Hagen
Nö, diese Art von Denken ist mir fremd! Mein Vorbild Dr. Martin Luther King Jr. hat immer das Ziel verfolgt, Feinde und Andersdenkende durch gewaltlosen Widerstand, moralische Überlegenheit und Nächstenliebe in Freunde zu verwandeln. Aber noch lustiger als Musk sind nur diese Superreichen, die ihre verstorbenen Körper einfrieren lassen wollen und darauf hoffen, dass irgendwann irgendein Wissenschafter irgendeine Formel entdeckt, die ihre eingefrorenen Leiber wieder aufweckt – damit die Ultrareichen an ihre Piratenschätze kommen und weiterleben können. Wie blöd kann man sein? Ich muss aufpassen, dass ich mich nicht vor meiner Zeit noch totlache.
Alle hängen an ihren Körpern, keiner an der Seele?
Hagen
Genau, deswegen habe ich meine neue Seele – Quatsch, meine neue Single, meine neue Seelensingle mit diesem schönen Satz ausgestattet: „Alle wollen in den Himmel, aber keiner hat Bock auf Tod“.
Ihre Version des Loretta-Lynn-Songs „Everybody Wants to Go to Heaven“.
Hagen
Ja! Und gleich die erste Strophe habe ich Bertolt Brecht gewidmet, denn in meiner Ost-Berliner Jugendzeit habe ich zehn Jahre lang in seinem Theater, dem Berliner Ensemble, gesessen und alle seine Musicals und Dramen gesehen: die „Dreigroschenoper“, „Happy End“, „Mahagonny“, „Schwejk im Zweiten Weltkrieg“, „Mutter Courage und ihre Kinder“, mit den weltbesten Schauspielern: mit Ekkehard Schall, Hilmar Thate, mit Gisela May, dieser großartigen Chansonnette, und Helene Weigel – der Knaller, ein Ensemble vom Feinsten! Die Vorstellungen gingen immer um Punkt 19.05 Uhr los, und das Publikum war voll mit internationalen Besuchern, die abends aus dem Westen kurz mal rüberkamen und vor Mitternacht wieder entschwanden. Und ich habe mich so gefreut über Brechts Umgang mit dem Christentum, wenn der Bettlerkönig Peachum singt: „Wach auf, du verrotteter Christ! Mach dich an dein sündiges Leben. Zeig, was für ein Schurke du bist. Der Herr wird es dir dann schon geben. Verkauf deinen Bruder, du Schuft! Verschacher dein Eh’weib, du Wicht! Der Herrgott, für dich ist er Luft? Er zeigt dir’s beim Jüngsten Gericht!“
Wieso können Sie das noch auswendig?
Hagen
Ich war doch über ein Jahrzehnt lang auf Europa-Tournee und hab Brecht-Lieder zur Klampfe zum Besten gegeben.
Für seine Gottesfurcht ist Brecht aber eher nicht bekannt.
Hagen
Doch! Man kann in wissenschaftlichen Forschungsarbeiten nachlesen, was Brechts Werke mit der Bibel zu tun haben: 1913 hat er, schon mit 15 Jahren, für die Schülerzeitung in Augsburg sein allererstes Theaterstück geschrieben. Es hieß: „Die Bibel“ – eine Krimi-Comedy, ein kabarettistisches Stück mit epischem Charakter, in dem Protestanten und Katholiken einander die Köpfe abreißen. Das zieht sich durch Brechts Gesamtwerk.
War Brecht nicht Atheist?
Hagen
Er hat nie behauptet, dass er nicht an Gott glaube, dass er die Person Jesus Christus nicht liebe! Brecht hat sich nur gegen die Auswüchse der Religion, gegen die Institution Kirche kritisch-satirisch geäußert. Aber er hat nie rumgemeckert, was das Evangelium anbelangt! Im Gegenteil: Journalisten haben ihn gefragt: „Hey, Meister Brecht, was ist denn Ihre Lieblingslektüre?“ Da hat er geantwortet: „Sie werden lachen, die Bibel.“ Sie war sein wichtigstes Buch.
Ihr Album heißt „Highway to Heaven“: Wenn man die Autobahn nimmt, ist man schneller im Himmel?
Hagen
Genau, davon hat Sister Rosetta Tharpe gesungen: Ihr „Highway to Heaven“ ist ein Song aus den späten 1940er-Jahren, der von wunderbaren US-Spiritual-Gospel-Musikern stammt. Und Sister Rosetta ist ja die Erfinderin des Rock ’n’ Roll. Elvis Presley und Chuck Berry haben von ihr gelernt.
Sie war auch eine virtuose Gitarristin.
Hagen
Eine großartige Musikerin, die leider keine Kinder, aber dafür den Rock ’n’ Roll in die Welt gesetzt hat.
Sie ist recht früh gestorben.
Hagen
Was heißt früh? In der Bibel steht, wir werden höchstens 70 Jahre alt, das habe ich schon überlebt, ich bin fast 71. Nein, zu früh gestorben, das kann man so nicht sagen, damit würde man ja andeuten, dass Gottes Timing seine Macken habe, aber das hat es nicht, denn Gott steht immer mit offenen Armen an der Regenbogenbrücke.
Abgesehen von den fabelhaften Gospel-Musikerinnen, die Sie zitieren: Auf Ihrem Album singen auch Gaststars wie Nana Mouskouri und Gitte Hænning mit.
Hagen
Ja, meine liebsten Freundinnen!
War der Plan, ein weiblich definiertes Album einzuspielen?
Hagen
Nö, da ist zum Beispiel auch mein Freund, der Blues-Sänger Daniel Welbat, dabei, mit dem ich schon öfter zusammenarbeiten durfte. Es sind nicht nur Frauen auf dem Album, das lass ich mir jetzt hier nicht unterjubeln!
Sie sind doch eine Königin des Feminismus!
Hagen
Nein! Mir geht’s um den Femichristmus! In Christus sind wir alle gleich, egal ob männlich oder weiblich. Wir sind dann keine verbockten, hasserfüllten, geldgeilen, ausgeleierten Gehirnsäcke mehr, sondern eine neue Kreatur in Christus. Weil Gott ist die Liebe und die Freude und das ewige Leben, aber so was von! Gewöhnt euch dran!
In der Punk-Szene der späten 1970er-Jahre, als Sie berühmt wurden, war die Liebe zu Gott wohl nicht mehrheitsfähig, oder?
Hagen
Stimmt nicht. Man kann in meiner Autobiografie nachlesen, dass ich seit früher Kindheit Begegnungen mit Menschen hatte, die Gott lieben – sogar ihn selbst habe ich getroffen. Als ich 16, 17 Jahre alt war, hatte ich ein mehrfach gebrochenes Herz und schon einige Abtreibungen hinter mir. Keine freiwilligen: Ich wäre gern eine Teenage-Mom geworden. Das ist nicht passiert, weil mein Umfeld das nicht wollte. Ich hatte auch eine Fehlgeburt, das war alles sehr traumatisch. Ich war eine echte Selbstmordkandidatin. Damals besuchten mich zwei Freunde aus Warschau und brachten LSD mit, das wir einwarfen. An jenem Tag bin ich mit Gott in Kontakt gekommen: Als das Gift in mir war, fand ich mich in einem höllenähnlichen Territorium wieder, in dem ich stecken geblieben war wie in einem Schlammsee. Es war so schrecklich, da gab es nur Schmerzen, kein Leben. Man konnte nicht mal sterben. Es ging gar nichts. Trauma hoch zehn.
Ein böser Trip.
Hagen
Da bat ich Gott um Hilfe. Er kam tatsächlich und hat mir geantwortet: Nina, ich bin hier, um dir zu helfen. Und der zweite Satz war: Nina, du musst sterben. Du musst dich aber taufen lassen, sonst kannst du nicht zu mir kommen. Du musst deinen Körper hinlegen und dich mir in die Arme legen. Ich habe gesagt: Okay, lieber Gott, ich mach die Augen zu. Ich freu mich auf meine Taufe, ich sterbe jetzt. Dann aber saß ich Jesus gegenüber, der mich mit unbeschreiblicher Liebe angeschaut hat. Und ich hab ihm tausend Fragen gestellt. Meine erste war: Gehst du wieder weg wie all die anderen? Seine Augen sahen mich mit einer Liebe an, die man nicht faken kann. Und ich hab kapiert, das ist tatsächlich Gott, der hat mich jetzt getauft. Das war eine Art Feuertaufe im Heiligen Geiste. Solche Kategorien und Begriffe sind mir damals nicht in den Kopf gekommen. Ich konnte einfach nur genießen, Jesus anzuschauen, die ganze Nacht. Als der Trip endete, landete ich wieder auf der Erde. Jesus hatte mir klargemacht, ich müsse zurück, dürfe meinen irdischen Körper noch nicht verlassen. Es war noch nicht meine Zeit. Sonst könnten auch wir beide jetzt nicht miteinander reden.
Ihr Gotteserlebnis hat sich sinnlich eingebrannt?
Hagen
Ja, ich hab dabei sogar Musik gehört, unglaublich schöne Chormusik; da sangen menschliche Stimmen mit einer überwältigenden, kanonartigen Harmonieschönheit Gottes Namen – einen seiner Kosenamen, den ich erst viel später in der Bibel gefunden habe. Diese Stimmen sangen das Wort „Ishi“, den hebräischen Kosebegriff für Gott. Als ich das noch rausgefunden hatte, dachte ich: Siehste, meine Taufe während dieses Nahtoderlebnisses hatte wirklich biblische Hand und Fuß.
In welchem Jahr fand all das statt?
Hagen
1972 in Ost-Berlin, ich war 17 Jahre alt. Dann saß ich jahrelang, bis zu meiner Ausreise aus der DDR 1976, eben so oft wie möglich im Berliner Ensemble, das ist meine Ausbildung gewesen, da kommt meine Bühnenpersönlichkeit her, mein Mut zum Theater, zum Kabarett, zur Rock ’n’ Roll-Operette.
An Mut hat es Ihnen nie gefehlt.
Hagen
Doch. Ich hatte immer Lampenfieber vor Auftritten, wie eine Kuh vorm Schlachthof am Elektrozaun. Ich mache diesen Job aber, weil Gott mir diese Berufung geschenkt hat. Da kommt meine Energie, meine Kraft her, mich zu trauen, die Kunstperson Nina Hagen zu sein. Ich bin am Leben, um das Evangelium zu verkünden, auf meine individuelle, lebendige Art und Weise.
Haben Sie mit der Popindustrie, an der Sie oft harte Kritik geübt haben, Ihren Frieden geschlossen? Sie haben Stars wie Lady Gaga und Beyoncé wegen ihrer übersexualisierten Performances gerügt.
Hagen
Manchmal treffe ich Künstlerinnen in meinen Träumen. Die Komödiantin Carolin Kebekus hat ihre neue Show „Shesus“ genannt. Sie steckt viel Hass und Häme ein, ihr wird vorgeworfen, Gott zu lästern. Das tut sie aber nicht, ich bin mir sicher, der liebe Gott amüsiert sich köstlich über sie. Es ist große Kunst, was die Frau macht. Neulich habe ich aber auch den Vorentscheid zum ESC gesehen, da hat sich eine Sängerin durchgesetzt, die jetzt für Deutschland ins Rennen gehen wird. Und die habe ich in meinem Traum getroffen und mit ihr geredet – viel Privates, das bleibt unter uns. Aber dann habe ich ihr auch gesagt: Sister, du musst noch ein bisschen üben. Die Strophen sind voll out of tune gewesen. Das war schief. Die Refrains hast du gut gebrettert. Aber in den Strophen hat es nicht gesessen. Da muss sie einfach üben, noch mal reinhauen, üben, bis das Fass überläuft. Mal sehen, ob das zu ihr durchgedrungen ist.
Das werden wir live im TV sehen können.
Hagen
Genau. Ich bin immer nur konstruktiv unterwegs. Nie böse oder so. Lady Gaga ist ein liebenswerter Mensch, ich bin nur kein Fan ihrer Musik und ihrer Bühnenperson. Dieses dämonenverliebte Gehabe geht mir gegen den Strich. Aber ihre Arbeit als Schauspielerin finde ich großartig. Ich bleibe ehrlich.
Sie haben dem österreichischen Fernsehen 1979 den wohl schönsten Punk-Moment seiner Geschichte beschert, als Sie im „Club 2“ live die Handgriffe erklärt haben, mit denen man sich selbst am besten Freude bereiten kann. Erinnern Sie sich noch an den Aufruhr damals?
Hagen
Ja, selbstverständlich, das war ja nur passiert, weil ein in die Jahre gekommener Mann sich dort so niederträchtig über das weibliche Geschlecht ausgelassen hat. Er hat Frauen als „Weiber“ diffamiert und ihnen Orgasmusschwierigkeiten attestiert. Ich habe ja mit dem Thema nicht angefangen, nur ein bisschen Sexualkunde-Brainstorming betrieben. Und ich habe es nicht gemacht, um zu provozieren oder einen Skandal auszulösen. Sondern aus meinem freiheitsliebenden, vor Daseinsfreude strotzenden …
… Enthusiasmus?
Hagen
Genau, aus Lebensfreude. Nichts Böses hab ich mir dabei gedacht. Als ich dann erfahren habe, wozu das führte, wurde mir schwarz vor Augen. Ich wurde fast ohnmächtig, als ich gehört habe, dass sie den Talkshow-Master Dieter Seefranz gekündigt hatten. Seine Karriere war am Ende. Wegen mir? Das konnte ich nicht verstehen. Ganz Österreich kann sich in die Ecke stellen und nachträglich noch mal eine Runde schämen! Dass man diesem Mann das angetan und mich so beschimpft hat! Ich war mitten in meinem jungen Erwachsenenalter, war gerade aus der DDR in den Westen gekommen. Und gleich wird man vorgeführt und abgeurteilt.
Sinn für Humor hatte das österreichische Bürgertum damals nicht.
Hagen
Dieses Denunziantentum ist so gefährlich. Das ist ein faschistisches Überbleibsel. Dagegen müssen wir uns wehren.
Wie lief denn die Arbeit mit Nana Mouskouri? Sie ist ja schon 91.
Hagen
Ja, sie ist ein Golden Girl. Wie ich auch. Sind wir alle, Gitte ebenso, sie wird 80 im März, ich werde 71. Nana ist schon 90 plus. Ich liebe diese Frau. Sie hat einst mit Quincy Jones und anderen unglaublich schöne Musik abgeliefert. Und sie ist auch so eine schöne griechische Friedenstaube.