Die Künstlerin Florentina Holzinger lächelt, im Hintergrund Schüttbilder des Aktionisten Hermann Nitsch
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Ans Limit: Die Methoden und Obsessionen der Künstlerin Florentina Holzinger

Sie wird inbrünstig gehasst und kultisch verehrt: Die Wiener Künstlerin Florentina Holzinger spaltet mit ihrem Schock- und Aktionstheater die Welt. Was treibt sie an? Welchen Vorgaben folgt sie? Versuch einer Erklärung in 14 Begriffen.

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Aktionstheater

Hinter der Allgegenwart der Künstlerin Florentina Holzinger, 40, stecken 15 Jahre konsequenter Aufbauarbeit. An Europas Bühnen reißt man sich um ihr Aktionstheater, internationale Kunstfestivals buchen sie als Element der Ruhestörung, und auch der Salzburger Stargalerist Thaddaeus Ropac, der sonst eher nicht mit Performancekunst handelt, hat erkannt, dass der Hype um Holzinger Profit verspricht. 2026 steht die Wienerin im Zenit ihrer Karriere: Bei der Biennale in Venedig ist sie mit ihrer gewagten Live-Installation (siehe Foto rechts) seit drei Wochen globales Gesprächsthema, in Melbourne gastiert sie derzeit mit ihrem Tech-Medizinstück „A Year Without Summer“ (2025), an der Berliner Volksbühne gehört sie bereits zum Kernteam, und vor wenigen Tagen erst hat sie auf Schloss Prinzendorf ein aufwendiges „Pfingstspiel“ für Wiens Festwochen arrangiert. Holzingers Direktverbindung zu den weiblichen Linien der Aktionskunstgeschichte ist schnell hergestellt: Kreative Schmerzensfrauen wie die bald 80-jährige Serbin Marina Abramović, wie VALIE EXPORT oder Yoko Ono gehören zu Holzingers Basisreferenzen. Sie zollt aber sehr demonstrativ auch Choreografinnen wie Trisha Brown oder dem Vorarlberger Künstler Flatz Tribut, der in der Aktion „Bodycheck“ schon 1990 – wie sie selbst nun in Venedig – als menschlicher Glockenklöppel auftrat.

Blut 

Die Aura des Gefährlichen umweht Holzingers Shows, die in der Regel mit Jugendverbot belegt sind und auf Triggerwarnungen vor „Blut und Körperflüssigkeiten, selbstverletzenden Handlungen und der expliziten Darstellung sexueller Handlungen“ setzen. Übertrieben ist dies nicht: Holzingers Crew treibt sich beispielsweise gern Stahlhaken in die Rückenpartien, um an Ketten von Wänden und Decken zu hängen, gehalten nur von der offenbar reißfesten Haut der Performerinnen.

Zwei nackte Frauen mit E-Gitarren in einem futuristischen Bühnenbild
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Choreografie

 Den Tanzbegriff legt Florentina Holzinger breit an. In Amsterdam hat sie einst Choreografie studiert, sich aber von klassischem Ballett und modern dance über die Jahre weit entfernt. An den von ihr konzipierten Aktionen, ausgeführt von einer bestens aufeinander eingespielten Truppe an Mitarbeiterinnen, nimmt Holzinger ganz selbstverständlich auch selbst teil, setzt den eigenen Körper aufs Spiel.

Feminismus 

Um weibliche Selbstermächtigung geht es Holzinger, sie feiert Queerness, Chaos und Diversität. Als eine der Erbinnen des Wiener Aktionismus deutet sie dessen patriarchale Historie feministisch um. Auch deshalb war das Prinzendorfer Schloss des 2022 verstorbenen Aktionskünstlers Hermann Nitsch als Schauplatz ihres „Pfingstspiels“ so sinnträchtig.

Haut 

Die Haut sei ein Bodysuit, sagt Florentina Holzinger gelassen, „wie ein Einteiler, der einen hält“. Nur die Heilung der Wunden nach ihren Shows erfordere „viel Aufmerksamkeit“.

Humor 

Wer den Witz übersieht, mit dem Holzinger ihre Aktionen – so drastisch sie mitunter wirken mögen – ausstattet, hat keine Chance, an den Kern ihrer Kunst zu kommen. Mit jenem heiligen Ernst, der ihren Inszenierungen fallweise unterstellt wird, hat sie nicht viel am Hut, lieber schraubt sie sehr trashige Jackass-Elemente, Sex, Motorsport, Volksfest- und Jahrmarktgängiges in ihre hochkulturell erscheinenden Manöver.

Kontroverse 

Nackte Nonnen, schäumende Exkremente und ein Urinbecken in den Biennale-Giardini: Holzinger legt es auf Provokation an, aber eher im Sinne eines Aufrufs zu eigenem Denken und freier Assoziation als zu bloßer Skandalerregung und Bürgertumsattacke. Mit dem Hass, den ihre Aktionen freisetzen, geht sie entspannt um, als gehörte er ins Bild.

Eine Reihe unbekleideter Performerinnen klettert in einem Innenraum eine mit Skulpturen dekorierte Säule hinauf.
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Körper 

Holzinger handelt mit physischen Reaktionen – auf der Bühne und im Zuschauerraum. Von umkippendem Publikum, das all die Piercings und klaffenden Wunden mit Ohnmacht und Übelkeit quittiert, berichtet nicht nur die Rezeptionsgeschichte des Nonnen-Musiktheaters „Sancta“ (2024). Seither trägt Holzinger gern ein T-Shirt mit variierter Kafka-Sentenz: „In der Oper gewesen. Gekotzt.“ In einem profil-Interview 2023 sagte die Künstlerin: „Der Körper ist mein Material.“ Und: „Natürlich geht es darum, an Limits zu gehen.“

Stefan Grissemann

Stefan Grissemann

leitet seit 2002 das Kulturressort des profil. Freut sich über befremdliche Kunst, anstrengende Musik und waghalsige Filme.