Szene aus der unglaublichen Einstiegssequenz: Der Schauspieler Wagner Moura in "The Secret Agent"
Ein später Höhepunkt des Kinojahres: „The Secret Agent“
„Say hello to the Gartenbaukino”, meint Kleber Mendonça Filho, der in diesem für ihn so turbulenten Festivaljahr nicht zur Viennale reisen konnte, am Ende unseres Gesprächs. Und das klingt so wehmütig, wie man das erwarten kann bei einem, der alte Kinos über alles liebt; den Lichtspielhäusern seiner Jugend hat er unlängst sogar einen eigenen Dokumentarfilm gewidmet hat: „Retratos Fantasmas“ („Pictures of Ghosts“, 2023). In Recife, der Hafenstadt im Nordosten Brasiliens, ist Mendonça aufgewachsen, dort lebt und arbeitet er noch heute, mit seiner Partnerin, der französischen Schauspielerin Emilie Lesclaux, und den beiden gemeinsamen Kindern.
Es hat sich kurioserweise noch immer nicht weit genug herumgesprochen: Aber Kleber Mendonça Filho, 57, gehört, nach vier Spiel-, zwei Dokumentar- und zahllosen Kurzfilmen, im internationalen Gegenwartskino zu den Allergrößten. Sein neuer Film, seit wenigen Tagen auch in Österreich zu besichtigen, bildet einen vorläufigen Karrierehöhepunkt: „The Secret Agent“ ist ein bildgewaltiger, unkonventionell inszenierter Crime-Thriller, der 1977, in den Wirren der brasilianischen Militärdiktatur und natürlich wieder in Recife spielt. Im Zentrum steht ein – von „Narcos“-Serienstar Wagner Moura verletzbar dargestellter – Universitätsprofessor, der nach einer falschen Bemerkung unversehens zu einem politischen Flüchtling wird, gejagt von Spionen, Opportunisten und Auftragsmördern.
Dies mag nach Genre- und Formelkino klingen, in Mendonças spielerischer Inszenierung jedoch wird aus dem Stoff etwas viel Persönlicheres, auch Unberechenbareres. „The Secret Agent“ ist fast drei Stunden lang (und keine Sekunde lang öde): ein politischer Sozialkrimi über Solidarität und Haltung in Zeiten der Korruption. Und, natürlich, auch eine Reflexion über die Macht eines verflossenen Kinos.
Klischees vermeiden!
„Ich wollte unbedingt die Klischees vermeiden, die in so vielen Filmen aus Chile oder Argentinien vorkommen: junge Leute, die Banken ausrauben, um ihre Aktionen zu finanzieren, Elektroschockfolter und solche Dinge“, sagt Mendonça im Gespräch mit profil. „Alldem wollte ich aus dem Weg gehen, stattdessen mit ganz anderen Mitteln eine Atmosphäre der Angst erzeugen“.
Vielfach preisgekrönt: Regisseur und Autor Kleber Mendonça Filho
Das sanfte, subtile Schauspiel des Hauptdarstellers Wagner Moura definiert „The Secret Agent“. Die Rolle hat Mendonça speziell für ihn geschrieben. „Wagner versteht Brasilien genauso gut wie ich, er ist ein großartiger Mensch und ein großartiger Schauspieler. Die Kamera liebt ihn, er hat immense Starqualitäten und kann Empathie erzeugen, fast wie ein klassischer Held.“ Mendonça habe diese Figur als jemanden konzipiert, der – obwohl er in eine Geschichte der Waffengewalt gerat – niemals eine Waffe trägt. „Er agiert weniger, reagiert eher nur. Aber ich glaube, das hilft dabei, sich in ihn hineinzuversetzen, denn er versucht, wie das Publikum, zu verstehen, was vor sich geht. Man weiß anderthalb Stunden lang nicht so recht, was genau da vor sich geht, wie er selbst es eben auch nicht weiß.“
Das autoritäre Regime, das er während seine Kindheit und Jugend aus nächster Nähe erlebte, könnte dazu beigetragen haben, dass er erst Journalist, später ein gesellschaftskritischer Autor und Filmemacher wurde. „Ich bin mir nicht sicher. Ich denke, die Tatsache, dass meine Mutter Historikerin war, spielte eine größere Rolle. Ich hatte schon als Kind eine natürliche Neigung zum Schreiben. Außerdem liebte ich das Kino früh. Es gab einen Moment, der mich sehr geprägt hat, 1977 oder 1978: Meine Mutter war krank geworden, und mein Onkel nahm mich und meinen Bruder mehrmals mit ins Kino, um uns von dem Problem daheim abzulenken. Das hat einen starken Eindruck in mir hinterlassen: nicht nur die Filme, auch die Innenstadt, ihre Gerüche, Geräusche und Farben.“ Er habe damals Schwierigkeiten gehabt, die Filme zu sehen, die er sehen wollte, weil er kaum zehn Jahre alt war. Die Schocker „Das Omen“ und „Carrie“ standen unter Jugendverbot. Auch „Der weiße Hai“, der in „The Secret Agent“ zitiert wird, war erst ab 14 freigegeben. „Ich liebte die Plakate und Fotos vor den Kinos, aber ich durfte diese Filme nicht sehen. Der Journalismus hat mich dem Kino dann nähergebracht, denn Filmschulen gab es in Recife noch nicht. So wurde ich Filmkritiker, arbeitete als Kulturredakteur.“
Globes und Oscars
Bei der Mitte März stattfindenden Oscar-Gala wird „The Secret Agent“, wenn nicht alles täuscht, wohl eine wesentliche Rolle spielen. In Brasilien gab es trotz des globalen Erfolgs – in Cannes wurde Wagner Moura als bester Schauspieler und Mendonça als bester Regisseur ausgezeichnet – starken Widerstand gegen die Nominierung des Films. Die Kinoindustrie seiner Heimat habe einen anderen Film vorgezogen, habe ihre Marktmacht genutzt, allerdings vergeblich: „The Secret Agent“ kam zum Zug, steht nun in der Kategorie Best International Feature Film auf der Oscar-Shortlist. Für drei Golden Globes ist die Produktion außerdem nominiert.
Ohne die vielen Jahre, die er mit der Entwicklung und Produktion seines Dokumentarfilms „Pictures of Ghosts” verbracht habe, würde dieser Film jedenfalls nicht existieren, sagt Mendonça: „Denn jener Film hat mich mit Erinnerungen an meine Kindheit neu verbunden. Und dann geht man ins Archiv, wo einige dieser Erinnerungen korrigiert werden.“ Erst nach „Pictures of Ghost“ habe er wirklich „das Gefühl gehabt, über das emotionale Wissen zu verfügen, um etwas zu schreiben, das 1977 spielt.“ Es hat sich bezahlt gemacht: „The Secret Agent“ ist ein Geschenk, das einem das Kino zum Jahresende noch macht.