. Und ihn von den Opfern, den Leidtragenden abzuwenden.“

Zwei junge Frauen sitzen in der offenen Natur, auf einem Stein, und unterhalten sich.
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In einer Kritik wurde Victors Film unlängst als „Traumedy“ bezeichnet. Tatsächlich kann Humor stets auch eine Art des Exorzismus sein; jede Tragödie, die die Menschheit jemals erlebt hat, wurde von Witzen begleitet, bis ans Ende. Eva Victor stimmt zu: „Man kann unkontrolliert lachen und übergangslos anfangen zu weinen, weil es derselbe Kreislauf ist.“ Die Arbeit bei „Reductress“ habe ihr jedoch beigebracht, „über die richtigen Dinge zu lachen, zu begreifen, wie wir Komik nutzen sollten: um mit dem Finger auf die Mächtigen zu zeigen. Und ihn von den Opfern, den Leidtragenden abzuwenden. In meinen Film wird nie über Agnes gelacht. Wir lachen mit einer höheren Version dieser jungen Frau, die versteht, wie bizarr das alles ist, in das sie da geraten ist.“ 

Über die Dreifachbelastung als Autorin, Regisseurin und Hauptdarstellerin sagt sie:„Ich hatte großes Glück, mit Mia Cioffi Henry eine Kamerafrau an meiner Seite zu haben, die wirklich verstanden hat, worauf wir hinauswollten. Ich hatte mich aber auch akribisch vorbereitet, mir immer wieder vorgesagt: Sollte der Film schlecht sein, dann nicht, weil ich nicht vorbereitet war. Sondern weil ich als Regisseurin nicht gut genug bin.“ 

Die Liste der Lieblingsfilme Eva Victors ist lang: Sie nennt, nur zum Beispiel, In the Mood for Love”, 45 Years”, The Handmaiden”, „Oslo, 31. August“, „Certain Women“, „Drive My Car“. Als sie sich auf die Regie ihres ersten Spielfilms vorbereitete, habe sie Kelly Reichardts „Certain Women” analysiert, Einstellung für Einstellung. Das habe ihr bei der Montage sehr geholfen: „Es ist magisch, wenn der Film einem in der Schnittphase zu verstehen gibt, was er sein will – und man die Risse auf dem Weg dorthin nicht mehr zu sehen bekommt.“

Bis über beide Ohren habe sie sich ins Filmemachen verliebt, sagt sie noch. Ihrer neuen Flamme wird sie wohl treu bleiben – und als Künstlerin weiterhin ohne Sicherheitsnetz und jedenfalls ohne Rücksicht auf Verluste agieren. Ihr Motto ist diesbezüglich deutlich: „Wage etwas! Gib alles oder hau ab!“

Stefan Grissemann

Stefan Grissemann

leitet seit 2002 das Kulturressort des profil. Freut sich über befremdliche Kunst, anstrengende Musik und waghalsige Filme.