Ins offene Mehr: Das famose neue Album der Londoner Post-Punk-Band Dry Cleaning
Die Kreuzfahrtschiffsdesignerverhöhnung ist ein Pop-Nischen-Topos, von dem man gar nicht wusste, dass man ihn braucht. Auf „Secret Love“, der dritten LP von Dry Cleaning, nimmt die Polemik unerwartet Form an: In „Cruise Ship Designer“ karikiert Sängerin Florence Shaw unnachahmlich spöttisch eine entsprechende Figur – als Exempel jener Sorte Mann, deren Geltungsdrang nur mit Mühe eine tiefe Verlorenheit übertüncht. Die Pointe am Ende des Stücks darf aber durchaus als Selbstauskunft gelesen werden: „I make sure there are hidden messages in my work.“ Eine gute Rätselhaftigkeit stellt seit den frühen Gigs in der legendären Südlondoner Venue The Windmill so etwas wie das Prinzip der Band dar. Diese ergibt sich maßgeblich aus Shaws Bewusstseinsstromkaskaden, ihrem faszinierend monotonen Vortrag, der Alltagsbanalitäten und absurde Gedankensplitter mit einem Witz koppelt, der – nun ja – recht trocken daherkommt. Gekoppelt mit den elastischen Post-Punk-Konstruktionen der Mitmusiker zeitigte dies auf den ersten beiden Alben erhebliche Einlullungskraft, die Dry Cleaning ein echtes Alleinstellungsmerkmal gegenüber wesensverwandten Projekten verschaffte.
Unter der Ägide von Art-Pop-Maestra Cate Le Bon wagt sich das Quartett nun an stärkere Durchlässigkeit: Die Gitarren senden gesteigertes melodisches Selbstbewusstsein, Shaw lockert ihren typischen Gestus auf und integriert Gesangspassagen, die sich nahezu als Pop bezeichnen lassen.
Damit vermeiden Dry Cleaning gekonnt jene ästhetische Selbstverfestigung, in der sich Acts wie Sleaford Mods längst eingerichtet haben. Nicht mehr nur mit der Attitüde kühler Distinktion bringt „Secret Love“ die vielgestaltigen kontemporären Sinnkrisen in eine Form, die bei allem sarkastischen Biss auch Nähe zulässt, möglicherweise ja sogar Ausgelassenheit: Der Abschluss-Song heißt „Joy“. Das kann tatsächlich noch heiter werden.